Biografie : Der Journalist

"Die Bundesrepublik wäre anders ohne ihn": Peter Merseburgers Biografie des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein.

Hermann Rudolph
Rudolf Augstein
Rudolf Augstein. -Foto: ddp

Noch muss man nicht erklären, wer er war. Fünf Jahre nach seinem Tod gehört Rudolf Augstein zu den großen Gestalten der Nachkriegsgeschichte, durchaus in einer Perspektive mit ihren Gestaltern, den Adenauers, Strauß’ und Brandts. Denn unbestreitbar ist, dass man so etwas wie ihn nicht nochmals sehen wird: ein bedeutender Journalist, der zugleich Inspirator, Beherrscher und Inbegriff einer publizistischen Großmacht war, die eine tiefe Spur durch das politische und gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik gezogen hat. Dazu eine Biografie, die etwas von dem Märchen-Muster hat, dass einer auszieht und eine Welt gewinnt. Auch deshalb ist es Zeit, festzuhalten, was ihn zu dem machte, was er war, was ihn antrieb und was sich in einer Erscheinung wie ihm an wirkenden Kräften versammelte. Kurz: es ist Zeit für seine Biografie.

Peter Merseburger, der sie geschrieben hat, markiert bereits mit dem dritten Satz seines Buches den Anspruch unter dem dieses Unternehmen steht. Er heißt, lapidar: „Die Bundesrepublik wäre anders ohne ihn und seinen ,Spiegel’“. In der Tat schreibt Merseburger die Biografie Augsteins als Geschichte eines untrennbaren, sich gegenseitig herausfordernden Verhältnisses von Person und Epoche. Zustimmend zitiert er den „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, dass Augstein mit dem „Spiegel“ der „Großfabrikant des deutschen Nachkriegsbewusstseins“ gewesen sei. Aber Merseburger ist auch überzeugt davon, dass ein ganzer Strang der Geschichte der Republik seinen Fokus im Ingenium der Person Augstein hat. Akribisch und einfühlsam sucht er deshalb zu begreifen, wie der „Journalist des Jahrhunderts“ – so das Prädikat, das ihm zwei Jahre vor seinem Tode zuerkannt wurde – sein Leben gelebt hat: die eminente öffentliche Rolle als Konsequenz einer höchst eigentümlichen Verbindung von Charakter, Temperament und Schicksal.

Es gehört dazu, dass Merseburger sich ausführlich einlässt auf Augsteins frühe Jahre: auf die katholische Familie aus dem Rheingau, die Kindheit und Jugend im protestantischen Hannover den Hintergrund einer Diaspora-Existenz gibt, vor allem aber auf die Erfahrung von Krieg und Nachkrieg. Ohne das zeittypische Pandämonium von Druck und Konflikten, die eine Jugend unter dem Hakenkreuz einschließt – zumal bei frühem journalistischen Ehrgeiz –, von Arbeitsdienst und Fronteinsatz ist, so der Schluss des Autors, weder Augstein noch der „Spiegel“ zu verstehen. Die Spuren dieser Prägung reichen weit hinein in die ersten „Spiegel“-Jahre, in denen der junge Trupp der Überlebenden das Magazin erfindet, getragen von ihrer „Nie-wieder“-Entschlossenheit und einem tiefen Misstrauen gegen große Worte und so gut wie jede Form von Obrigkeit. Es ist die Essenz, die das Blatt im Laufe der Jahre zu einem, wie Merseburger schreibt, „Institut der Respektlosigkeit“ und einer „Volkshochschule der Ehrfurchtsverweigerung und Skepsis gegenüber aller Autorität“ werden lässt.

Es war ein langer, allmählicher Prozess. Denn die heftige Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“, die der „Spiegel“ in seinen frühen Jahren führte, aufgehängt an seinen Affären und seinen Protagonisten, kann nicht verbergen, wie sehr er selbst noch – changierend zwischen Kritik an den Besatzungsmächten und nationalem Trotz – in dessen Schatten steht. Gleichwohl verteidigt Merseburger den „Spiegel“ gegen die in den letzten Jahren aufgekommene Kritik, er habe erst mit der „Spiegel“-Affäre 1962 seine aufklärerische Linie gefunden. Er sei, so setzt er dagegen, ein Kind seiner Zeit gewesen, in der Altes und Neues, Demokratie-Anfänge und Volksgemeinschaftsreste noch ziemlich durcheinandergingen. In dem Maße, in dem die Bundesrepublik Gestalt gewinnt, wird aus Aufmüpfigkeit und Widerspruchsgeist das Profil, das dann in der „Spiegel“-Affäre seine Feuerprobe erlebt.

Sie war übrigens, so macht Merseburger klar, nicht nur die heroische Stunde, zu der sie dann wurde. Sie brachte den „Spiegel“ an den Rand des Abgrunds und auch Augstein, der Strauß in einem wahren „Kreuzzug“ zum „Abziehbild des Bösen“ gemacht hatte, habe in ihr nicht den Volkstribun gegeben, den die Redaktion gern gehabt hätte, sondern eher versucht, „sich wegzuducken“. Doch Echo und Ausgang der Affäre machen Augstein und den „Spiegel“ zu einer Instanz. „Selten wurde Kapital so gut investiert“, spöttelt der Autor, „wie die dreieinhalb Monate seiner Haft.“ Denn nun beginnt die große Zeit des „Spiegel“, seine Arm-in-Arm-Liaison mit dem Zeitgeist, wird Augstein zur Bezugsperson einer Generation und der liberalen Öffentlichkeit.

Es kennzeichnet den Scharfsinn von Merseburgers Analyse, dass er von diesem Erfolg her die Distanz zwischen Augstein und dem „Spiegel“ datiert, die ihn später in seinem Blatt fast zu einer Art Fremdkörper werden lässt. Sein Temperament sucht nach neuen Aufgaben. Sein Ausflug in die Politik als FDP-Abgeordneter gehört dazu, der Autorenehrgeiz, dem Bücher wie „Friedrich und die Deutschen“ und „Jesus Menschensohn“ entstammen, überhaupt zahlreiche verwegene Ritte durch die deutsche Geistes- und Geschichtslandschaft, auch die verlegerischen Operationen des nun vermögenden Mannes. Vieles davon nimmt Augstein rasch zurück, manches ist nicht wirklich ausgegoren: „Ausbruchsversuche“ aus der „Spiegel“-Routine, Suchbewegungen nach einer neuen Identität nennt sie der Autor. Dass er sie en passant im Zusammenhang mit Augsteins Ehen, seiner geringen Begabung für feste Beziehungen behandelt, deutet an, dass er darin nicht zuletzt Zeugnisse eines schwierigen Charakters sieht.

An diesem Charakter arbeitet Merseburger sich ab, durchaus ergiebig. Es ist nicht zuletzt der Ertrag des Buches, dass das Bild einer höchst spannungsreichen Persönlichkeit entsteht. Es gibt da spielerisch-heitere Seiten – der vor seinen Sekretärinnen Arien schmetternde Wagner-Fan, der Bayreuth sogar einmal eine Textkorrektur vorschlägt. Vor allem aber ist Augstein ein Charismatiker, der Menschen für sich einnehmen kann, und zugleich ein Zyniker und Machtmensch, der sein Blatt nach Gutsherrenart traktiert, mit Geld um sich schmeißt, wenn ihm die Laune danach ist. Im Übrigen kann man Merseburger nur konzedieren, dass seiner Darstellung jegliche hagiografischen Züge abgehen. Immerhin war er fünf Jahre „Spiegel“-Redakteur.

An Faszination verliert diese Gestalt dennoch nicht, aber zunehmend sind es Zwiespältigkeit und Vorbehalte, die sich in diesen Eindruck mischen. Natürlich bleibt die publizistische Figur imponierend, die im Zickzackkurs zwischen den Reizpunkten der alten Bundesrepublik agiert, von den Notstandsgesetzen bis zu Ostpolitik, von Kohl bis zur Vereinigung, immer eher mit dem Säbel als mit dem Florett, oft hart auf den Punkt, oft entschlossen daneben. Aber, so Merseburger, „Rudolf Augstein galoppiert gelegentlich ziemlich ungezügelt mit dem Zeitgeist und lässt sich von ihm davontragen, wenn es ihm opportun erscheint“.

Am Ende erweist sich Augstein als ein Mann, der sich erstaunlich treu bleibt: ein Nahkämpfer, streitbar nach fast allen Seiten, nicht frei von einem israelkritischen Juckreiz, gewiss doch ein „Sturmgeschütz der Demokratie“ – um seine martialische Formel für den Spiegel zu benutzen –, aber, so Merseburger, kein wirklich „überzeugter Mann des Westens“. Immerhin: der vielleicht „letzte echte Nationalliberale“ – wie der Autor ihn apostrophiert – erspart seinem Blatt mit seiner Parteinahme für die Wiedervereinigung eine historische Blamage.

Über die letzten Jahren fallen die Schatten. Alkoholismus und Alter unterminieren ihn. Man sieht ihn an seinem Restaurantstammplatz „wie eine verstörte Schildkröte, den Rücken krumm, den Kopf zwischen die Schultern gezogen“ (wie Merseburger einen Kollegen zitiert). Seinen Kommentaren kommt die alte „luzide Treffsicherheit“ abhanden, findet selbst der alte Bewunderer Peter Glotz; sie werden sprunghaft und apodiktisch. Natürlich will er nicht loslassen, doch die Sorge um sein Lebenswerk, zumal das Bedauern über die hälftige Beteiligung, die er den „Spiegel“-Mitarbeitern in den Jahren des Demokratisierungsrauschs eingeräumt hat, treibt ihn in hastige, auch brachiale personelle und verlegerische Entscheidungen.

Das alles ändert nichts am Rang dieses Lebens, aber es zeigt, wie hoch der Preis dafür war. Peter Merseburger kann für sich in Anspruch nehmen, seine Spannweite kenntnisreich, mit Sinn für Höhen und Tiefen und dabei fair ausgeschritten zu haben. Kein Denkmal, eine Biografie: die gelungene Annäherung an das Ereignis einer Person, in dem sich ein gut Teil der Epoche spiegelt.

– Peter Merseburger: Rudolf Augstein. Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 560 Seiten, 29,95 Euro

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