Literatur : Bowling in Peking

Jean-Philippe-Toussaints Roman „Fliehen“

Christoph Schröder

Und dann die Nacht mit Li Qi im Zug, irgendwo auf der Strecke zwischen Schanghai und Peking. Draußen fliegt die Landschaft vorüber; die meisten Fahrgäste haben sich schlafen gelegt. Dem unfreundlichen Koch wurden ein paar Dosen Bier abgeschwatzt, man sitzt im Gang, Küsse werden ausgetauscht, die erotische Aufladung wächst – bis plötzlich das Handy klingelt und den namenlosen Ich-Erzähler zurückholt. Am anderen Ende: Marie, die aus Paris anruft, um mitzuteilen, dass ihr Vater auf Elba ertrunken sei. „Ich hatte immer schon die irgendwie unbewusste Ahnung, dass meine Angst vor dem Telefon mit dem Tod zusammenhing – vielleicht mit Sex und Tod –, aber niemals vor dieser Nacht sollte ich eine derart unerbittliche Bestätigung dafür bekommen, dass es tatsächlich eine geheime Alchimie gibt, die das Telefon mit dem Tod verbindet.“

Der Tod beziehungsweise die Angst davor und die Erotik, das sind nur zwei der Schlüsselbegriffe in Jean-Philippe Toussaints neuem Roman. Man kennt die Konstellation schon aus dem furiosen Vorgängerbuch „Sich lieben“, in dem der Erzähler und seine Frau Marie, eine Modedesignerin, in der Fremdheit eines anonymen Tokioter Hotels beschließen, sich zu trennen, um festzustellen, dass eine Liebe nicht einfach so zu Ende gehen kann, jedenfalls nicht diese. Und um möglicherweise noch verzweifelter zu bemerken, dass es miteinander auch nicht mehr geht.

Eine geradezu klassische Situation, für deren Darstellung Toussaint eine verwirrend anspielungsreiche Form gefunden hat. „Fliehen“ beginnt mit den Worten „Hört das denn nie auf mit Marie?“, und es spricht einiges dafür, dass das neue Buch sozusagen die Vorgeschichte zu „Sich lieben“ liefert. Mitten hinein wirft uns Toussaint. In Schanghai ist der Erzähler gelandet, „eher zu meinem eigenen Vergnügen“, wie er sagt, aber wohl auch, um irgendwelche Geschäfte für Marie zu regeln. Jedenfalls wird er am Flughafen von deren dortigem Geschäftspartner Zhang Xiangzhi, einer eher windigen Figur, in Empfang genommen. Wer welche Motive hat, warum überhaupt das geschieht, was geschieht, bleibt im Dunkeln, ab sofort hat man der Toussaint’schen Gesetzmäßigkeit zu folgen, die in einer grandiosen Mystifizierung scheinbar profaner Erfahrungen besteht, in der Überhöhung der modernen Alltagsgegenstände. Erzähler und Leser werden gleichermaßen auf eine Odyssee geschickt.

Das zugleich deprimierende wie exotisch-verschlossene Ambiente entspricht dabei dem Gemütszustand des Protagonisten. Fremd ist alles, was ihm widerfährt, fremd ist er sich auch selbst, erfüllt von einer diffusen Sehnsucht nach Marie, angezogen zugleich von Li Qi, die er in einer Galerie kennenlernt und die für ihn befremdlicherweise in enger Beziehung zu Zhang Xiangzhi zu stehen scheint. Die Logik des Geschehens gehorcht eher surrealistischen Prinzipien, ohne jedoch, und das ist die große Kunst dieses Romans, den Boden des Handfesten zu verlassen.

Denn es geschieht eine ganze Menge: Die kuriose Dreiergruppe reist gemeinsam nach Peking, erkundet die Stadt auf dem Motorrad, liefert sich eine zunehmend ernster werdende Bowlingpartie und schließlich eine rasante Verfolgungsjagd mit der Polizei oder wem auch immer und warum auch immer. Am Morgen danach reist der Erzähler ab, den Schweiß und den Staub der Pekinger Nächte noch in seinem Hemd, ohne Abschied, ohne Gruß; fliegt nach Paris und fährt von dort mit dem Schiff weiter nach Elba, zur Beerdigung von Maries Vater. Und auch hier, in der brüchigen Idylle, die das genaue Gegenteil zu den Schauplätzen der ersten beiden Romanteile darstellt, wird er noch einmal die Flucht ergreifen, wie schon so oft zuvor. Dieser Drang zum Fliehen liegt den Toussaint-Helden ganz offensichtlich im Blut, siehe „Das Badezimmer“.

„Was noch fehlte, was möglicherweise immer fehlen würde, war die Gelegenheit, der richtige Zeitpunkt, die Gunst der Stunde oder des Augenblicks“, heißt es einmal. Ein andermal erinnert sich der Erzähler an eine von Maries Kollektionen, in der sie den Models Kleider aus Sorbet auf den Leib gießen ließ, die dann auf der Haut schmolzen. Es sind diese Momente des Ephemeren, denen „Fliehen“ nachspürt. Die Momente zwischen Gelingen und Misslingen, Leben und Tod, Liebe und Verzweiflung. Ein hochexplosives Material zweifelsohne, mit größter Pathosgefahr. Dass es Toussaint gelingt, um mit Benn zu sprechen, sein Material kalt zu halten und trotzdem eine Literatur von höchstem Wallungswert zu schreiben; dass er für globalisierte Gegenwart und überzeitliche Verzweiflung eine Sprach- und Bildwelt gefunden hat, macht ihn zu einem herausragenden Autor.

Jean-Philippe Toussaint: Fliehen.

Roman. Aus dem

Französischen von

Joachim Unseld. Frankfurter

Verlagsanstalt,

Frankfurt a. M. 2007. 180 Seiten, 19,90 €.

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