Brechts Notizbücher : Herr Keuner im Sitzbad

54 Notizbücher von 1918 bis zu Bertolt Brechts Todesjahr 1956 sind erhalten. In der Berliner Akademie der Künste werden sie vorgestellt.

Jörg Magenau
Brecht
Bertolt Brecht -Foto: dpa

Man kann sich Bertolt Brecht wie einst Jean-Paul Marat in der Badewanne vorstellen. Das ist der Platz der Revolutionäre. „Heiß waschen, kalt, bürsten, ölen, bürsten. 7 minuten sitzbad, ganz heiß, kalt nachwaschen oder gießen, ölen.“ Im Notizbuch aus dem Jahr 1929 steht diese ärztliche Badevorschrift neben Diätplänen und Bemerkungen zu Atmung und Herzschlag. Brecht in körperlicher Nahdistanz. Schon Elisabeth Hauptmanns gab in ihren Aufzeichnungen Aufschluss darüber, an welchen Wochentagen er mit kalten Tüchern geschlagen, wann er mit Franzbranntwein eingerieben und wann der „ganze körper genadelt“ werden musste.

Brecht war hypochondrisch veranlagt, betrieb einen gewaltigen Aufwand um die Gesundheit und fürchtete den Tod. Die Besuche bei seinem Arzt Johannes Ludwig Schmitt, der in Atemheilkunst und homöopathischen Dingen bewandert war, münden schließlich in ersten Entwürfen zu Geschichten von Herrn Keuner. Da lässt sich beobachten, wie das Biografische sich in Material verwandelt, wie Ideen aus dem Erlebten entstehen, wie sie sich anreichern und verändern.

Brechts Notizbücher sind ein gewaltiger Steinbruch, ein bisher noch ungehobener Schatz aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste. Dort wurden sie nun in einer Matineeveranstaltung vorgestellt, von einem stolzen Präsidenten Klaus Staeck, einer weihevoll gestimmten Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und einem aus der Fülle seiner Kenntnis sprechenden Herausgeber Peter Villwock. Villwock bezeichnete sie als Komplementärstück und Korrektur der großen Brecht-Werkausgabe, die erst vor kurzem abgeschlossen wurde. Denn die Notizbücher wurden dort zwar ausgewertet, aber nur teilweise aufgenommen, soweit sie sich einzelnen Werken zuordnen ließen. Vieles blieb unpubliziert. Der Zusammenhang und die materielle Beschaffenheit werden erst jetzt kenntlich.

Im Mai beginnt die im Suhrkamp Verlag erscheinende Edition mit Band 7, der die Notizbücher 24 und 25 aus den Jahren 1927 bis 1930 umfasst. Die restlichen zwölf Bände sollen bis 2020 im Jahresturnus erscheinen und sich dann chronologisch voranarbeiten. Sie enthalten die faksimilierten Originale, Transkriptionen, Beschreibung und einen Kommentar, der die Notizen in den Werkzusammenhang stellt und biografische Bezüge schafft. Eine wichtige Vorarbeit ist bereits jetzt mit Mitteln des Deutschen Literaturfonds geleistet: die Restaurierung der teilweise brüchig gewordenen Papiere und ihre Sicherung in digitaler Form. Auch der Publikation wird jeweils eine CD-ROM beiliegen. Die Forschung kann in Zukunft darauf zurückgreifen und die Originale weitgehend schonen.

54 Notizbücher von 1918 bis zu Brechts Todesjahr 1956 sind erhalten: kleine pappgebundene Hefte, Schreibblöcke, ein von Helene Weigel gefertigtes, ledergebundenes Büchlein. Manche Hefte hat Brecht in Lagen zerteilt, um sie bestimmten Projekten oder Theaterstücken zuzuordnen. Einzelne Blätter riss er heraus, andere legte er dazu, Zeitungsanzeigen etwa oder Baupläne des Steyr-Wagens, den er erhielt, nachdem er ein Werbegedicht für diese Firma verfasst hatte. Die Gebrauchsspuren sind den Heften deutlich anzusehen. Die Schrift ist flüchtig und nur schwer zu entziffern. An die Archivierung hat er nicht unbedingt gedacht, aber sie doch aufbewahrt. Sie begleiteten ihn auch ins Exil um die halbe Welt.

Das rasch Vorübergehende wird hier festgehalten: Tageseindrücke, Beobachtungen, erste Einfälle. Sie sind ein Umschlagplatz der Rohstoffe, wo man bei der Entstehung der Gedanken zusehen kann. Aber natürlich ist darin auch all das Geröll des Alltags enthalten, Telefonnummern oder Einkaufslisten. Oder ist das schon ein Gedicht: „kartoffelbrei reis, wenig hülsenfrüchte, aber bohnen, wirsing, schwarzwurzeln.“

Muss man das alles wissen? Oder schafft sich da bloß die Wissenschaft ein Arbeitsgebiet? Einerseits ist es Bertolt Brecht durchaus angemessen, wenn das Prozesshafte seines Schaffens sichtbar wird. Der materialistische Denker steht inmitten der Materialien, aus denen er schöpft. Er ist nicht Genie, sondern intellektueller Arbeiter. Andererseits sind die Notizbücher eben nicht „Werk“, sondern Beiwerk.

Wenn nun aber wie am Sonntag von dem Schauspieler Mario Adorf daraus vorgelesen wird, als handle es sich um gesammelte Szenen und Aphorismen, dann verfälscht das zwangsläufig den Charakter des Bruchstückhaften hin zum Kunstwerk. Davor wird man sich hüten müssen.

Band 7 der Suhrkamp-Ausgabe wird Mitte Mai erscheinen und 48 Euro kosten.

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