Biografie : Künstlertraum und Kaufmannsleben

Schattenmann: Eine Biografie zwischen den Generationen beleuchtet das Leben von Abraham Mendelssohn Bartholdy, dem Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn Bartholdy.

Thomas Lackmann

BerlinDer aktuelle Streit um Assimilation oder Integration von Minderheiten hat Vorgeschichten. Die Berliner Familie Mendelssohn repräsentiert in der deutsch-jüdischen Geschichte ein erfolgreiches Anpassungsmodell, doch auch getaufte Nachkommen Moses Mendelssohns wurden als „jüdisch“ angesehen. Abraham Mendelssohn Bartholdy (1776 – 1835), wie sich der mittlere Sohn des Philosophen nach seiner Taufe nannte, erscheint in diesem Szenario der Identitätssuchen als Hin- und Hergerissener. Thomas Lackmann hat die Biographie des Bankiers geschrieben, aus der wir hier einen Auszug drucken. In seiner Umbruch-Epoche erscheint dieser Rastlose getrieben: von den Schatten des berühmten Vaters, des unbekannten toten Bruders Mendel Abraham und des älteren Bruders Joseph – und als Vater des Wunderkinds Felix Mendelssohn Bartholdy.


Er ist kein Typ, der mit dem Kopf durch die Wand geht. Aber er hasst Trampelpfade. Er meidet frontale Auseinandersetzung. Wo die Konfrontation mit einem starken Mann auf Messers Schneide steht, weicht er lieber aus. Er ist kein Feigling. Er steht zu seiner Position, auch bei Gegenwind. Nur seinen Kopf würde er nicht unbedingt hinhalten. Den Geschmack der Masse teilt er ungern. Aber er ist Kaufmann. Überlebenskünstler.

Ein sehr guter Kaufmann wird wohl nicht aus ihm werden. Es geht bisweilen mit ihm durch. Er hat zwar Disziplin gelernt im Elternhaus, als Bankkassierer, als Leas Ehemann. Er hat im Elternhaus aber ebenso gelernt, selbst etwas wert zu sein. Er ist nicht so käuflich, wie ein Kaufmann es vielleicht sein müsste. Es gibt Ideale auf dieser Welt. Er kann sein Leben lang nicht vergessen, was ihm wichtig ist. Die Religion ist es nicht. Seine Frömmigkeit wird die Kunst, das Flügelpferd der Musik!

Er ist keiner, der sich leicht anpasst. Aber er bleibt der mittlere Sohn. Er sucht seinen Platz dazwischen, einfach ist das nicht. Er trägt den Namen des toten Stammhalters der Familie, den er nie gekannt hat. Er will nicht Mendel Abraham sein. Er heißt Abraham Moses. Er will nicht nur Sohn des Moses sein. Will nicht nur der kleine Bruder des Bankgründers Joseph sein. Als Fünfzigjähriger soll er in einer internen Zeitung seiner Kinder und ihrer Freunde geschrieben haben: „Früher kannte man mich als den Sohn meines Vaters, heute kennt man mich als den Vater meines Sohnes.“ Sein Enkel Sebastian überliefert das Bonmot zugespitzt: „Früher war ich der Sohn meines Vaters, jetzt bin ich der Vater meines Sohnes.“ Das Motto pointiert die Zwickmühle seines Lebens. Er meint es nicht ganz so heiter wie es klingt. Auch wenn er sich mokiert, „daß ich zwischen Vater und Sohn gewissermaßen wie ein Gedankenstrich da stehe“. Er findet seinen Platz als Patriarch einer angesehenen Familie. Er bleibt ein Grübler: will wissen, wer er selbst sein könnte jenseits aller Funktionen. Ein Strich? ein bitteres Fragezeichen? Er stellt die Frage nicht. Er macht sich auf den Weg.

Städte, Käffer, Metropolen. Gasthäuser, Gästezimmer, Postkutschen, Dampfschiffe. Gesellschaften, Ausstellungen, Konzerte. Börsengänge, Kontorstunden, Briefe, Briefe, Briefe, Maklerverhandlungen. Beamtenbüros. Familientreffen, Ausflüge, Spaziergänge. Kuraufenthalte. Festivals. Häusliche Matineen. Small talk. Dispute. Lektüren. Kurze Verschnaufpausen; kaltes Fieber; Fußverletzungen. Neue Reisepläne. Neue Kurpläne. Beschleunigte Beförderung. Kutscher zur Eile angetrieben. Umsteigen auf Extrapost. Die Pferde fliegen. Der Weg ist noch nicht das Ziel.

Er lässt die alte Zeit hinter sich, verkörpert zugleich ihre Ordnung und ihre Ansprüche, denen er entfliehen möchte. Der Aufbruch aus den Koordinaten der Bestimmung ist sein Ansporn, der Drang zum Erfolg und zur Grenzüberschreitung. Er ist nicht Mendel, er ist nicht Moses, er ist kein Jude, will kein Mendelssohn sein. Er muss sich neu erfinden. Ein Zivilisationsprodukt: Moderner Mensch mit viel zu viel und manchmal zu wenig Erinnerung. Die Energie der Vermeidung macht aus seiner Biographie ein fahriges Gesamtkunstwerk. Andere Religion angenommen; Abschied vom Kompagnon durchgezogen; bessere Wohnung gekauft. Er profiliert sich als ein Kaufmann, der Künstler werden wollte und Wunderkindvater wurde. Er wäre wohl manchmal gern Ich-Weißnicht-wer und führe fort nach Nirgendwo. Er ist aber auch Hausbesitzer und genießt die Gemütlichkeit. Hat es gelernt, Kompromisse zu machen. Er bleibt ein verkappter Idealist. Bei Lessings „Ringparabel“ kommen ihm nach so vielen Jahren die Tränen. Dabei ist Sentimentalität ihm peinlich. Er ist Skeptiker, gewappnet mit Ironie. Doch manchmal rührt sich selbst bei ihm die Sehnsucht nach grandioser Weltumarmung. Dass alle Menschen Brüder werden, mag er trotzdem nicht hoffen. Sein großer Bruder ist fast so schwierig zu umarmen wie der tote Vater oder Mendel Abraham, dieser gänzlich Unsichtbare. Er fährt kreuz und quer durch Europa, ohne den dreien und sich selbst zu entkommen.

Später wird man in Bezug auf ihn von Assimilation, von verfehlter Integration oder Glaubensabfall reden. Ach was, er wollte glücklich sein und verantwortlich entscheiden, für das eigene Leben, für seine Familie! Er hätte den Bruch nie über sich gebracht, solange die Mama noch lebte. Keiner hätte sowas über sich gebracht und dem Vater dabei in die wunderbaren Augen schauen können. Vielleicht ist er ja in Wirklichkeit der innigste Verehrer des Vaters, und keiner weiß es!

Er fährt kreuz und quer ohne zu entkommen. Er ist nicht so dumm zu glauben, es könnte tatsächlich gelingen, aber er hat es versucht.

Thomas Lackmann: „Der Sohn meines Vaters“. Biographische Studie über Abraham Mendelssohn Bartholdy. Wallstein-Verlag. Göttingen 2008, 720 S., 44 €.

Buchpräsentation: Morgen, 20 Uhr, Mendelssohn-Remise, Jägerstraße 51. Einführung Cilly Kugelmann, Jüdisches Museum Berlin. Musik von Antonio Sacchini, Claude J. Rouget de Lisle, Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy. Vladimir Stoupel, Klavier; Herdis Anna Jónasdóttir, Sopran. Eintritt: 5 €.

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