Buchkritik : Ordnung und Verstörung

"Im Winter der Löwen": Jan Costin Wagner schickt seinen finnischen Kommissar zum dritten Mal los. Unterhaltsam und spannend ist der neue Roman, doch eine Ungereimtheit stört.

Marianna Lieder

Detektive und Polizisten konnten einst unbehelligt von privaten Ängsten und Schicksalsschlägen, bloß mit der Fackel der Vernunft bewaffnet, in der Welt des wortgewordenen Delikts aufräumen. Sie hatten ihre Pflicht erfüllt, wenn sie durch mustergültige Schlussfolgerungen das Unheimliche des Verbrechens in rationales Wohlgefallen auflösten. Im Gegenzug blieben sie von Tücke und Unkontrollierbarkeit des eigenen Seelenlebens verschont. Daher scherte man sich auch herzlich wenig um die individual-psychologische Ausarbeitung eines Sherlock Holmes, von einigen exzentrischen Marotten abgesehen.

Der heutige Kommissar jedoch leidet: an seinen Kollegen, seinen Affären, seiner Kindheit, seiner Schlaflosigkeit – oder aber am Tod der Frau wie der finnische Polizist Kimmo Joentaa, der in Jan Costin Wagners Roman „Im Winter der Löwen“ nun zum dritten Mal ermittelt. Er laboriert an einem Zustand geistiger Erschütterung, der ihm einen besonderen Zugang zu den psychopathologischen Abgründen des Mörders eröffnet.

Während in Wagners erstem Joentaa-Roman „Eismond“ die Wahrnehmung des jungen Witwers noch vollständig von kompromissloser Verzweiflung bestimmt war und die Ermittlungserfolge gewissermaßen Nebenprodukt der Trauerarbeit waren, sind mittlerweile einige Jahre seit dem Tod seiner Frau vergangen. Joentaa hat den Schmerz halbwegs in die Schranken einer sanft-verstörten Melancholie gebannt und geht äußerlich gefasst seinen Aufgaben als Kriminalbeamter in Turku nach.

Als sein Kollege, ein Gerichtsmediziner, ermordet wird, befindet sich das gesamte örtliche Polizeidezernat in Aufruhr. Kurz darauf wird ein Puppenbauer erstochen aufgefunden, und Joentaa, den eine Art existenzielles Einfühlungsvermögen in die Umstände des Verbrechens auszeichnet, geht einer möglichen Verbindung zwischen den beiden Mordfällen nach. Sachte kommt im ausgefeilten Psychogramm des wortkargen Schmerzensmannes das eine oder andere Finnland-Klischee des Lesers zu Wort. Ansonsten ist der Umstand, dass das Geschehen in krimierprobter nordländischer Kälte seinen Lauf nimmt, von untergeordneter Bedeutung. In der kargen, prägnanten Erzählweise des teilweise in Finnland lebenden Hessen Wagner wäre auch gar kein Platz für allzu üppiges Lokalkolorit, das schon so manchen Kriminalroman in heikle Nähe zum Reiseführer gebracht hat. Zwar kann man der dicken finnischen Schneedecke ihre suggestive Kraft nicht ganz absprechen, aber sie schmilzt unauffällig dahin unter der globalisierten Sonne des Medienmilieus, die in München dieselbe ist wie in Helsinki. Hier traten die beiden Mordopfer kurz vor ihrem Tod gemeinsam in einer quotenstarken Talkshow auf, und als die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, erholt sich der Talkmaster gerade im Krankenhaus von den Folgen eines Anschlags.

Während man den Anstrengungen der Ermittler folgt, die sich bisweilen in gattungstypischer Schnoddrigkeit über die Arbeitsweisen ihres Kollegen Joentaa wundern, erhält man zugleich Einblick in die tragische Erlebniswelt der Täterin. Dabei wird bald klar, dass nicht nur mit dem Seelenhaushalt der Frau, sondern auch mit der Konzeption ihrer Figur etwas nicht stimmt. Der ohnehin extrem personale Stil, auf den Wagner sich eingeschworen hat, um die Psyche seiner Protagonisten auszuloten, kippt bei der Mörderin heftig ins Manierierte, der es in schmerzhaftem Pathos darum ging, „die Welt in Ordnung zu bringen“.

Die Welt in Ordnung bringen – das war einst die Funktion des schicksallosen Ermittlers, in Zeiten, in denen mit dem Kriminalroman der Aufklärungsprozess allegorisiert wurde. Das ist passé. Wagner folgt mit seinem Roman einer zeitgenössischeren Gattungskonvention, in der es eine klare Abgrenzung von Gut und Böse, Licht und Dunkel, Opfer und Täter längst nicht mehr gibt. Das alles geschieht durchaus unterhaltsam und spannend – nur stört die Ungereimtheit, dass die Täterfigur in ihrer mangelnden psychologischen Plausibilität längst ausgestorbenen Ermittlern gleicht.

Jan Costin Wagner: Im Winter der Löwen. Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2009. 288 Seiten, 17,95 €.

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