Bitterfelder Bogen : Monika Maron über eine DDR-Erfolgsgeschichte

Saubere Zukunft: Monika Maron erzählt in ihrem Buch "Bitterfelder Bogen" eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Die Autorin berichtet wie die schmutzigste Stadt Europas weitgehend sauber wurde - und folgt dabei ihren eigenen Fußstapfen.

Gerrit Bartels
Maron
Monika Maron.Foto: dpa

Vor genau 35 Jahren veröffentlichte Monika Maron in der „Wochenpost“ eine Reportage aus Bitterfeld, die so beginnt: „In Bitterfeld steigt nur aus, wer aussteigen muß, wer hier wohnt oder arbeitet oder sonst hier zu tun hat. Die weiterfahren, sehen durch die Fenster ihres Zuges bedenklich oder betroffen in den Himmel über der Stadt, den diesigen nebligen Himmel, den die Sonne nicht durchdringt, den Schornsteine durchbohren, in dem weithin sichtbar eine aprikosenfarbige Flagge aus Stickoxiden weht.“

Einige Jahre später bildet diese Reportage den Mittelpunkt von Marons Debütroman „Flugasche“, der 1981 in der Bundesrepublik veröffentlicht wird, nicht aber in der DDR. Josefa Nadler, die Heldin des Romans, ist Reporterin der „Illustrierten Woche“ und schreibt gleichfalls eine Bitterfelder Reportage, die nicht erscheint und ihr Leben komplett verändert – weil sie sich nicht der Selbstzensur unterwirft, weil sie nicht zwei Varianten schreibt, „die erste, wie es war, und eine zweite, die gedruckt werden kann“, sondern klar zur Sache kommt: „B. ist die schmutzigste Stadt Europas.“

Diese Vorgeschichte ist von Bedeutung für das literarische und biografische Umfeld von Marons neuem Buch, das ebenfalls eine Reportage ist, ein Bericht: „Bitterfelder Bogen“, benannt nach einer Großskulptur, die zur Expo 2000 in die Bitterfelder Landschaft gestellt wurde. Maron erzählt darin eine „wundersame Erfolgsgeschichte“ und berichtet, wie aus der schmutzigsten Stadt Europas eine saubere wurde. Wie aus der kaputtesten Industrieregion der untergegangenen DDR durch Abriss der alten und Ansiedlung neuer, zukunftsträchtiger Industrien eine halbwegs blühende Landschaft wurde.

Allerdings, das betont Maron, sei es nie ihr Plan gewesen, „mir in meinen eigenen Fußstapfen hinterherzulaufen“, etwa in jenen ihrer Zeit als „Wochenpost“-Reporterin von 1974 bis 1976. Bögen schlagen ist nicht die Sache der Schriftstellerin Maron, abgeschlossene Geschichten schätzt sie nicht, weil sie dem Leben und Schreiben nicht förderlich sind. Es ist ein befreundeter Architekt, Andreas Hierholzer, der in Bitterfeld Solarfabriken gebaut hat, der ihr begeistert von Menschen erzählt, die hier ihr „Solar Valley“ bauen. Sachte, aber stetig überzeugt er sie davon, die Stadt erneut zu besuchen und sich quasi „von der anderen Seite, aus der Zukunft“ entgegenzukommen, so Maron.

Also fährt sie wieder nach Bitterfeld-Wolfen, wie die Gemeinden nach ihrer Zusammenlegung heute heißen, erinnert sich ihrer damaligen Eindrücke, beschreibt ihre neuen, erzählt von dem Aufstieg der Gegend von 1893 an zu einem der wichtigsten Chemiezentren Deutschlands. Und sie trifft vor allem Menschen: jene, die mit der Gründung, dem Aufsteige und dem Erfolg der Solarzellenfirma Q-Cells zu tun haben. Und ehemalige Mitarbeiter der Bitterfelder und Wolfener Werke, die neue Firmen gegründet haben, so den Vorstandsvorsitzenden der ORWO Net AG, Gerhard Köhler, oder die Geschäftsführerin der MABA Spezialmaschinen GmbH, Ingrid Weinhold. „Bitterfelder Bogen“ berichtet insbesondere von der turbulenten Zeit nach der Wende, als zehntausende Menschen ihre Arbeitsplätze verloren, sich die Luftverschmutzung aber binnen kurzem um fast hundert Prozent verringerte und sich trotz unübersichtlicher, ständig wechselnder Eigentumsverhältnisse viele Menschen auf den Trümmern der Filmfabrik Wolfen und der Bitterfelder Chemiewerke neue Existenzen aufbauten. Und das, obwohl ihnen weder von der Treuhand noch der Bundesregierung goldene Brücken gebaut wurden, auch weil sie aus der DDR stammten, nicht aus dem Westen: „Dass sie bei ihren Vergabeprinzipien eher auf Solvenz setzten, (...), dass sie, wie Ingrid Weinhold sagt, den Ostdeutschen einfach nichts zugetraut haben, lag wohl weniger an ihrer Bosheit, sondern vor allem an politischer und sozialer Phantasielosigkeit.“

Denn natürlich geht es Maron nicht allein um den wundersamen Q-Cells-Erfolg und die plötzlich zukunftsträchtige Region, sondern auch darum, dass dies eine spezielle DDR-Erfolsgeschichte ist. Und so wie sie gerade in ihrer Dankesrede für den Preis der Deutschen Nationalstiftung gefordert hat, die Literatur aus der DDR, „an ihrer literarischen Qualität zu messen, statt sie nach ihrer geografischen Herkunft zu klassifizieren“, so will sie mit diesem Buch das arg schiefe öffentliche Bild von den Ostdeutschen als Nostalgiker, Linkspartei-Wähler oder Rechtsradikale zurechtzurücken.

Dabei zielt sie nicht zuletzt auf die Invektiven ihres Kollegen Günter Grass; auf seine flammenden Reden gegen die schnelle Wiedervereinigung, gegen die seiner Ansicht nach überfallartige Kolonialisierung der DDR. Speziell auf seine Bitterfelder Rede von 1991, in der er den Ostdeutschen ins Stammbuch schrieb, sie seien verraten und verkauft worden. Opfer halt, die womöglich selbst Schuld haben. So stellt Maron sich vor, dass sich der starrsinnige Rechthaber Grass vielleicht doch einmal fragen würde, „was damals, nach dem ersten Jahr der Einheit, eigentlich anderes hätte geschehen können, als die pausenlose Vergiftung der Stadt und ihrer Bewohner zu beenden, was eben bedeutete, die verschlissenen Anlagen stillzulegen, verfallene Gebäude abzureißen, das Erdreich zu sanieren, weil sonst Guardian, Bayer, Q-Cells und alle anderen diesen verhunzten Ort gemieden hätten wie die Pest.“ Lesen konnte man die Grass-Passage schon in einer Rezension, die Monika Maron neulich in der „SZ“ über das Grass-Tagebuch von 1990 geschrieben hat. Das aber ändert nichts an der Qualität ihres „Berichts“. Dieser beweist, dass Maron ihr altes Handwerk noch beherrscht, mit persönlichen Einschüben, schnellen Charakterisierungen („Holger Feist gehört offensichtlich nicht zu den Menschen, die gern über sich Auskunft geben“) und sachdienlichen Hinweisen („Nokia hatten wir hier zigmal, hat Petra Wust gesagt, keiner hat sich darüber aufgeregt“). Trotzdem lässt sie sich von ihrer Mission nicht blenden: Der Sound der für Q-Cells arbeitenden Werbeagentur ist ihr suspekt. Und Bitterfeld hat zwar mehr Lebensqualität als früher, ist aber weiterhin kein enorm attraktiver Ort, wie die eher tristen und gar nicht mal so guten Aufnahmen von Marons Sohn Jonas in dem Buch beweisen.

Der (sicher auch erzwungene) Optimismus Marons am Ende ihrer 74er-„Wochenpost“-Reportage, da sie eine „saubere Stadt“ beschwört, hat sie nicht getrogen, wenn auch anders als gedacht. Angesichts des Aufstiegs von Q-Cells zu einem börsennotierten Weltkonzern mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen (Zwang zum ewigen Wachstum, zum Gewinnemachen und, wie nun in der Wirtschaftskrise, Umsatzeinbrüchen und Aktienkursverfall) bleibt Maron skeptisch – mit dem Glauben an bessere Visionen, mit dem Vertrauen auf „das Glück der gemeinsamen Arbeit am Richtigen“. Da ist sie wieder ganz die Schriftstellerin, deren Protagonistinnen auf der Suche nach dem „Eigentlichen“ sind, wie Josefa Nadler. Und die genau weiß: Auch diese Bitterfelder Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben.

Monika Maron: Bitterfelder Bogen. Ein Bericht. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 174 Seiten, 18,95 €.

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