Biografie : Ein Endspiel

Schon jetzt gibt es einen kleinen Aufruhr um Max Frischs "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch". Hauptakteure der Auseinandersetzung sind zwei Schweizer Großintellektuelle: Adolf Muschg, der Schriftsteller, und Peter von Matt, derzeit der einzige Germanist mit Breitenwirkung.

Hans-Peter Kunisch
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Aufrichtigkeit ist alles. Alice Locke-Carey und Max Frisch 1981 in Graz. -Foto: Isolde Ohlbaum

Streitpunkt ist ein Dritter, der wie ein Schatten über den beiden Halbgöttern thront: Max Frisch, dessen einstige Wirkungsmacht in der Schweiz man sich, bei allen Unterschieden, als explosive Mixtur aus Grass & Walser vorstellen muss. Verständlich, dass es unter geistigen Söhnen und Enkeln Nachfolgekämpfe gibt.

Diesmal geht es um Frischs drittes Tagebuch, das Peter von Matt, Präsident des Stiftungsrats der Max-Frisch-Stiftung jetzt herausgegeben hat, obwohl Adolf Muschg, selbsternannter „Noch-Stiftungsrat“, dagegen war. Muschg hält den Text für literarisch minderwertig, sieht in seiner Herausgabe das Ansehen Frischs gefährdet und meint zu wissen, dass dieser es nicht herausgeben wollte, was Peter von Matt in allen drei Punkten anders beurteilt.

Schon bevor Frisch mit der Nummerierung begann, gab es Aufregung um die Tagebücher. Als erstes um die „Blätter aus dem Brotsack“, Max Frischs Aufzeichnungen als Kanonier während des Zweiten Weltkriegs, die Patriotismus verraten und von Jüngerschem Kriegspathos nicht frei sind. Vor einigen Jahren gab Julian Schütt „Jetzt ist Sehenszeit“ heraus, Briefe und Aufzeichnungen aus den letzten Kriegsjahren, die Frischs Schwanken bei der Einschätzung Nazi-Deutschlands zeigen – bis haarscharf vor Ende des Kriegs. Dann kam das viel bewunderte „Tagebuch 1946 – 49“ heraus, in dem der Schriftsteller, gerade erst ein neutralen Beobachter geworden, Deutschland bereist und sich einübt in Selbst- und Gesellschaftsbefragung. Welche im „Tagebuch 1966 – 71“, ob der manchmal schematischen Politisierung ebenfalls angefeindet, deutlicher zur Geltung kam.

Jetzt also das „dritte“ Tagebuch, dessen Duplikat Frischs Sekretärin Rosemarie Primault beim Umbau ihrer Wohnung fand und vor zehn Jahren Walter Obschlager übergab, dem damaligen Leiter des Archivs. Andere Textfassungen sind nicht mehr vorhanden oder noch nicht gefunden, doch die vorliegende Schrift trägt, wie von Matt in einem knappen, sein differenzierendes Nachwort ergänzenden Herausgeberkommentar feststellt, den Titel: „Tagebuch 3. Ab Frühjahr 1982. Widmung. Für Alice. New York, November 1982.“

Ein zum Zeitpunkt der Titelgebung zur Veröffentlichung bestimmter Text. Warum Frisch ihn später selber fallen ließ, darüber gibt es bislang nur Spekulationen. Wer sich die inkriminierten Seiten ansieht, kann es ebenfalls bloß vermuten. Mit Sicherheit gibt es schwache Stücke darin, aber das war auch in den anderen Tagebüchern der Fall. Wie dort merkt man aber auch hier nach kurzer Zeit Frischs Intention und Stärke: In einer nach außen gekehrten, säkularisierten Variante protestantischer Selbst- und Fremdkritik wird alles, was dem Autor begegnet, einer intensiven Wahrhaftigkeitsprüfung unterworfen.

Dazu gehören selbstverständlich auch die USA, in einer sogar gegenüber dem „Tagebuch 66 –71“ im Ton forcierten Spielart. Das hat seine Gründe. Eingangs berichtet Frisch, wie sich seine Position verändert hat. Aus „New York als Herausforderung“ und „Wallfahrtsort“ ist sein Wohnsitz geworden. Für ihn ein Anlass, erst recht genauer hinzusehen. Was zu spontanem Unmut führt: „hocke draußen auf der eisernen Feuertreppe im fünften Stock und kann es mir nicht verhehlen: Wie dieses Amerika mich ankotzt!“ Hintergrund ist die Präsidentschaft von Ronald Reagan.

Mitunter ist dem Schriftsteller deshalb Antiamerikanismus vorgeworfen worden. Doch Frisch entwickelt selbst für diese Anti-Intellektualität in Person eines seiner berühmten, gemischten Urteile: „Er wirkt vertrauenswürdig, ja, und ich erschrecke. Dieser Mann weiß, was er glaubt, und man glaubt ihm, dass er sagt, was er weiß. Und ich ertappe mich dabei, dass ich beinahe gerührt bin von seinem Vortrag, von seiner Väterlichkeit.“

Nein, Frisch ist kein „Anti-Irgendwas“. Es geht ihm, etwa anhand der „Maske“ des Vaters seiner damaligen Partnerin Alice Locke-Carey, um die Fähigkeit zur Aufrichtigkeit. Insofern weiß er sich bizarren Psychoseminaren verbunden, in denen sich Alice herumtreibt; ihr Ziel ist, „Keep Smiling“-Haltungen aufzubrechen.Das gilt auch für Frisch.

Immer wieder fällt dabei das Theatralische seiner Selbstanalyse auf. Sagt der sich „alt“ vorkommende 70-Jährige in einem der konzentrierten Kurztexte (von Matt hat ihnen die schöne Bezeichnung „Meditationsvorlagen“ gegeben), „wenn ich mir selbst nichts zu sagen habe, so heißt das vermutlich: ich scheue mich zu wissen, was ich eben erfahre“, so fügt er gleich am Anfang des nächsten Texts die Konkretisierung an, als sei er sich der Vagheit der Aussage im Moment der Niederschrift bewusst geworden: „Wann gibt man die geschlechtliche Impotenz zu?“ Oder warum nicht? Weil „auch auf Impotenz kein Verlass ist“. Frisch bleibt ein Meister der pointierten Differenzierung.

Keine Rede davon, dass hier ein alter Mann nur noch private Trauer schiebt. Es gibt die erzählerisch wunderbar ausformulierten Sehnsuchtsträume vom „Lebensabendhaus“ mit 13 Zimmern, eine explizite Glücksliste zum Leben mit Alice (Lynn aus „Montauk“), es gibt die Freude des langsam Schwächeren, wenn er merkt, dass er noch immer segeln kann.

Was das eigene Schreiben angeht, spricht Max Frisch Klartext: „Es langweilt mich jedes Wort, das ich geschrieben habe, es hilft auch nicht, dass ich Wörter umtausche in meinem Turm“, aber gerade solche geschliffenen Passagen zeigen, dass die Klage auch als Koketterie gewertet werden muss: „Ich schüttle Sätze, wie man eine kaputte Uhr schüttelt.“

Dem widersprechen brillante Diagnosen wie jene, die „die gigantische Gelangweiltheit der Gesellschaft“ als Grund ihres Delirierens in „Tourismus“, „Fernsehen“, „Sexismus“ ausmachen. „Was hat dazu geführt?“ Die Gesellschaft produziere „Tod wie noch nie“, meint Frisch, aber „Tod ohne Transzendenz, und ohne Transzendenz gibt es nur die Gegenwart, richtiger gesagt: die Augenblicklichkeit unserer Existenz als Leere vor dem Tod“.

Der Tod ist das große Thema dieses Buchs. Äußerer Anlass ist das Sterben des Freundes und Strafrechtlers Peter Noll, der selber postum mit seinen „Diktaten über Sterben und Tod“ bekannt wurde. Frisch reist mit Noll nach Ägypten, fliegt mit ihm nach dessen Zusammenbruch zurück, begleitet ihn fast bis zum Ende. Es stimmt, dass erzählerische Passagen in diesem Tagebuch seltener sind als in den früheren.

Was Frisch selber als Problem formuliert. Aber nur, weil ein Schriftsteller nicht mehr genau dem Bild entspricht, das man von ihm gepflegt hat, muss man einen Text nicht verstecken. Auch wenn jetzt sogar die Finderin Rosemarie Primault, noch ohne das Buch und das Nachwort gesehen zu haben, meint, dass die Veröffentlichung verfehlt war. Peter von Matt hat den sorgsamen Blick eines Literaturwissenschaftlers bewiesen und sich gegen Gralshüter durchgesetzt, die keine Kratzer auf ihre Statue kommen lassen wollen. Und das ist gut so.

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter von Matt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 213 Seiten, 17,80 €.

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