Buchkritik : Venedig ist nah

Popschriftsteller Nik Cohn schreibt in "Triksta" über Leben, Tod und Hip–Hop in New Orleans.

Andreas Hartmann

Ein alter, dem Tod ins Auge blickender Mann begibt sich in eine Stadt, die dem Untergang geweiht ist, von deren dekadenter Stimmung er sich hinreißen lässt und in der er eine Schönheit entdeckt, nach der er sein ganzes Leben lang gesucht hat. Dabei denkt man selbstverständlich sofort an Thomas Manns berühmte Novelle „Der Tod in Venedig“. Ausgerechnet der alternde britische Popschriftsteller Nik Cohn hat sich davon nun für sein Buch „Triksta. Leben, Tod und Rap in New Orleans“ inspirieren lassen. Und nicht nur das: Cohn behauptet, in genau der selben Situation gewesen zu sein wie Thomas Manns Aschenbach, als er sich für einige Zeit in New Orleans aufhielt, so lange, bis der Wirbelsturm „Katrina“ große Teile der Stadt komplett unter Wasser setzte und vernichtete. Doch „Triksta“ ist mehr als eine Thomas-Mann-Variation. Das Buch ist gleichzeitig Sozialstudie, Liebeserklärung an New Orleans und Selbstreflexion, und es wirft überdies einen präzisen Blick auf den afroamerikanischen Hip-Hop.

Nik Cohn, 1946 in London geboren, ist weiß, wurde mit dem Rock´n´Roll der späten fünfziger Jahre und The Who sozialisiert und hat das bahnbrechende Popbuch „A Loo Bop A Wop Bop“ über ebenjenen Rock´n´Roll geschrieben. Er leidet unter Hepatitis C, eine Erkrankung, die sich seinem Bekunden nach „wie ein Dauerjetlag anfühlt“, und er befindet sich eindeutig in einer schweren Mittellebenskrise. Weiter weg vom Leben in den Elendsvierteln von New Orleans kann eigentlich kaum jemand sein.

Trotzdem, und das ist der Grund für seine Reise nach New Orleans, war der Vorsatz Cohns, sich ausgerechnet im Milieu des Gangster-Raps der Südstaaten, des „dirty south“, noch einmal etwas beweisen zu wollen. Er begibt sich in den Kreis der Verlierer des „American way of life“, zu den „thieves and thugs“, die im Hip–Hop ihre einzige Chance sehen, ihrem Elend zu entkommen. Dabei verherrlichen sie jedoch in ihren Texten den stetigen Gebrauch von Waffen und bedienen sich auch sonst bei der gesamten Palette sexistischer Wortschöpfungen. Nik Cohn möchte nun nichts weniger, als mit testosterongesteuerten Jugendlichen ein paar Bounce-Hits in der Stadt des Voodoo und des Jazz produzieren – Bounce gilt als besonders aggressive und frauenverachtende Spielart des Hip-Hop.

Das alles kann nur schief gehen, und dennoch verdeutlicht Nik Cohn glaubhaft, dass er in New Orleans, das er auch „seine Geliebte“ nennt, die schönste Zeit seines Lebens verbracht hat. Die andauernde Präsenz des Todes im Milieu der Gangsta-Rapper, aber eben auch der Aufenthalt in „the big easy“, wie New Orleans genannt wird, in einer Stadt der Dekadenz, in der sich der Geruch von „Soulfood“ mit dem Gestank der Verwesung aus den Sümpfen mischt, schenkt Cohn eine neue Vitalität. Er selbst ist zwar unheilbar krank, aber er lebt noch – anders als viele Rapper, deren Ermordung er als Folge von Bandenrivalitäten oder nur einer unbedachten Äußerung wegen unmittelbar hat miterleben müssen. Er nimmt ein paar vermeintliche Talente unter seine Fittiche, managt sie und produziert mit diesen besagte Bounce-Tracks, beflügelt von der Idee, zumindest einmal einen echten Hit zu landen.

Hip-Hop als Abenteuer, als Kampf ums Überleben: Auf dieser Ebene trifft sich Nik Cohn mit den Rappern. Als Leser ist man irgendwann genau so fasziniert von einer Kultur, die inzwischen oft nur noch als einzige große Gelddruckmaschine angesehen wird. Schlüssig legt Cohn noch einmal dar, wie Hip-Hop sowohl musikalisch als auch inhaltlich zur aufregendsten Spielart der Popmusik in den achtziger Jahren wurde. Im Hip-Hop findet der alternde Schriftsteller, der schon in „A Loo Bop A Wop Bop“ nicht müde wurde, die wahren Werte des Rock’n’Roll zu beschwören, wieder etwas, das er, desillusioniert von der Musikindustrie und auch ihrem Niedergang, für unrettbar verloren hielt: die Kraft des Authentischen.

Im Hip-Hop sei wieder „wahres Leben“ entdeckt und verhandelt worden, so Cohn, die Unterdrückten feierten ihre eigene Kultur, und das weiße Establishment hätte sich herausgefordert gefühlt: „Hip-Hop war eine Straßenkultur, und Rap war ihre Stimme.“ Doch nach der Etablierung von Hip-Hop kommt es noch besser. Just in dem Moment, in dem die neue Musik der Schwarzen ihr verstörendes Potential zu verlieren drohte und ihre subversive Kraft nachließ, kommt der Gangster-Rap auf. Früher reichte es, so Cohn, auf eine Hip-Hop-Party „Bier und Limo mitzubringen. Jetzt musste es die Wumme sein“. Und die neuen Hymnen heißen „Fuck Tha Police“ oder „Gangsta Gangsta“.

An den Stellen, an denen Nik Cohn diese Stücke ganz hingerissen und doch schlüssig hergeleitet als Echo aus dem Ghetto feiert, ist sein Buch am stärksten. Er weiß nur zu gut, dass er selbst auf verlorenem Posten steht. Er beschreibt sich immer wieder als „Depp“ und nimmt den ihm von seinen neuen Kompagnons verliehenen, dem Hip-Hop-Slang entlehnten Ehrentitel „Triksta" gerne an – und ist sich des Spotts, der gehörigen Portion Ironie, die diese Bezeichnung ausgerechnet für ihn trägt, nur allzu bewusst. Unentwegt ist er auf der eher hoffnungslosen Suche nach einem neuen hungrigen Talent, das an sich glaubt und sich nicht gleich ausverkaufen lässt im beinharten Hip-Hop-Geschäft, das inzwischen alle nur noch „the Game“ nennen, ein Spiel um Geld und Ruhm.

Am Ende stirbt hier nicht der alte Mann, so wie in „Der Tod in Venedig“. Am Ende stirbt bei Nik Cohn das, was ihm erst die Kraft gegeben hat. Der Wirbelsturm „Katrina“ hat ihm seine Geliebte genommen, unter tatkräftiger Mithilfe des unfähigen George W. Bush, und die Welt lässt das ungerührt. Doch kein Rapper erleidet obdessen mehr ach so gerechte Wutanfälle. „So gesehen war der Tod des schwarzen New Orleans auch der letzte Nagel im Sarg von Hip-Hop als Idee“, resümiert Nik Cohn und klagt, die Stadt sei schon „vor mir gestorben“.

Nik Cohn: Triksta. Leben, Tod und Rap in New Orleans. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Hanser Verlag,

München 2008.

264 Seiten, 19, 90€.

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