''Bombel'' : Selig sind die Redseligen

Dorfkönig des Witzes: Mit seinem Roman „Bombel“ hinterlässt Miroslaw Nahacz ein fulminantes Vermächtnis.

Jochen Jung

Er redet, redet, redet. Er sitzt an der Haltestelle und redet, sobald das Buch losgeht, und als die letzte Seite erreicht ist, redet er noch immer, und wenn die anderen mal für einen Moment still wären, dann würden wir wahrscheinlich hören, dass er noch immer redet. Er, das ist Bombel, der eine Bombel, der gute. In dem steckt allerdings ein zweiter Bombel, klein, aber böse, „dieser kleine Drecksack in mir“, und wenn man die beiden auch sonst unterscheiden will, dann könnte man den guten auf der ersten und den bösen auf der zweiten Silbe betonen. Ist aber nur ein Vorschlag.

Im übrigen ist Bombel Ende dreißig, hat Familie, aber nicht in der Nähe, und lebt in einem Dorf im Süden Polens, am Fuß der Karpaten, sagen wir mal: in der Nähe von Dukla, da, wo auch sein Autor herkommt. Er bezieht eine höchst bescheidene Rente, die zwar hinten und vorn nicht reicht, vor allem vorn nicht, die aber doch mehr ist als keine Rente. Er bezieht sie, sagen wir mal, wegen Unbrauchbarkeit, was ja noch nicht Unzurechnungsfähigkeit ist, und diesen Zustand hat er vor allem wg. Suff.

Bombel sitzt also an der Haltestelle, redet und redet und zieht einen so unvermeidlich in sein Leben hinein. Er ist nicht nur eine Quasselstrippe, er ist ein veritabler Tampen, und das Leben, das dabei zum Vorschein kommt, ist eines von der Sorte, die man bei Gott nicht teilen möchte: schwerer Alkoholiker, arbeitsunfähig, sozial behindert. Oder wie er es selber ausdrückt: „ein normales Mannsbild, ein Kerl, der halt gerne mal was trinkt“.

Immerhin hat er einen guten Kumpel, Pietrek, der gern mitsäuft, er hat ein paar Erinnerungen aus seiner Vergangenheit und wenig Interesse an der Zukunft, die natürlich auch wenig Interesse an ihm hat. Bleibt das Interesse des Autors, das schon nach wenigen Seiten auch das Interesse des Lesers ist. Und das ist hier sozusagen das klassische: Der unverbildete Underdog, der nicht mal am Rand der Gesellschaft lebt, sondern über diesen Rand bereits hinausgekippt ist, weiß in Wahrheit mehr vom Leben als wir alle; er ist vielleicht naiv und kein besonderer Kopfrechner, aber was er begreift, ist mehr und wahreres Leben als, nun ja, unseres zum Beispiel. Wir möchten ihn zwar nicht an unserem Tisch sitzen haben, aber wir mögen ihn doch, und sollte etwas an ihm nicht in Ordnung scheinen, versichern wir ihn unserer heftigen Zuneigung. Er dankt es uns damit, dass er auf jeden Fall das letzte Wort hat.

Selig sind die Redseligen, aber auch die, die ihnen zuhören. Denn Bombel steckt voller Geschichten aus seinem beschwerlichen Alltag, und er kann sie erzählen. Viel verlangt er ja eh nicht vom Leben: gelegentlich eine Frau, die sich ihm auf den Schoß setzt – das ist allerdings so ziemlich das Schwierigste –, ein Zigarettchen, ein Fischchen, am besten selbst geangelt, und vor allem ein Bierchen oder Weinchen oder, besser noch, Schnäpschen. Wenn er das nicht hat, überkommt ihn das ganze Elend, das Zittern, die Kälte von innen, die Angst.

Dem Buch ist ein sympathisches Nachwort von Andrzej Stasiuk mitgegeben, der sich ja in der Dukla-Gegend auskennt. Wir erfahren vor allem, dass Nahacz dieses Buch mit 17 geschrieben hat. Das ist nahezu unfassbar. Was uns Bombel erzählt, und wie er es tut, ist mehr, als man von dem begabtesten 17-Jährigen erwarten kann. Dass er zudem ungewöhnlich entspannt mit der polnischen Sprache umgeht, wie Stasiuk sagt, ist freilich nicht zu beurteilen (dafür geht Bombel in der deutschen Fassung zu oft etwas „am Arsch vorbei“). Jedenfalls: Was da wie Bramarbasieren aussieht, ist in Wahrheit eine Lebenserzählung von großer Leidenserfahrung, eine frühreife Weisheit.

Dass Bombel, wie Stasiuk meint, „ein Dorfkönig des Witzes, ein provinzieller Meister der Schlagfertigkeit und Bezwinger des Ernstes“ ist, muss man daher bezweifeln: Der Ernst nämlich holt ihn auf jeder Seite ein, dafür steckt zu viel Todesgewissheit in diesem Buch, zu viel Elend und Verfallenheit, und vielleicht ist der Ernst ja auch gar nichts, was man bezwingen sollte. Ein Schwadroneur à la Bohumil Hrabal, den Nahacz verehrt hat, ist Bombel jedenfalls nicht. Und was Stasiuk, als er das Nachwort schrieb, nicht wissen konnte: Im letzten Jahr hat sich der Autor 23-jährig in Warschau das Leben genommen. Anders Bombel: Für jemanden, der so tief in der Scheiße steckt, kann es nur ein Siegeszeichen sein, dass ihm bis zur letzten Seite der Atem nicht ausgeht. Dass er noch immer von Frauen träumt, die er nicht kriegt. Dass ihm die heilige Maria erscheint. Dass er, so lange er lebt, überlebt. Ist das nichts?

Miroslaw Nahacz: Bombel. Roman.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Mit einem Nachwort von Andrzej Stasiuk. Weissbooks, Frankfurt a. M. 2008. 180 Seiten, 18 €.

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