Buchpreis : Listenspiele

Die Kandidaten für den Deutschen Buchpreis wurden nominiert. Die Liste mit den 20 Werken kann sich sehen lassen.

Jörg Magenau

Zwanzig Titel, zwanzig Kandidaten: Gestern legte die Jury des Deutschen Buchpreises ihre „Longlist“ vor, aus der nun die sechs Titel der „Shortlist“ und schließlich am 13. Oktober vor der Buchmesse im Frankfurter Römer der glückliche Gewinner zu suchen sind. Das ist ein Wettkampfgeschehen, das sich großer Beliebtheit erfreut, weil es so etwas Komplexes wie Literatur auf etwas so Einfaches wie eine Liste reduziert. Der Deutsche Buchpreis will „den besten deutschsprachigen Roman“ des Jahres prämieren. Welche Hybris: Man weiß doch, dass Lesen eine höchst subjektive Angelegenheit ist, und dass es schon fragwürdig wäre, auch nur die beste Nuss-Nougat-Creme zu benennen.

Die Longlist des Jahres 2008 kann sich allerdings sehen lassen. Sie bietet Vielfalt und zeigt keine Scheu vor komplizierten Schreibweisen. Der Trend zum historischen Familienroman setzt sich fort. Aus diesem Bereich hat es Martin Klugers jüdische Familiengeschichte „Der Vogel der spazieren ging“ in die Auswahl geschafft. Auch die Bewältigung der NS-Zeit und der deutsch-deutschen Vergangenheit bleibt dominant: Uwe Timms „Halbschatten“ ist da ebenso zu nennen wie Marcel Beyers grandioser Roman „Kaltenburg“. Ingo Schulze befasst sich in seinem Sommerstück „Adam und Evelyn“ auf eine sehr viel leichtere Weise mit dem Untergang der DDR als Uwe Tellkamp in dem Monumentalwerk „Der Turm“. Für politische Themen stehen der Schweizer Lukas Bärfuss mit seinem Roman über den Genozid in Ruanda („Hundert Tage“) und Sherko Fatah, der in „Das dunkle Schiff“ davon erzählt, wie ein kurdischer Junge zum Terroristen wird.

Ob Peter Handke („Die Morawische Nacht“) und Martin Walser ( „Ein liebender Mann“) den mit 25 000 Euro dotierten Buchpreis brauchen, sei dahingestellt. Warum wurde von den Alten nicht auch Siegfried Lenz mit seiner wunderschönen Novelle „Schweigeminute“ nominiert? Doch es ist müßig, die Auswahl zu kritisieren. Die Kritik daran ist so subjektiv wie die Auswahl selbst. Immerhin finden sich einige zwingende Titel: Iris Hanikas scharfsinnige Analyse des Liebesempfindens („Treffen sich zwei“) ebenso wie Karl-Heinz Otts Roman „Ob wir wollen oder nicht“ über einen Mann in Untersuchungshaft, der sich um Kopf und Kragen redet. Außerdem: Dietmar Daths „Abschaffung der Arten“, Karen Duves „Taxi“, Olga Flors „Kollateralschaden“. Norbert Gstreins „Winter im Süden“, Judith Kuckart, „Die Verdächtige“, Rolf Lapperts „Nach Hause schwimmen“, Norbert Niemanns „Willkommen neue Träume“. Hans Pleschinskis „Ludwigshöhe“ und Feridun Zaimoglus „Liebesbrand“.

Die Jury, die aus sechs Kritikern und einem Buchhändler besteht, musste sich damit abfinden, dass viele Verlage, die jeweils zwei Titel einreichen dürfen, nicht ihre „besten“ vorschlugen, sondern eher Bücher, die besonderer Pflege bedürfen. Sie hofften wohl darauf, die Jury werde den Rest von sich aus anfordern. Nur so ist es zu erklären, dass Suhrkamp mit vier Büchern vertreten ist und vieles Interessante wie der neue Roman von Volker Braun oder Kurt Drawerts finstere DDREndzeit-Vision fehlen. Damit muss man leben, wenn man sich auf das Spiel des Listenmachens einlässt. Jörg Magenau

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