Bodo Kirchhoff : Ohne Scham

Bodo Kirchhoff erinnert sich in "Erinnerungen an meinen Porsche" an genau diesen.

Jeanette Stickler
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Bodo Kirchhoff

Wohin man schaut, nichts als Chaos: Finanz- und Wirtschaftskrise, Lebenskrisen. Leiden müssen viele, manche freilich auf hohem Niveau. So wie der Investmentbanker Daniel Deserno, 39 Jahre alt. Deserno ist der Protagonist in Bodo Kirchhoffs neuem Roman „Erinnerungen an meinen Porsche“ und hat gleich zwei Porsches in der Garage stehen. Nützt ihm bloß nichts. Denn der flotte Daniel, genannt Danny, hat an Heiligabend eine folgenreiche Begegnung mit einem gottlob „rost- und keimfreien Alessi-Korkenzieher“. Das Designermodell in der Hand von Freundin Selma verletzt ihn an jenem hochempfindlichen Körperteil, den man in seinem Kollegenkreis gern als „Porsche“ bezeichnet. Nicht nur die Harnröhre ist verletzt, sondern der ganze Mann wird heimgesucht „von spontan reaktiver Gangstörung im Rahmen einer personalen Gesamtkrise“.

Was folgt, ist der Aufenthalt in einem Sanatorium, in dem Danny ein Buch schreibt. Und „wer ein Buch schreiben will“, das weiß er, „muss Zeit und Geld haben und wenigstens einen guten Grund. Zeit hatte ich genug unter all den Prominentenleichen im Waldhaus, ebenso Geld, ob in Übersee oder hier, und mein Grund lag auf der Hand, wenn ich an mir heruntersah; dazu kam die Weltlage in diesem Herbst, womit ich das allgemeine Finanzchaos meine“.

Diesen lakonischen Ton trifft Bodo Kirchhoff, Jahrgang 1948, wie kein zweiter Autor. Gnadenlos durchleuchtet er seine Protagonisten: ohne Scheu, ohne Scham. Die Beschäftigung mit Erotik und Sexualität, mit der Liebe und dem Wahnsinn der Gefühle steht im Zentrum seines Schreibens: Kirchhoff gilt als „Spezialist der Begierde“. Um Eros geht es selbstverständlich auch in seinem neuen Roman, in dem das Weibliche vielschichtig auftritt. Dannys Mutter Ursel kündigt ihren Besuch an, ebenso wie jene tatkräftige Selma. Interesse zeigt Danny auch an seiner Therapeutin sowie an einer Mitpatientin, der „verstörten Helene, wie ich sie innerlich nannte, verstört und erdrückt vom Erfolg, ... eine lebendig Begrabene“. Es handelt sich um die Verfasserin eines Megasellers, eines „Hämorrhoidenhits“, eines „Porenners“ – man ahnt, wen Kirchhoff in seinem vor der Kolportage nie zurückschreckenden Roman im Blick hat.

Bodo Kirchhoff gönnt sich gelegentlich den Spaß, seinen Stoff direkt dem Leben zu entlehnen: Das Derbe und das Diffizile liegen bei ihm, der über den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan promoviert hat, eng beieinander. „Erinnerungen an meinen Porsche“ ist ein amüsanter, rasanter, bisweilen boshafter kleiner Roman, der gewiss auch Männern Spaß macht.

Bodo Kirchhoff: Erinnerungen an meinen Porsche. Roman. Hoffmann & Campe, Hamburg 2009, 223 Seiten, 17, 95 €.

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