Buch-Rezension : Im Bann des Schildkäfers

Nach dem Selbstmord seines Jugendfreundes begibt sich Kenzaburo Oe in "Tagame" auf Spurensuche.

Achim Fehrenbach

Es gibt immer wieder diese Geschichten von Menschen, die Nachrichten aus dem Jenseits senden. Das Jenseits ist dabei Teil unserer lebendigen Welt. Menschen rufen ihre Angehörigen aus den obersten Stockwerken des World Trade Center an, kurz bevor es zusammenstürzt. Über Griechenland kreist führerlos ein Flugzeug der Helios Airways, der Pilot ist ohnmächtig, die Klimaanlage ausgefallen, und die Passagiere senden Hilferufe per SMS: "Wir erfrieren". Es sind Nachrichten von Menschen, die noch lebendig und doch schon tot sind, und auch wenn die Geschichte von den Helios-SMS für die Medien erfunden war, zeigt sie doch, was uns an diesem Zustand fasziniert.

In "Tagame. Berlin-Tokyo", Kenzaburo Oes neuem Roman, ist die Hauptfigur bereits physisch tot: Der berühmte japanische Filmemacher Gorô hat sich mit 64 Jahren von einem Hochhaus gestürzt. Trotzdem gelingt es ihm, auch in der lebendigen Welt präsent zu bleiben. Denn schon Jahre vor seinem Freitod hat Gorô ein System entwickelt, um mit dem viel beschäftigten Jugendfreund Kogito zu kommunizieren. Er hat Kogito einen Metallkoffer mit Kassetten und einen Rekorder geschenkt, den "Schildkäfer", wie ihn Kogito der Form der Kopfhörer wegen nennt. Auf die Kassetten hat Gorô seine Erinnerungen aus der gemeinsamen Jugend gesprochen, aber auch Gedanken zu Film, Literatur und Gesellschaft.

Versunken im Dialog

In seiner Trauer klammert sich Kogito an die Kassettensammlung und den Schildkäfer. Mit der "Pause"-Taste unterbricht er die Aufzeichnungen, um Gorô sein Meinung zu sagen. Immer tiefer versinkt er in den Dialog mit seinem toten Freund "Ich kann das Ganze jetzt nicht einseitig abbrechen. Wenn ich an Gorô dort im Jenseits denke, wäre das doch entsetzlich, oder?" Seine Frau Chikashi, Gorôs Schwester, macht sich ernstlich Sorgen. Doch auch sie kann nicht verstehen, was Gorô letztendlich in den Selbstmord getrieben hat. War es die japanische Mafia, mit der sich Gorô immer wieder anlegte, und die ihn bei einer Messer-Attacke schwer verletzte? Oder tötete er sich selbst, weil er die Vorwürfe, Ehebruch begangen zu haben, nicht ertrug?

Der Gorô aus "Tagame" hat ein reales Vorbild, den Regisseur Juzo Itami. Dieser wurde mit dem Film "Tampopo" von 1986 auch in Deutschland bekannt. 1997 beging der Schwager von Kenzaburo Oe Selbstmord, dessen Umstände ähnlich mysteriös sind wie in "Tagame". Mit dem Buch setzt Oe seinem Jugendfreund ein Denkmal, und er beschreibt die Suche nach den Gründen, die ihn auch nach Deutschland führte.

Flucht nach Berlin

Daraus wird ein für den Leser überaus spannendes Detektivspiel. Der Schildkäfer zwingt Kogito, seine Trauerstellung zu verlassen und nach neuen Indizien zu suchen: Auf einer der älteren Kassetten rät Gorô seinem Freund zu einer Auszeit vom anstrengenden Schriftstellerleben, zu einem Auslandsaufenthalt. Diese Idee nimmt Kogito schließlich auf, um seiner Schildkäfer-Sucht zu entfliehen; er tritt eine Gastprofessur an der FU Berlin an. Mehr unbewusst folgt er damit Gorôs Spuren, der während einer Berlinale selbst in Deutschland weilte.

In Berlin setzen sich die Puzzle-Teile weiter zusammen. Langsam wird Kogito klar, dass die Beziehung zu der Übersetzerin nicht der Grund für Gorôs Selbstmord sein kann. Die Ursache seiner Zerrüttung liegt möglicherweise viel weiter zurück - in einem gemeinsamen Jugenderlebnis in den Wäldern von Shikoku. Während Kogito weiter vordringt, muss er sich der eigenen Vergangenheit stellen - das ist der Auftrag, den ihm der tote Gorô gegeben hat.

Oe, Kenzaburo: Tagame. Berlin - Tokyo. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2005.

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