Black Bazar : Meine Großzügigkeit kennt keine Grenzen

Zu Gast in Berlin: Alain Mabanckou und sein französischer Einwandererroman „Black Bazar“

Andreas Resch

Der Protagonist von Alain Mabanckous Roman „Black Bazar“, von Frau und Kind verlassen, ist ein Antiheld, wie er im Buche steht. Seine Tage verbringt der aus dem Kongo stammende Mann in den Dreißigern damit, in einer von afrikanischen Einwanderern bevölkerten Pariser Kneipe zu sitzen, Pelforth zu trinken und anderen Exilanten sein Leid zu klagen. Oder er verbreitet krude Thesen – wie jene, man könne den Charakter einer Frau an ihrem Hinterteil erkennen, den eines Mannes anhand seines Krawattenknotens. In seinem System gibt es die „Selbstmörder“, die einen sehr fest gebundenen Knoten tragen, während die „Draufgänger“ aussehen, „als würden sie am Galgen baumeln“. Die „Lahmen Stiere“ haben Knoten „wie Katzenbuckel“, wohingegen die „Priester“ darum bemüht sind, „dass sich ihre Krawatte nicht bewegt“.

Wenn er nicht gerade im „Jip’s“ herumhängt, versucht sich der namenlose Erzähler am Schreiben eines Romans, wobei es eher zäh vorangeht. Oder er sieht fern, vornehmlich Reportagen über die Aufweichung des französischen Sozialsystems, und liegt im Dauerclinch mit seinem Nachbarn Monsieur Hippocrate, einem karibischen Einwanderer, der alle, die dunklerer Hautfarbe sind als er selbst, in wilden rassistischen Tiraden beschimpft. Doch egal, was er auch tut: Stets ist unser Held irgendwie halbherzig bei der Sache.

Alain Mabanckou, 1966 in der Republik Kongo geboren und 1989 nach Paris übersiedelt, um Jura zu studieren, teilt wohl die eine oder andere Eigenschaft mit seinem Helden. Doch man sollte die biografischen Parallelen zwischen dem Erzähler und seinem Schöpfer, der heute an der University of California in Los Angeles Literatur unterrichtet, nicht überschätzen. „Black Bazar“ lässt sich auf keine Lesart festlegen.

Zum einen ist das Buch die Zustandsbeschreibung eines Lebens im Zuwanderermilieu im 1. Pariser Arrondissement, wo viele auf der Suche nach der eigenen Identität irgendwo zwischen den Kulturen stecken geblieben sind. Es geht um den mal latenten, mal offenen Rassismus im heutigen Frankreich, wobei es hier vor allem die Einwanderer selbst sind, die einander diskriminieren.

Zugleich ist Mabanckous vierter Roman – für den letzten mit dem Titel „Mémoires de porc-épic“ erhielt er 2006 den Prix Renaudot – das Fragment einer gescheiterten Liebe, deren Verblühen der Protagonist in loser episodischer Reihung Revue passieren lässt. Allerdings tut er dies in so unreflektierter Art und Weise, dass seine Aussagen nur mit äußerster Vorsicht zu genießen sind. Dieser Mann ist ein eitler Geck, der Sätze von sich gibt wie: „Ich trage einen kleinen Schnurrbart, ich bin ein schöner Mann“ oder „Im Grunde bin ich ein Mann von einer grenzenlosen Großzügigkeit“.

Nie wird in Mabanckous Roman die Schwelle zur Satire eindeutig überschritten, ohne dass man das Buch im Gegenzug als realistisch bezeichnen könnte. Irgendwie bewegt es sich in einer Grauzone dazwischen, und diese unmögliche Klassifizierbarkeit wirft den Leser bei der Lektüre immer wieder auf sich selbst zurück, auf die eigenen Stereotype und Klischeevorstellungen. Und vor allem auf die Frage: Was ist hier eigentlich ernst gemeint und was nicht?

Leider wird damit eine differenzierte Schilderung der gescheiterten Ehe aufgrund des naiven Tonfalls schlichtweg unmöglich. Auch die Einschreibung des Werks in sich selbst – der Roman, an dem der Protagonist arbeitet, heißt „Black Bazar“ – hat eher etwas von einem faden Witz. Das Ganze aber hat trotzdem Schmiss, Humor und ein ordentliches Quantum Frechheit.

Alain Mabanckou: Black Bazar. Roman. Aus dem Französischen von Andreas Münzner. Liebeskind Verlag, München 2010. 270 Seiten, 19,80 €. – Der Autor (www.alainmabanckou.net) stellt sein Buch heute, Dienstag, um 19.30 Uhr im Haus der Kulturen der Welt im Gespräch mit Manfred Loimeier vor.

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