Boxen : A. J. Liebling: Der Philosoph am Ring

Endlich ins Deutsche übersetzt: A. J. Lieblings literarischer Box-Klassiker "Die artige Kunst" feiert das Fieber der Arena

Kai Müller

Jede Sportart überschreitet irgendwann ihren Zenit. Entweder setzen biologische Leistungsgrenzen der Entwicklung ein Ende, oder die Spielregeln sind ausgeschöpft, die weit über den Wettkampf hinaus einen Begriff davon vermitteln, was es heißt, der Beste zu sein. Danach mag fleißig weitergefochten, Tennis gespielt, berggestiegen oder radgefahren werden, aber die Spannkraft ist dahin.

Im Boxen war dieser Moment mit Muhammad Ali erreicht, der das Kämpfen vom Ring in eine andere Sphäre des Kräftemessens verlagerte und lange vor dem ersten Gong ein psychologisches Kesseltreiben eröffnete. Meist hatte er den Kampf mit seinem Mundwerk schon gewonnen, bevor es zum eigentlichen Schlagabtausch kam. Spätere Champions wie Mike Tyson wollten dann nur noch so wenig Zeit wie möglich zwischen den Seilen verbringen. Um nicht getroffen zu werden und den Schmerz so gering wie möglich zu halten, prügelte Tyson seine Gegner in wenigen Minuten kaputt.

Der große Box-Chronist A. J. Liebling hat diese Phase nicht mehr erlebt. Er starb 1963. Aber er wusste, dass er als Zeuge des Aufstiegs von Rocky Marciano der „klassischen Ära“ eines Sports beiwohnte, dessen Brutalität und Rohheit den Gepflogenheiten einer zivilisierten Welt zunehmend zuwiderlief. Man spürt es an Lieblings dezent-spöttischem Ton, an der Beobachter-Distanz, die gar nicht erst versucht, sich mit Athleten wie Joe Louis, Marciano, Sugar Ray Robinson oder Jersey Joe Walcott gemein zu machen. Und man kann es an der Tatsache ablesen, dass ein gesetzter Herr mit Hut und einer Vorliebe für gutes Essen sich überhaupt für Boxkämpfe begeisterte. Dafür habe es „keinen besonderen Grund“ gegeben, schreibt Liebling im Vorwort. „Es war so, wie einem einfällt, dass man eine alte Flamme gern wieder besuchen würde – nicht unbedingt die Art Einfall, der man immer folgen sollte.“

Lieblings exzellente Box-Feuilletons über die – wie er sagt – „Sweet Science“, die jetzt unter dem Titel „Die artige Kunst“ erstmals auf Deutsch erschienen sind, umreißen die kurze Zeitspanne von 1951 bis 1956, als Joe Louis’ 18-jährige Regentschaft als Schwergewichtsweltmeister zu Ende ging und mit Rocky Marciano ein neuer Typus des Fighters ins Rampenlicht trat. Das ist lange her, zweifellos; trotzdem ist dieses herausragende Buch alles andere als bloß nostalgische Reminiszenz.

Vielmehr liegt der besondere Reiz der vor einem halben Jahrhundert verfassten Reportagen in der Eleganz, mit der Boxen gegen alle Vorbehalte als „Bezirk des höheren intellektuellen Vergnügens“ betrachtet wird. Wenn es stimmt, dass ein Sport so bedeutsam ist, wie über ihn fantasievoll berichtet wird, dann war das Boxen früher ein echtes Hochamt. Von „Sports Illustrated“ zum „besten Sportbuch aller Zeiten“ ernannt, besticht „Die artige Kunst“ vor allem durch den Mangel an markigem Heroismus, wie er von Norman Mailer oder Wolf Wondratschek kultiviert wurde. „Signale des Schreckens“ vermeinte Letzterer aus den Geschichten herauszulesen, die er am Boxring erzählt bekam („Im Dickicht der Fäuste“). In Lieblings Berichten schwingt ein anderer Ton mit. Er streift nicht die Handschuhe von seinen Worten und prühelt auch nicht auf den Leser ein. Hier steht Boxen nicht für eine Kultur der Härte, die einen wappnen soll für die Unwägbarkeiten der sozialen Existenz, sondern für ein Schauspiel.

Liebling war – obwohl Brillenträger und zur Korpulenz neigend – selbst passionierter Boxer. „Ich kannte mich aus drinnen, wie die Jungs sagen“, heißt es einmal. Und er weiß wie ein Boxer seine Pointen und Finten anzubringen: „Jedes Mal ließ ich die Runden kürzer werden. Das letzte Mal war etwa 1946, und der Junge, mit dem ich anfing, sagte schließlich, er könne mich nicht k.o. schlagen, wenn ich nicht Runden zuließ, die länger als neun Sekunden waren.“ Aber viel stärker noch als ein Auge für verdeckte Haken besaß Liebling ein Bewusstsein für historische Tiefe. Es sei ihm, wie er listig anmerkt, „durch Handauflegen“ vermittelt worden. Nämlich durch den Fausthieb eines ehemaligen Weltmeisters im Halbschwergewicht, der seinerseits einmal einen solchen Schlag abbekommen hatte von einem, der wiederum … und so weiter: „Es ist ein erregendes Gefühl, dass man vom frühviktorianischen Zeitalter nur durch eine Serie von Schlägen auf die Nase getrennt ist“, schließt er.

Abbot Joseph Liebling kam 1904 in genau demselben Viertel in der Upper East Side von New York zur Welt, in dem er sie 59 Jahre später wieder verließ. Sein Vater war Kürschner. Dem Sohn finanzierte er einen einjährigen Studienaufenthalt in Paris. Ab 1935 war Liebling beim „New Yorker“ als Reporter beschäftigt und half, das Magazin zu dem feingeistigen Instrument der amerikanischen Demokratie zu machen, das es bis heute ist. Er berichtete im Zweiten Weltkrieg von Pattons Afrika-Feldzug gegen Rommel und der Landung der Alliierten in der Normandie. Vor zwei Jahren erschien bereits im kleinen Berliner Berenberg-Verlag mit „Zwischen den Gängen“ eine kulinarische Erinnerung Lieblings an seine Pariser Zeit.

Aus Sicht des Genussmenschen und Kriegsreporters Liebling ist Boxen nur eine Nebensache, aber viel mehr als Show. Nämlich ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem sich der demokratische Geist Amerikas deutlicher zeigt als im Kongress. Heute, da Boxkämpfe für die meisten Menschen zum TV-Spektakel geworden sind, wirkt Lieblings frühe Weigerung, sich Kämpfe im Fernsehen anzuschauen, beinahe befremdlich. Doch seine Begründung ist einfach: „Zunächst einmal kann man vor dem Gerät Boxern nicht sagen, was sie machen sollen.“ Was sie seiner Meinung nach unbedingt brauchen, um den Kampf durchzustehen. „Außerdem sind es nicht die Boxer allein“, fährt er fort, „von denen man gehört werden möchte. Man ist bei einem Match von Leuten umgeben, deren Ignoranz in allen Fragen des Rings nur überboten wird von ihrer störrischen Weigerung, den Tatsachen ins Auge zu sehen. (...) Solche Leute“, sagt er, „gehen so weit, den Kämpfer, den man berät, mit herabsetzenden Bemerkungen einzudecken.“

Und schon ist man als Leser mitten im Getümmel. Beleidigungen fliegen durch die Luft, und das Publikum spaltet sich in Fraktionen, die ihre rhetorischen Fähigkeiten aneinander üben. Wegen dieses Drumherums ist „Die artige Kunst“ eine so vergnügliche Lektüre. Denn Liebling zog es als Ring-Aficionado nicht nur zu den Kämpfen selbst, deren Dramatik er präzise nacherzählt („Marciano ließ eine Rechte folgen, die hart genug war, einem jeden Menschen das emotionale Muster umzugruppieren“). Jedes Kapitel widmet sich einem anderen boxerischen Problem. Liebling folgt dabei seinem Reporterinstinkt in die Trainingscamps, redet mit Managern und Trainern, versorgt sich so mit dem nötigen Vokabular, an dem er das Ringgeschehen misst. Und er erzählt von einem Schuhputzer, der bei einem Lohn von 25 Cent pro Paar hundert Dollar verwettet. „,Wenn der Gong am Ende der zwölften Runde kommt, kassier ich‘, hatte der Mann gesagt. Mir schien es, als würde er eher vierhundert Runden Schuhputz verlieren.“

Am häufigsten bezieht sich Liebling allerdings auf eine weit zurückliegende Quelle: Pierce Egan heißt sein Vorbild aus dem frühen 19. Jahrhundert, dessen „Boxiana“ er so ausgiebig zitiert und lobt, dass man in ihr das Grundmuster aller späteren Box-Schilderungen erkennt: die Liebe zu geistreichen Flüchen, kuriosen Spitznamen und Berufen wie Kohlenschlepper und Metzgerbursche. Begriffe aus der Frühzeit des Boxens wie „Pugilismus“, „Schlegeln“, „Stutzer“ und „Schlagfresser“ werden genüsslich auf aktuelle Geschehnisse angewendet.

Wobei da mehr als eine gewisse Wortverliebtheit ins Antiquierte eine Rolle spielt: Nicht nur ist es Lieblings Überzeugung, dass sich im Boxsport Weisheit durch die Schläge, die ein Kämpfer einzustecken oder zu kontern lernt, über Generationen weiterträgt. Dasselbe gilt für die, die von der Seite aus zuschauen. Auch sie greifen nach Mustern. Den vom Herkules-Mythos vergifteten Geistern offeriert Liebling eine andere Sicht. Er setzt dem Einzelkämpfer das Durcheinander entgegen, das einen vom Kampf ständig ablenkt. Schon deshalb ist „die artige Kunst“ das Boxbuch, das man gelesen haben muss.

A. J. Liebling, Die artige Kunst, Joe Louis, Rocky Marciano und die klassische Ära des Amerikanischen Boxkampfs. Aus dem Amerikanischen von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, 2009, 166 Seiten, 19 €

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