Biografie : Kommunarde I

"Linientreuer Klassenkämpfer": Aribert Reimann historisiert Dieter Kunzelmann, der seine Aktionen als Kunstwerk definiert und so medienwirksam inszeniert, dass sie der Nachwelt im Gedächtnis blieben.

Hannes Schwenger
Kunzelmann Foto: pa-dpa
Im Dienst. Kunzelmann bei seiner Lieblingsbeschäftigung (hier im Jahre 1967). -Foto: pa-dpa

Eine Biografie zu Lebzeiten? Ist das nicht etwas übertrieben für einen verkrachten Künstler, Exkommunarden und Apo-Opa, der sich sogar einmal totsagen ließ, um Neugier für seine Autobiografie zu wecken? Auch die hat er nämlich schon geschrieben und 1997 von mehr oder minder gutgläubigen Freunden herausgeben lassen. Dass sie lückenhaft ist, wie sein neuer Biograf Aribert Reimann feststellt, wäre noch kein zureichender Grund, Dieter Kunzelmann in einer vierhundertseitigen Biografie zu würdigen, deren Buchausgabe sich als „gekürzte Fassung“ einer Habilitationsschrift an der Universität Köln vorstellt. Aber mit ihren nunmehr geschlossenen Lücken ist sie für ihren Autor, den Historiker Aribert Reimann, doch ein Paradestück der historischen Protestforschung, nämlich „der ideale Fremdenführer durch eine subversive Gegengesellschaft, die sich in vielen Fällen als die radikale Kehrseite der neobürgerlichen Mehrheitsgesellschaft begreifen lässt“.

Das kann man zugeben, selbst wenn der unfreiwillige Fremdenführer Kunzelmann auch dagegen schon protestiert hat. In einem Briefzitat von 1973, das Reimann als ironisches Motto für sein Buch anführt, macht sich Kunzelmann lustig: „Die ,Ursprünge der Bewegung’ intellektuell aufzuarbeiten, ist Futter für akademische Gäule – wir benötigen heute alles andere als ausgerechnet dies.“ Für ihn hatte stets Priorität, jedenfalls in seinem ersten Leben, die Bewegung durch Aktionen im Gang zu halten. Sehr früh schon, schreibt er in seiner Autobiografie, hätten ihn Revolutionäre wie Bakunin fasziniert, „für die die Wirkung der Tat entscheidender war als das, was in einer Hinterstube als Theorie fixiert oder als Kunstwerk der Nachwelt hinterlassen wird“.

Das klingt wie lupenreiner Anarchismus, ist aber wohl eher nur eine Momentaufnahme unter den „Bildern aus meinem Leben“, wie er seine Autobiografie untertitelt. Denn Dieter Kunzelmann hat nicht nur in vielen Hinterstuben Theorien fixiert – sowohl in Schwabinger wie in Kreuzberger Hinterstuben –, er hat auch seine Aktionen als Kunstwerk definiert und so medienwirksam inszeniert, dass sie der Nachwelt im Gedächtnis blieben. Begonnen hat er damit in der Münchner Künstlergruppe „Spur“, auf die Spitze getrieben hat er sie in der Berliner Kommune 1 und vorerst beendet mit Eierwürfen auf Politiker und Staatsanwälte, die ihn wiederholt, zuletzt 1999, ins Gefängnis brachten. Ihr durchgängiges Prinzip hieß Provokation. Über ihren Kunstwert lässt sich – im Vergleich mit ihren dadaistischen und surrealistischen Vorbildern oder zeitgenössischen Aktionskünstlern wie Joseph Beuys – allerdings streiten.

Und natürlich über ihre politischen Folgen. Man kann das von der Polizei verhinderte Puddingpulver-Attentat auf den amerikanischen Vizepräsidenten 1967 noch als Groteske belächeln – „die Lacher müssten auf unserer Seite sein“, verlautbarte die Kommune 1 anschließend – oder die Flugblätter über brennende Kaufhäuser zu Dada-Literatur erklären (wie es die akademischen Gutachter taten). Aber als in Frankfurt das erste deutsche Kaufhaus brannte und in Berlin ein Brandsatz im jüdischen Gemeindehaus gefunden wurde, blieb auch einigen Weggefährten das Lachen im Halse stecken. Dass Kunzelmann dabei seine Hand im Spiel hatte, ist erst später aufgedeckt worden; er selbst will es nachträglich für eine „glückliche Fügung“ halten, dass er „keine Aktionen zu verantworten“ hat, „denen Menschen zum Opfer fielen“. Dass er zur Ausbildung an palästinensischen Terror-Camps und in Berlin an „Gipfeltreffen des bewaffneten Untergrunds“ teilnahm, bleibt dennoch Tatsache. Und dass sein Freund Georg von Rauch einem Feuergefecht mit der Polizei zum Opfer fiel, war blutige Konsequenz solcher Unternehmungen – nicht unglückliche Fügung. Mit Recht schrieb Tilman Fichter schon 1971 in seiner Kleinen Geschichte des SDS: „Wahrscheinlich war niemand innerhalb der Neuen Linken auf so viel Horror-Trips wie Dieter Kunzelmann. Jemand, der so viele Genossinnen und Genossen reingeritten hat, sollte vielleicht mal einige Jahre den Mund halten und nachdenken, um seine Fehler so aufzuarbeiten, dass andere etwas davon lernen können.“

Immerhin: Dass er sich stattdessen noch mit der RAF solidarisierte und der maoistischen KPD anschloss, wo er nach Reimann als „offensichtlich linientreuer und disziplinierter Klassenkämpfer“ agierte, gesteht Kunzelmann in seiner Autobiografie, „mag ein Fehler gewesen sein“. Doch der erledigte sich von selbst, als die Partei sich 1980 auflöste, bevor es ihm gelang, ausgeschlossen zu werden. Ausschlüsse waren nämlich gewissermaßen seine Spezialität, wenn sein Biograf Reimann nachrechnet, dass er in acht Jahren fünf Mal aus linken Zirkeln ausgeschlossen wurde, darunter dem SDS und der Kommune 1. Nur aus der Alternativen Liste, für die er anschließend zwei Jahre im Abgeordnetenhaus saß, ist er selber ausgetreten, als sie 1990 eine Koalition mit der SPD einging. Danach beschränkte sich sein Aktionismus auf Eierwürfe, unter anderem auf Manfred Stolpe und Eberhard Diepgen, für die er erneut eine Haftstrafe antreten musste. Dabei gelang ihm noch einmal eine politisch gezielte Pointe, als er mit Gerhard Schröders Worten am Gefängnistor rüttelte: „Ich will hier rein.“ In den Geschichtsbüchern, wie man sieht, ist er schon drin.


– Aribert Reimann: Dieter Kunzelmann. Avantgardist, Protestler, Radikaler. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009. 392 Seiten, 29,90 Euro.

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