Buch : Verbrechen in schwarz-weiß

Ein neues Grundlagenwerk will mit Mythen über die Sklaverei aufräumen. Diese war kein rein amerikanisches Phänomen, sondern beeinflusste die globale Weltwirtschaft.

Hannes Schwenger

"Es wird", schrieb Wieland Herzfelde 1952 zur Neuausgabe von Onkel Toms Hütte, dem klassischen Roman gegen die Sklaverei in Amerika, "dem Leser heute ähnlich ergehen wie denen, die das Buch vor hundert Jahren zur Zeit seines Erscheinens gelesen haben. Verschiedene Fragen werden sie bewegen: Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse herrschten in Amerika, als das Buch entstand? Wie ist es überhaupt zur Sklaverei in Amerika gekommen, und auf welche Weise wurde sie bekämpft? Und schließlich wird der heutige Leser fragen: Was ist aus den Millionen Sklaven geworden und was sagt das Buch uns heute?"

Einige der gesuchten Antworten gibt ein Buch, das unter dem Titel Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei den atlantischen Sklavenhandel seit dem 15. Jahrhundert rekapituliert. Der Titel bezieht sich nicht nur auf die Vereinigten Staaten von Amerika, denn ein Großteil der gut 12 Millionen Sklaven aus Afrika gelangte nach Lateinamerika, das auch Afro-Amerika heißen könnte; immerhin 80 Prozent der Einwanderer nach den beiden Amerikas zwischen 1492 und 1820 kamen aus Afrika. "Wer weiß schon", fragen die Verfasser von Schwarzes Amerika, "dass um 1900 rund dreimal so viele Afroamerikaner in Lateinamerika lebten als in den USA, oder dass Brasilien heute nicht nur das wirtschaftsstärkste Schwellenland der Region, sondern zugleich auch das Land mit der größten afroamerikanischen Bevölkerung außerhalb Afrikas ist? Anders formuliert: Das ökonomisch erfolgreichste Land Lateinamerikas ist zugleich das 'afrikanischste'." Abgeschafft wurde die Sklaverei dort zuletzt, erst im Jahr 1888.

Sklaverei prägte die globale Wirtschaft

Tatsächlich ist die atlantische Sklaverei nicht nur ein großes Kapitel Wirtschaftsgeschichte der beiden Kontinente Afrika und Amerika, sondern auch der europäischen Kolonialgeschichte. "Atlantischer Sklavenhandel und Sklaverei", bekräftigen die Verfasser, "sind keine entlegenen Spezialthemen, die mit unserer eigenen Geschichte wenig zu tun haben. Aus ihnen entstanden Handelsstrukturen und Bewirtschaftungsformen, welche die atlantische und globale Wirtschaft in ihrer Entwicklung wesentlich geprägt haben." Die atlantische Sklaverei sei "ein Motor" für landwirtschaftliche, industrielle und finanzwirtschaftliche Innovationen der europäischen Weltwirtschaft gewesen, an der auch deutsche Handelshäuser und Finanziers beteiligt waren.

Vor allem aber ist die Geschichte der atlantischen Sklaverei die Geschichte von zwölf Millionen Menschen, die als Ware gehandelt und als Dienstboten und Warenproduzenten - vor allem für Zucker und Baumwolle - gebraucht wurden. Die europäischen Siedler hätten den amerikanischen Kontinent niemals kolonisieren können, "wenn sie Afrika nicht für dieses Unternehmen eingespannt und Millionen seiner Bewohner über den Atlantik verschifft hätten".


Folgen der Aufklärung führten schlussendlich zur Befreiung

Den eigentlichen Kern der Sklaverei, so schrieb Orlando Patterson 1982 in seiner Studie Slavery and Social Death, bildete die Herauslösung der Versklavten aus allen sozialen Beziehungen in ihrer Heimat: "Da der Mensch ein soziales Wesen sei, vernichtet der mit der Sklaverei verbundene 'soziale Tod' die Persönlichkeit des Sklaven. Dass man sie an ihrem neuen Einsatzort auf neue Namen taufte, vervollständigte den Raub ihrer Identität und ihrer eigenen Geschichte." Umso erstaunlicher, dass es ihnen gelang, in den beiden Amerikas wesentliche Teile ihrer Kultur - Sprache, Musik, religiöse Praktiken - zu bewahren und zu einer neuen Identität zu entwickeln. Jazzmusik, Tango und Voodoo-Kult sind dafür nur ein paar naheliegende Beispiele. "Kein Sklavenregime in den Amerikas", bestätigen die Autoren von Schwarzes Amerika, "war so total, dass Afroamerikaner sich nicht eigene Spielräume eröffnet hätten. Sklaven gründeten Familien, schufen Sprachen oder Sprachvarianten, produzierten altbekannte und völlig neue Gebrauchsgegenstände - von Töpfen bis hin zu Musikinstrumenten. Oft wussten gerade sie und nicht die Europäer, wie Landwirtschaft unter tropischen Bedingungen entwickelt werden konnte." Das entschuldige nicht die Skrupellosigkeit europäischer Sklavenhändler, so wenig wie die Tatsache, dass sie die Sklaverei bereits in Afrika vorfanden und dass sich afrikanische - zumeist muslimische - Sklavenhändler an den menschlichen Exporten nach Amerika beteiligten; die Versklavung von Ungläubigen galt sowohl Christen wie Muslimen als legitim.

Es waren die Folgen der Aufklärung, die schließlich zur Sklavenbefreiung führten, die ihren Anfang in Sklavenaufständen in Santo Domingo - im Gefolge der französischen Revolution - nahm. In den USA war es der Bürgerkrieg, der zur Abschaffung der Sklaverei führte; doch war es mit der formellen Aufhebung der Sklaverei nicht getan, wie die schwarze Bürgerrechtsbewegung unserer Tage bewies. Vielleicht wird erst ein US-Präsident Barack Obama das letzte Kapitel der schwarzen Emanzipation in Amerika schreiben.

Bewusst verzichten die Verfasser darauf, eine trennscharfe Definition der Sklaverei zu liefern, um uns daran zu erinnern, dass es auch in der modernen Welt Formen der fortdauernden Sklaverei gibt: "Das betrifft nicht nur minderjährige Bauarbeiter in Indien, Näherinnen in chinesischen und mittelamerikanischen Sweatshops, Kindersoldaten in Afrika oder Landarbeiter in Brasilien, sondern auch Haussklaven in London und Paris oder Zwangsprostituierte in München und Berlin." Die atlantische Sklaverei zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert erscheine in diesem Licht "geradezu als Vorläufer der heutigen Form von Sklaverei und globalisiertem Sklavenhandel". Schwarzes Amerika? Farbige Welt!

Jochen Meissner / Ulrich Mücke / Klaus Weber: Schwarzes Amerika. Eine

Geschichte der Sklaverei, Verlag C.H. Beck, München 2008,

320 Seiten, 26,90 Euro.

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