Buchkritik : Das Trockene und das Nasse

Der Historiker David Blackbourn untersucht in einem Buch "Die Eroberung der Natur" den Zusammenhang zwischen Naturbeherrschung und Nationbuilding in Deutschland.

Andy Hahnemann
David Blackbourn Foto: Promo
David Blackbourn: "Die Eroberung der Natur". -Foto: Promo

Nichts elektrisiert die Deutschen mehr als eine ordentliche Flutkatastrophe und der heldenhafte Kampf gegen die Wassermassen. Man denke an das Medientrommelfeuer zur Tsunamikatastrophe im Indischen Ozean und an die folgende beispiellos erfolgreiche Spendenkampagne: Deutsche Privathaushalte spendeten mit rund 500 Millionen Euro mehr als die Bürger der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Australiens zusammengenommen. Manch einen dürften die Bilder aus Indonesien von Fern her an die Oderflut erinnert haben, und einige Fernsehproduzenten offensichtlich an die Hamburger Flutkatastrophe vom Jahre 1962: Ein Jahr später wurde sie in einer aufwändigen Doku-Fiktion "Die Nacht der großen Flut" mit Ulrich Tukur und Christiane Paul verfilmt. Vorher ließ aber noch Frank Schätzing in seinem Mega-Bestseller "Der Schwarm" die Ostsee-Anrainerstaaten durch einen Tsunami überschwemmen und Roland Emmerich - ein Deutscher! - drehte den Hollywood-Flutwellenklimaknaller des Jahres 2004.

Water, Landscape and the Making of Modern Germany

Neu ist die Faszination fürs Nasse allerdings nicht, denn schon im 19. Jahrhundert finden sich hinreichend Belege für die deutsche Tüchtigkeit im Kampf gegen das Elementare: Von Friedrich Spielhagens Gesellschaftsroman "Sturmflut" über Storms dämonischen "Schimmelreiter" bis hin zu Goethes "Faust II" profilieren sich deutsche Helden im Kampf gegen das Fließen und Fluten des Wassers.

Das Verhältnis der Deutschen zu ihren Gewässern ist ein kompliziertes und es zum Kern eines Buches zu machen, wie der Historiker David Blackbourn in seiner Studie über die "Beherrschung der Natur", ist deshalb ein ebenso gewagtes wie viel versprechendes Unterfangen. Dass es gewagt ist, zeigt sich schon allein daran, dass sich der Verlag bei der Titelgebung nicht zum eigentlichen Thema bekennen wollte: Während das Buch in der englischen Originalausgabe "The Conquest of Nature. Water, Landscape and the Making of Modern Germany" heißt, blieb im Deutschen nur das sehr viel unkonkretere "Die Geschichte der deutschen Landschaft" als Untertitel übrig. Dies also als Warnung vorweg: Es geht um Wasser, um Trink- und Ab- und Süß- und Salzwasser. Es geht um die Trockenlegung von Sümpfen in Ostfriesland, die Begradigung und Eindeichung des Oberrheins und den Bau von Talsperren im Ruhrgebiet; anfangs auch gute 50 Seiten lang um die hydrotechnische und landwirtschaftliche Nutzbarmachung des Oderbruchs durch Friedrich den Großen. Das sind allesamt Themen, die es bisher nur in die diversen Regionalgeschichten geschafft haben und eine berechtigte Frage ist also: Ist das alles wirklich interessant genug für ein längeres Sachbuch, das sich offensichtlich nicht nur an die Historikerzunft richtet?

Goldwäscher am Rhein

Und ob es das ist! Das Buch ist ein Vergnügen in jeder Hinsicht und das hat zum einen mit Blackbourns außerordentlichem Talent als Erzähler zu tun. Nicht nur ist die Darstellung immer flüssig zu lesen und im Ganzen ausgewogen, für den Leser warten auch - sozusagen am Rand des Weges - eine Unmenge kleiner Details und Schönheiten aus der Kulturgeschichte der Gewässer. Dass es am Rhein etwa eine lebendige Goldwäscherkultur gab (das sprichwörtliche Rheingold!), dürfte mittlerweile ganz vergessen sein. Und auch, dass sich junge Leute wie Lucy Hill im 19. Jahrhunderts begeistert dem "Rhine-roaming" überließen - anscheinend einer Form des frühen Interrails - entzückt den Unkundigen. Es ist sicher nicht wichtig zu wissen, dass die erste Berliner Dampferlinie Ende der 1940er Jahre vom Besitzer der "Schwimm- und Badeanstalt für Herren vor dem Schlesischen Tor" eingerichtet wurde, aber eben (zumindest für Berliner) auch nicht ganz uninteressant.

Wer trägt die Kosten?

Während Blackbourn so den kleinen Beobachtungen ihr Recht lässt, verfolgt er freilich einige Fragen, deren Relevanz unbestritten ist: Wie kommt es, dass die Deutschen über die letzten drei Jahrhunderte ihre Landschaft zu Sinnbildern des eigenen Volkscharakters erhoben? Warum entfalteten große - manchmal an Gigantomanie grenzende - Projekte zur Landschaftsveränderung eine solche Faszination und zwingende Plausibilität? Und wer hatte eigentlich die Kosten zu tragen, bzw. die Folgeschäden zu ertragen? Denn natürlich: Erst im Umgang mit der Umwelt entwerfen sich Gesellschaften selbst und was man in dieser Perspektive - die allerdings auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig erscheinen mag - erkennen kann, ist alles andere als glorios.

Da wäre zum einen die sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts intensivierende Tendenz zu technokratischen Großplanungen, die weder Mühen noch Opfer scheuen, um ein allgemeines Ideal der Rationalität zu erfüllen. Die Annahme der Kontrollierbarkeit aller relevanten Faktoren - wichtiger Teil der planerischen Rhetorik - war aber eben oft nur das: eine Folge der umfassenden Selbst- und Fremdsuggestion. Nicht selten meldeten sich die Spätfolgen wie die Gespenster aus einer anderen Zeit: die Ausdünnung der Artenvielfalt und der Tod des Fischereiwesens nach der Rheinbegradigung, die langsame Senkung des Grundwasserspiegels und die Vernichtung von Vegetation durch den Bau von Talsperren usw. Es gehört zur Programmatik des Blackbournschen Ansatzes, dass er stets ein Auge auf die Modernisierungsschäden hat, ohne diese kulturpessimistisch zu verabsolutieren.

Neulandgewinnung

Wichtiger aber noch ist die Beobachtung, wie sehr sich die Deutschen als ein Volk von Landschaftsplanern und -verbesserern begriffen haben und daraus, verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg, eine rassische Überlegenheit und geopolitische Mission ableiteten. Insbesondere der europäische Osten ist bekanntlich Ziel und Fluchtpunkt deutscher Planungen gewesen und Blackbourns Beitrag zielt vor allem darauf klarzustellen, dass der deutsche ‚Drang nach Osten' nicht zuletzt in der besonders hochgeschätzten Tradition der Eindeichung und Neulandgewinnung verstanden wurde. Das über zwei Jahrhunderte hinweg auratisch aufgeladene Wort vom ‚Neuland' reichte offenbar aus, um die Umsiedlung, gar die Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen plausibel erscheinen zu lassen. Es gehört zu den gröbsten Missverständnissen in der Menschheitsgeschichte, dass die deutschen Besatzer in den Ostgebieten während des Zweiten Weltkriegs meinten, dort in zivilisatorischer Mission unterwegs zu sein, selbst, oder gerade weil sie drauf und dran waren, Tausende von Menschen "in die Sümpfe zu treiben" - so der gelegentlich gebrauchte Euphemismus für den geplanten Genozid, der ebenfalls an die Frühphase der modernen Landschaftsmelioration und den dort gepflegten harschen Methoden erinnert.

Die unterschätzten 70er Jahre

Man könnte meinen, dass die neuere deutsche Zeitgeschichte - vor dem Hintergrund der technokratischen Exzesse in Hochmoderne und Nationalsozialismus - ein wenig wie nachgeschoben daherkommen müssten. Aber das ist nicht der Fall. Wenn es um die intensive Idealisierung der verlorenen Heimat in Ostpreußen und anderswo durch die Vertriebenen(-verbände) geht, um die braunen Wurzeln der Ökologiebewegung oder die nachhaltige Ignoranz gegenüber den Belangen der Umwelt in der DDR, erreicht Blackbourns Darstellung eine ungeheure Dichte und Luzidität. Hier schließt sich auch der Spannungsbogen: Es sind die ‚unterschätzten 70er Jahre', in denen - zumindest in Westdeutschland - ein deutlicher Bruch mit der bisherigen Planungsmentalität auszumachen ist. Eine verstärkte Bürgerbeteiligung an den Projekten und die generelle öffentliche Aufmerksamkeit, Fragen der Ökologie betreffend, führten zu zunehmend weicheren Lösungen in der Landschaftsplanung. Oder anders: Mit der Protestbewegung ist eine Rückkehr der Feuchtbiotope zu verzeichnen. Was war die Botschaft der 70er? Just let it flow now, baby!

David Blackbourn: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, DVA: München 2007, 592 S., 39,95 Euro.

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