Biografie : Meister der Intrige

Der Mufti von Jerusalem: Eine neue Biografie beleuchtet die Karriere des palästinensischen Nationalisten Amin al Husseini.

Ralf Balke

Die Worte kommen einem bekannt vor. Sie klingen nach der Propagandamaschinerie von Al Qaida & Co.: „Die Amerikaner sind die willfährigen Knechte der Juden“ und „daher die Feinde des Islams und der Araber.“ Ohnehin finde Gott Gefallen am Tod der Juden und ihrer Helfer. Doch dabei handelt es sich nicht um Zitate aus einer Video- oder Internetbotschaft der Dschihadisten von heute. Bereits vor über 60 Jahren mobilisierte mit solchen Phrasen Haj Muhammad Amin al Husseini, besser bekannt als „Mufti von Jerusalem“, die arabischen Massen. Und obwohl er über 30 Jahre lang eine der bekanntesten und umstrittensten Figuren der arabischen Welt war, liegt erst jetzt die erste umfassende Biografie des Muftis auf Deutsch vor.

Der Politikwissenschaftler Klaus Gensicke skizziert darin die Karrierestationen jenes Mannes, der es als Meister der Intrige und Manipulation schaffte, sich selbst als religiöse und nationale Führungsfigur zu inszenieren. Ohne fundierte Ausbildung wurde er zu Beginn der 1920er Jahre zum Mufti der muslimischen Gemeinschaft in Palästina. Seine damit verbundene Autorität benutzte er nicht nur, um andere Familienclans, die mit ihm im Wettbewerb um Einfluss standen, im wahrsten Sinne des Wortes auszuschalten, sondern auch, um jegliche Kompromisslösung für einen Ausgleich zwischen Juden und Palästinensern zu boykottieren.

Doch was den Mufti für die Gegenwart so bedeutend macht, ist seine Strategie, den palästinensischen Nationalismus religiös aufzuladen und der bereits vorhandenen Judenfeindschaft in der arabischen Welt durch einen eliminatorischen Antisemitismus eine neue Qualität zu verleihen. Das fand viele Nachahmer.

Der Mufti war zudem Initiator der Unruhen zwischen 1936 und 1939. Was auf den ersten Blick wie ein Aufstand der Palästinenser gegen die britische Mandatsmacht und die jüdische Bevölkerung aussah, hatte eine ganz besondere Qualität. Die Anhänger des Muftis gingen damals gegen „Abweichler“ in den eigenen Reihen vor und führten in den von ihnen kontrollierten Territorien sogenannte „Scharia-Gerichte“ ein, die eine islamistisch geprägte Gesellschaftsordnung etablierten und vermeintliche Kollaborateure gleich reihenweise exekutierten. Wer also glaubt, die Gewalt der Palästinenser untereinander sei ein historisches Novum, der wird durch das Buch von Gensicke eines Besseren belehrt.

Das Faszinierende ist aber die Hinwendung des palästinensischen Nationalisten al Husseini zum „Dritten Reich“. Nach seiner Flucht aus Palästina und einem „Gastspiel“ im Irak, das unter anderem die kurzzeitige Etablierung einer deutschlandfreundlichen Regierung sowie einen Pogrom gegen die Juden Bagdads mit zur Folge hatte, gelangte der Mufti auf Umwegen nach Europa und wurde am 28. November 1941 gar von Adolf Hitler in Berlin empfangen. Detailliert zeigt Gensicke, wie der Mufti das für das „Dritte Reich“ so typische System konkurrierender Machtzentren bestens durchschaute und zu seinen Gunsten ausnutzte, indem er alle relevanten Akteure gegeneinander ausspielte. Zugleich übten sich dank der Anwesenheit des Muftis die nationalsozialistischen Rassebiologen im ideologischen Spagat bis hin zur Verrenkung. Denn eigentlich rangierten in ihrer Hierarchie der wertvollen und weniger wertvollen menschlichen Rassen die Araber nicht wirklich weit über den Juden. Aber der Koran enthalte Sprüche, „die von jedem Islam-Kenner mit Leichtigkeit als prophetische Worte, die auf das Erscheinen des Führers hinwiesen, ausgedeutet werden könnten“, hieß es in dem „Islam-Programm“ des deutschen Botschafters in Madrid. Und je mehr sich der Kriegsverlauf gegen Deutschland wendete, desto weniger zimperlich war man bei der Suche nach Verbündeten. So kam dem Mufti bei der Aufstellung einer SS-Division, die sich aus bosnischen Muslimen rekrutierte, denn auch eine Schlüsselrolle zu.

„In der Bekämpfung des Judentums nähern sich der Islam und der N.S. (Nationalsozialismus, d.R.) einander an“, erklärte al Husseini in einem Vortrag vor den Imamen der Bosniaken-SS-Division. Dass er es nicht bei Worten beließ, zeigen seine zahlreichen Interventionen in der Judenpolitik der Nazis. Als Bulgarien über 4000 jüdischen Kindern und ihren 500 Begleitern die Ausreise nach Palästina gestatten wollte, setzte der Mufti Himmel und Hölle in Bewegung, um das zu verhindern. Mit Erfolg. Obwohl ihm längst klar war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, unternahm er alles in seiner Macht Stehende, um vehement für die Deportation von Juden in die Vernichtungslager zu plädieren – schließlich lautete seine simple Rechnung, dass es weniger potenzielle jüdische Einwanderer nach Palästina gäbe, wenn mehr Juden rechtzeitig in den Tod geschickt würden. Wer also mehr über die Hintergründe der Kollaboration zwischen Nazis und dem Mufti erfahren möchte und zudem wissen will, woher der virulente Antisemitismus im politischen Islam stammt, der kommt an Gensickes hervorragend geschriebener Mufti- Biografie nicht vorbei.

– Klaus Gensicke: Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten. Eine politische Biographie Amin el-Husseinis. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007. 247 Seiten, 49,90 Euro.

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