Buchkritik : Das Eingeständnis

Der deutsche Krieg im Osten war vor allem auf eines angelegt: Auf Vernichtung. Zwei Bücher machen nun ein Urteil von Bestand möglich

Bernhard Schulz

Mehr als 60 Jahre nach dessen Ende haben die Forschungen zum Zweiten Weltkrieg einen Stand erreicht, der zu zahlreichen Fragen abschließende Urteile erlaubt. Vieles ist neu; manches aber auch von Anfang an bekannt, nur nicht genügend untermauert gewesen. So Hitlers Leistungen als Oberbefehlshaber. Das zeitgenössische Spottwort vom "Gröfaz", dem "Größten Feldherr aller Zeiten", sagt genug. Wie es damit tatsächlich bestellt war, belegt die voluminöse Publikation "Die Ostfront 1943/44". Anlässlich einer der zahllosen Fehlentscheidungen heißt es da beispielhaft: "Doch die Generalität resignierte immer mehr angesichts der Interventionen Hitlers und führte kopfschüttelnd seine sinnwidrigen Befehle durch." Doch wenigstens folgt der Nachsatz: "Es waren allerdings die Soldaten, die für die Folgen büßen mussten."

Der achte Band der Reihe "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" füllt die Lücke, die bislang in der Historiografie über den Verlauf der sowjetischen Gegenoffensive seit dem Fall von Stalingrad bestanden hat. Doch so erschöpfend das Team um Karl-Heinz Frieser die Operationsgeschichte der Ostfront darlegt, muss doch zum Gesamtbild unabdingbar die Besatzungsherrschaft von Wehrmacht und NS-Dienststellen in den Blick genommen werden. Dazu liefert das soeben erschienene Buch von Dieter Pohl, "Die Herrschaft der Wehrmacht" über die Militärbesatzung in der Sowjetunion 1941-1944 entscheidende Erkenntnisse. Erst beides zusammen - die Kriegsführung an der Front wie die im Hinterland - macht die Dimension dieses Eroberungs- und Vernichtungskrieges zur Gänze deutlich.

Ein Blick auf die Karte der Frontverläufe Ende März 1943 und kurz vor Weihnachten 1944 erhellt blitzartig, was aus Hitlers Vorhaben, "den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerteilen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können", nach dem Fall von Stalingrad wurde. Von Süden - Invasion in Italien -, von Westen - Landung in der Normandie - und eben von Osten her, durch den Vormarsch der Roten Armee, schrumpfte der Machtbereich auf ein vergrößertes "Altreich", ehe es in den Folgemonaten selbst zum Schauplatz des Bodenkrieges wurde. Mit der Niederlage in der "Schlacht am Kursker Bogen", dem tatsächlich über fast 2000 Kilometer Frontlinie gedehnten Zusammenstoß der Panzerarmeen in Mittelrussland, war der Krieg endgültig entschieden.

Die Wehrmacht war von Anfang an in die Vernichtungsstrategie Hitlers eingebunden

Stalin stand seinem Kontrahenten Hitler an menschenverachtenden Befehlen kaum nach, wie die Verlustzahlen zeigen. Dem Zusammenbruch der "Heeresgruppe Mitte", die in der sowjetischen Großoffensive ab dem 22. Juni 1944, dem dritten Jahrestag der deutschen Invasion, vollständig zerrieben wurde, gingen allerdings groteske Fehleinschätzungen der Wehrmachtsführung voraus. 2,5 Millionen Rotarmisten begannen die Offensive, während die Heeresgruppe Mitte mit weniger als einer halben Million Frontsoldaten "ein Kartenhaus vor dem Einsturz" war. "Die Lage schrie geradezu nach Maßnahmen gegen die drohende Katastrophe", heißt es im Ostfront-Buch. Solcher Tonfall hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Der Leser nimmt an den Kartentischen des Generalstabs Platz, statt dem mörderischen Alltag des Krieges ausgesetzt zu sein.

Das betrifft nicht zuletzt die Verbrechen der Wehrmacht. Dass diese von Anfang an in die Vernichtungsstrategie Hitlers eingebunden war, dass sich die Vorstöße der Wehrmacht und die Aktionen der SS-Einsatzgruppen im Hinterland ergänzten, dass Eroberung und Völkermord zusammengehören: Das ist eine Erkenntnis, die dem Autorenteam des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes offenbar nicht durchgängig geläufig ist.

Den unguten Eindruck korrigiert der hervorragende Beitrag von Bernd Wegner über die Strategie der deutschen Führung insgesamt. Nach Stalingrad, so Wegners plausible These, "entwickelte sich für Hitler nicht der ,Endsieg', sondern die Gestaltung des eigenen Untergangs zunehmend zum Mittelpunkt des eigenen Denkens und Handelns". Hochinteressant ist der Verweis auf Clausewitz, den preußischen Kriegstheoretiker, den Hitler wegen dessen Bekenntnis zum "glorreichen Untergang" schätzte. Es spreche "vieles dafür", so Wegner, "dass der Rückgriff auf den romantischen Gestus der Selbstvernichtung zumindest für Hitler persönlich mehr war als ein Propagandatrick zur Steigerung der Kampfmoral. Er liefert vielmehr die ideologische Vorlage und historische Legitimation für die eigene Inszenierung des Untergangs."

Die Bücher machen ein Urteil von Bestand möglich

Dass die Wehrmacht keinen herkömmlichen Krieg mehr führte, sondern einen Vernichtungskrieg, unterstreicht das Buch von Dieter Pohl "Die Herrschaft der Wehrmacht". Der Untertitel "Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944" macht deutlich, dass die Geschichte hinter der Front ins Licht gerückt wird: der Alltag der Besatzungsherrschaft. Dabei gab es erhebliche Unterschiede, abhängig von den Befehlshabern der Truppenteile. Doch eine scharfe Trennlinie zwischen Wehrmacht und SS gab es nicht; im Gegenteil. Die Wehrmachtsführung machte immer wieder deutlich, dass der Krieg im Osten anders sei als bisherige Feldzüge, und über die Eroberung fremden Territoriums hinaus die Dezimierung der Bevölkerung vorgegeben. Im Kampf gegen die Partisanen verschwammen die Unterschiede zwischen Heer und SS vollends.

Die Rolle der Wehrmacht beim Holocaust ist eindeutig, wie die Zahlen zeigen: "Von 2,4 Millionen Ermordeten in den seit Juni 1941 besetzten Gebieten starben 450.000 bis 500.000 unter Hoheit der Wehrmacht", bilanziert Pohl. Zudem hatten auch die Fronttruppen alles andere als eine weiße Weste: Sie "praktizierten ihre eigene Besatzungspolitik und verübten in erheblichem Ausmaß Kriegsverbrechen". Da gibt es nichts zu beschönigen. Wohl aber rückt Pohl die Dimensionen zurecht: "Gemessen am Gesamtpersonal der Wehrmacht im Krieg, über die Jahre immerhin an die 18 Millionen Männer", sei der Anteil der Täter "gering".

Das macht die Geschichte nicht besser. Aber es ist verdienstvoll, das dunkle Kapitel der Kriegsführung im Osten mit beiden Büchern so aufgehellt zu haben, dass ein Urteil von Bestand möglich geworden ist.

Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 8: Die Ostfront 1943/44. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 1320 Seiten, 49,80 Euro.

Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944. Oldenbourg Verlag, München 2008. 399 Seiten, 39,80 Euro.

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