Biografie : Hitlers Wegbereiter

Die Ursprünge des modernen Antisemitismus: Ulrich Sieg über Paul de Lagarde und seine „Deutschen Schriften“, die auch Adolf Hitler intensiv studierte.

Hannes Schwenger

Die Biografie eines Antisemiten zu schreiben, sei keine leichte Aufgabe, schickt Ulrich Sieg seiner Biografie Paul de Lagardes voraus: „Schließlich dürfte es keine Fußnote der NS-Geschichte sein, dass Adolf Hitler nach der ,Machtergreifung’ intensiv die ,Deutschen Schriften’ studierte. 1945 brach die Auseinandersetzung mit Lagarde denn auch fast vollständig ab.“

Nicht gänzlich, wenn man sich an Fritz Sterns Standardwerk „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ erinnert. Stern stellte 1961 Lagarde neben Julius Langbehn und Moeller van den Bruck so nachhaltig unter Verdikt, dass – so wieder Ulrich Sieg – „nach den angeblichen Vordenkern des ,Tausendjährigen Reichs’ kein Hahn mehr krähte. Lagarde mutierte geradezu vom ,Propheten völkischer Wiedergeburt’ zur Unperson. Bis auf den heutigen Tag hat sich daran nichts geändert“.

Ob sich daran künftig etwas ändern wird, kann man auch nach der Lektüre seiner Biografie bezweifeln. Eine Unperson kann man Lagarde nach dieser eingehenden Studie seiner problematischen Persönlichkeit allerdings nicht mehr nennen. Er sei ein schwieriger Mensch gewesen, resümiert Sieg nach 350 Seiten, nach einer freudlosen Kindheit früh vereinsamt und „von einer psychischen Versteinerung begleitet, die ihn seine Existenz immer mehr als Last empfinden ließ“. Weder die Liebe seiner Frau noch die späte berufliche und öffentliche Anerkennung hätten daran etwas ändern können. Am Ende sei er auch an seinem selbst gewählten Lebenswerk, einer kritischen Ausgabe der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, gescheitert. Erschienen ist nur ein Band, acht Jahre vor seinem Tod 1891.

Seinen Ruhm zu Lebzeiten und seinen zweifelhaften Nachruhm verdankt der Orientalist und Theologe, der die meisten seiner wissenschaftlichen Schriften auf eigene Kosten herausgab und erst 1869 als 42-Jähriger auf einen Lehrstuhl in Göttingen berufen wurde, seinen „Deutschen Schriften“. Sie erschienen in zwei Bänden 1878 und 1881 in der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung, als Gesamtausgabe 1886. Der Titel erinnerte nicht unbeabsichtigt an die „Deutsche Mythologie“ Jacob Grimms, mit dem Lagarde seinerzeit in respektvollem Kontakt stand. Formal sind die „Deutschen Schriften“ eine Sammlung politischer und kulturkritischer Essays und Gedichte aus drei Jahrzehnten, die „von der Enttäuschung über Bismarcks Außenpolitik über die Kritik an entfremdeter Industriearbeit bis zur stimmungsvollen Idylle eine Vielzahl von Tönen“ anstimmen. Den programmatischen Aufsatz Die Religion der Zukunft schrieb Lagarde eigens für diese Sammlung; darin setzt er sich ausführlich mit der christlich-jüdischen Religionsgeschichte auseinander, in der „die jüdische Art, die heilige Schrift zu behandeln, in die Kirche übergegangen“ sei.

Noch deutlicher sieht Sieg im zweiten Band der „Deutschen Schriften“ Lagardes Kulturkritik „begleitet von einem plakativ zur Schau gestellten Judenhass“ – durchaus zeitgemäß, wenn Heinrich von Treitschke zur gleichen Zeit die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation infrage stellte. Lagarde geht in seinem Aufsatz über „Die nächsten Pflichten deutscher Politik“ so weit, ganz Osteuropa als deutschen Siedlungsraum zu beanspruchen; die osteuropäischen Juden seien „nach Palästina oder noch lieber nach Madagascar abzuschaffen“, während die slawischen Völker zu „germanisieren“ seien. Den Deutschen bescheinigt Lagarde, „dass sie für alle Nationen der Erde eine Mission haben: Hindert man sie, als Deutsche zu leben, hindert man sie, ihrer Mission nachzugehen, so haben sie die Befugnis, Gewalt zu gebrauchen“.

Es mag ja sein, dass Lagardes Idee einer nationalen Religion „im Zug der Zeit lag“, wie Ulrich Sieg ihm zugute hält und dafür als Kronzeugen Thomas Mann zitiert, der ihn in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ noch 1918 als „Praeceptor Germaniae“ empfahl. Thomas Mann ist später von seinen Betrachtungen abgerückt, aber noch sein Sohn Golo, der Lagardes Antisemitismus „abscheulich“ fand, spekuliert in seinen „Erinnerungen und Gedanken“: „Inmitten von Lagardes schwarzer Seele muss trotz allem auch ein reines Licht gebrannt haben.“

Und Ulrich Sieg will nicht der letzte sein, der es ausmacht: „Wie immer man zu diesem Urteil stehen mag“, kommentiert er Golo Mann, „Lagardes sensible Seite sollte von der Geschichtswissenschaft nicht ignoriert werden, denn ohne sie wäre sein herrischer Nationalismus auf eine deutlich geringere Resonanz gestoßen.“ Hat vielleicht deshalb Hitler in ihm eine verwandte Seele gefunden? Dann gälte Siegs Schlusswort zu Lagarde auch für ihn: „Lagardes Schicksal zeigt, wie eng psychische Versehrtheit, gezielte Selbststilisierung und charismatische Wirkung zusammenhängen können.“


– Ulrich Sieg:
Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus. Carl Hanser Verlag, München 2007. 416 Seiten, 25,90 Euro.

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