Buchbesprechung : Gestatten: Stasi

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des Ministeriums für Staatssicherheit. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht mindestens eine Person des öffentlichen Lebens einer mehr oder weniger intensiven Spionagetätigkeit überführt beziehungsweise beschuldigt wird.

Eva-Maria Träger

 Trotz der umfangreichen Berichterstattung, der steigenden Zahl gesichteter Akten und der Schar bekannter Mittäter bleibt die Stasi aber dennoch ein gesichtsloser Apparat, eine graue Armee schweigsamer Soldaten.

Christhard Läpple will dem Abhilfe verschaffen. Die Idee von „Verrat verjährt nicht“ ist vergleichsweise banal, in diesem Zusammenhang aber immer noch unverändert brisant: Hinter jeder Stasiakte verbergen sich Menschen, Läpple besucht sie. Er trifft Opfer und Täter, recherchiert Leben und Schicksale.

Alle Geschichten seines Buches handeln von Betrug und Verrat, an Freunden, Bekannten, Familie. Sie zeugen aber auch von Überzeugungen, von der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft – und wirkungsvollem propagandistischen Drill. Die „Idealistin aus Leipzig“ lässt sogar ihren eigenen Sohn im Osten zurück, um die Medienwelt des Westens für ihr Heimatland auszuspähen. Und der „Bruder“ verrät seine Schwester für ein paar Informationen über ihren Freund.

Dass es nicht leicht gewesen sein kann, diese Menschen zum Reden zu bewegen, versteht sich von selbst. Zu schwer wiegt das Stigma der Stasi, als dass sie gerne darüber sprechen würden. Wie Läpple dann doch einen Zugang zu ihnen fand, verschweigt er leider weitestgehend, genau wie tiefere Einblicke in die Recherchen. Bei den sechs „Erzählungen“, wie Läpple sie nennt, ist oft nicht klar, ob die Angaben aus der Akte stammen, von der Person oder gar vom Autor selbst. Statt einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung tatsächlicher Ereignisse liest sich „Verrat verjährt nicht“ deshalb bisweilen eher wie ein spannender Agentenroman.

Zwar sind die Kommentare des Autors zur eigenen Befindlichkeit so verzichtbar wie die immer wieder eingestreuten Agentenkalauer, mit denen er den Schicksalen offensichtlich ihre Schwere nehmen will, die Lektüre im Ganzen aber ist lohnenswert und aufwühlend. Das Buch zeugt von Tabus, die auch zwanzig Jahre nach der Wende noch lange nicht aufgearbeitet sind.

Christhard Läpple: Verrat verjährt nicht. Lebensgeschichten aus einem einst geteilten Land. Hoffmann & Campe, Hamburg 2008. 350 S., 19,95 €.

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