Literatur : Bitte recht freundlich!

Der Psychotherapeut Joachim Bauer erteilt pädagogische Ratschläge

Bruno Preisendörfer

Der Internist und Psychotherapeut Joachim Bauer ist ein optimistischer Mensch. Also hat er sich vorgenommen, in expliziter Gegnerschaft zu Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“ ein „Lob der Schule“ zu verfassen (Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, 12,95 €). Dieses Lob ist 140 luftig bedruckte Seiten lang und sehr deprimierend. Was spielt sich bloß in deutschen Klassenzimmern ab, wenn ein Büchlein wie dieses munter fordert, die Schule müsse ein „Ort mit menschlichem Antlitz“ werden? Herrscht im deutschen Bildungssystem das nackte Grauen? Und haben die jungen Leute, die dieses System durchlaufen haben, wirklich nichts auf der Pfanne? Bei vielen, so Bauer, seien „die zehn oder mehr Jahre ihrer Schulzeit abgetropft wie Wasser an einer Teflonschicht“.

Was kann man da machen? Vor allem die Beziehungen stärken, zwischen Eltern und Lehrern, Lehrern und Schülern, Schülern und Eltern. Die „sieben Perspektiven“, die Bauer im Untertitel verspricht, laufen alle darauf hinaus: Redet miteinander, denkt aneinander, kümmert euch umeinander. Um das zu wissen, muss man keine Bücher lesen. Bauer weiter: „Kinder und Jugendliche haben ein biologisch begründetes Bedürfnis, Bedeutung zu erlangen.“ Auch um das zu wissen, muss man keine Bücher lesen, auch keine von Bauer, seieb es nun dieses Traktätchen oder sein Erfolgswerk „Prinzip Menschlichkeit“.

Im Umkehrschluss lässt sich sagen: Wenn Bücher wie diese wirklich nötig sind, dann ist es bei uns um Schüler, Lehrer und Eltern katastrophal bestellt. In den „Zwölf Hinweisen zum Auftreten von Lehrkräften“ heißt es zum Beispiel: „Seien Sie zu Ihren Schülern freundlich, aber biedern Sie sich ihnen nicht an.“ Muss man das Lehrern wirklich extra sagen? „Bleiben Sie während des Unterrichts der Klasse zugewandt.“ Wissen so etwas Leute mit einer didaktischen Hochschulausbildung nicht? „Treten Sie ruhig und nicht zu hastig ins Kassenzimmer, legen Sie Ihre Materialien am Tisch ab, stehen Sie frei und lassen Sie Ihren Blick einige Sekunden durch die Klasse wandern, bevor Sie die Klasse – mit deutlicher Stimme – begrüßen.“

Auf diesem Anspruchsniveau bewegen sich die Ratschläge eines Buches, auf dessen Rückseite ein Lob des Psychologen Uwe Schaarschmidt von der Uni Potsdam steht: „Ein Buch, das zeigt, wie eine Schule aussehen sollte, die Lust am Lernen befördert und Schülern wie Lehrern mehr Freude macht.“ Auf dem Buch lobt Schaarschmidt Bauer, im Buch lobt Bauer Schaarschmidt: Es handele sich um einen „exzellenten Psychologen und Pionier der Lehrergesundheitsforschung“. Und weil Bauer schon beim Loben ist, lobt er ausdauernd auch sich selbst. Elfmal (die Verweise auf eigene wissenschaftliche Studien nicht mitgerechnet) verweist er in seinen Fußnoten auf eigene Bücher,vor allem das „Prinzip Menschlichkeit“.

Bauers „Lob der Schule“ dreht Pirouetten auf pädagogischen Gemeinplätzen. Alles, was er schreibt, ist irgendwie richtig. Aber wenn es konkret wird, wird es auch banal, und wenn es um Allgemeineres geht, wird es so allgemein, dass sogar die Fähigkeit zum Irrtum verlorengeht.

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