Buchkritik : Der Henker von Ostpreußen

Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit aufgearbeitet und mit Legenden aufgeräumt: Ralf Meindls Biographie des NSDAP-Gauleiters von Ostpreußens Erich Koch.

Manfred Gailus

Als „Henker von Ostpreußen“ bezeichnete Marion Gräfin Dönhoff 1949 in einem „Zeit“-Artikel  den nach Kriegsende unter falschem Namen lebenden und soeben verhafteten, einst mächtigen NSDAP-Gauleiter Ostpreußens. Der 1896 in Elberfeld geborene Erich Koch stammte aus kleinen Verhältnissen, sein Vater war Werkmeister in einer Kaffeerösterei.

Durch Familienherkunft und Jugendzeit war Koch stark protestantisch geprägt. Nach dem Ersten Weltkrieg machte der angehende Bahnbeamte eine frühe NSDAP-Parteikarriere im Ruhrgebiet, bevor er 1928 durch Hitler als Gauleiter der führungsschwachen NSDAP in Ostpreußen eingesetzt wurde.

Binnen weniger Jahre avancierte der ehrgeizige Parteikarrierist dort zum politischen „Provinzfürsten“ mit unumschränkten Einflüssen und einer Vielzahl von Ämtern: Gauleiter der Partei, seit 1933 Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, Gründer und einziges Vorstandsmitglied der „Erich-Koch-Stiftung“, die sich zu einem dubiosen wirtschaftlichen  Großunternehmen entwickelte. Zu Kriegszeiten weitete er sein Imperium Richtung Osten aus: Chef der Zivilverwaltung im Bezirk Bialystok, schließlich vor allem „Reichskommissar für die Ukraine“. Als solcher war Koch direkt an den Holocaust-Aktionen in dieser Region beteiligt.
 
Kurz vor Kriegsende flieht er per Schiff von Ostpreußen und taucht jahrelang in Norddeutschland unter. Sein erfolgreiches Untertauchen 1945 bis 1949 bewahrt Koch vor dem sicheren Todesurteil, das ihn im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946 ereilt hätte. Koch wird 1950 an Polen ausgeliefert, wo ihm ein langwieriger Prozess gemacht wird, der 1959 mit dem Todesurteil endet. Aber das Urteil wird nicht vollstreckt. Einer der mächtigsten Paladine Hitlers stirbt 1986 neunzigjährig in polnischer Haft. Noch im letzten Lebensjahr gibt er ein selbstgefälliges Fernsehinterview, worin er sein „stolzes Leben“ in aller Ausführlichkeit rechtfertigt.
 
Dies ist in aller Kürze die wechselvolle Lebensgeschichte eines der mächtigsten Gauleiter Hitlers, die der Historiker Ralf Meindl in seiner Freiburger Dissertation mit großer wissenschaftlicher Gründlichkeit aufgearbeitet hat. Die Studie bezieht in gebotener Breite die allgemeine Geschichte des Nationalsozialismus und der NSDAP ein und liefert zugleich eine lesenswerte Darstellung über die östlichste preußische Provinz im „Dritten Reich“, in der die Nationalsozialisten in Wahlen bis März 1933 reichsweit höchste Zustimmungsraten erzielten.

Zugleich räumt Meindl mit zahllosen Legenden auf, die sich um die Gestalt dieses brutalen Nazi-Führers und ostpreußischen Potentaten rankten, gerade auch im nostalgisch verklärenden Milieu von Nachkriegserinnerungen in Kreisen wie der Landsmannschaft Ostpreußen.

Ralf Meindl: Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch - Eine politische Biographie. fibre Verlag, Osnabrück 2007. 575 Seiten, 35 Euro.

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