Literatur : Brüderlein und Schwesterlein

Erica Fischers Erinnerungsbuch „Himmelstraße“

Ulrike Baureithel

An Erinnerungsliteratur war der Buchmarkt nie arm, der derzeitige Boom aber ist auffällig. Das mag daran liegen, dass die Elterngeneration der Autoren inzwischen tot ist und autobiografische Rücksichten kleiner werden. Einen besonderen Platz in diesem Genre haben die Emigranten, die nach dem Krieg nach Deutschland oder Österreich zurückgekehrt sind und deren Kinder sich nun an ihre Familiengeschichte wagen.

So wie die in England geborene, in Wien aufgewachsene und in Berlin lebende Erica Fischer, eine frühe feministische Streiterin, die mit „Aimée und Jaguar“ auch international bekannt geworden ist. In ihrem neuen Buch „Himmelstraße“ erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, in deren Mittelpunkt die aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende jüdische Mutter steht, die in den dreißiger Jahren nach Wien kommt und „aus Liebe“ den gut aussehenden Wiener Kommunisten Fischer heiratet. 1938 emigriert sie nach England und holt „ihren Jungen“ nach. Während Erica Fischers jüdische Großeltern 1942 nach Treblinka verschleppt und ermordet werden, planen die Eltern eine weitere Emigration nach Australien oder Kanada; doch 1948 kehrt Fischer in seine Heimat zurück, seine Frau folgt ihm widerwillig mit den beiden Kindern in das vom austrofaschistischen Geist geprägte Wien. Erzählanlass ist für die Autorin allerdings nicht der Tod der Mutter, sondern das Verschwinden ihres jüngeren Bruders Paul, der in einer unglücklich-symbiotischen Beziehung mit der Mutter lebte. In einem Abschiedsbrief spricht Paul von „Auswanderung“, was in der Familienmetaphorik besondere Bedeutung hat. Ein Jahr lebt die Ich-Erzählerin in Ungewissheit. In dieser Zeit rückt ihr die Familie auf den Leib, deren jüdische Herkunft, die nie Thema war, immer einen Schatten auf die Kindheit warf.

Während Fischer in den Hinterlassenschaften des Bruders wühlt und mit Schuldgefühlen kämpft, öffnen sich die Erinnerungsschleusen, die sie unentwegt auf sich selbst, ihre Einsamkeit und „das todtraurige Geschäft des Älterwerdens“ zurückwerfen. Als letzter Überlebenden der Familie bleibt ihr die Überlieferung aufgetragen. Entstanden ist eine genau komponierte, persönlich ungeschützte Rechenschaftslegung, die stellvertretend für diese zweite Generation der Remigranten spricht. Ulrike Baureithel

Erica Fischer: Himmelstraße. Geschichte meiner Familie. Rowohlt Berlin, Berlin 2007. 250 S., 17,90 €.

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