Buchrezension : Der Überlebenskämpfer

Vom KZ-Boxer zum Profi: Alan Haft erzählt die irre Geschichte seines Vaters

Knud Kohr

„Eines Tages werde ich alles erzählen.“ Hertzko Haft, ein Obsthändler aus Brooklyn, sagte diese Worte oft zu seinem Sohn Alan. Für den klangen sie wie eine Drohung. Denn sein Vater, ein traumatisierter, verschlossener Mann, der kaum schreiben konnte und fast kein Englisch sprach, drohte regelmäßig mit Selbstmord und verprügelte seine Kinder aus nichtigem Anlass. „Im September 2003, im Alter von 78 Jahren, setzte sich mein Vater zu mir und erzählte mir seine Lebensgeschichte“, erklärt Alan Haft. Mittlerweile war der Sohn Anwalt geworden und bereit das Buch zu schreiben, das als Titel die Drohung seines Vaters trägt. „Die Brutalität, die Gewalt und das Leid zu hören, die mein Vater erlebt hat, war mehr, als ein Sohn ertragen konnte.“

Hertzko Haft hatte als junger Mann in Jaworzno, einem Außenlager von Auschwitz, um sein Leben kämpfen müssen. Von SS-Offizieren wurden kräftig aussehende Häftlinge in ein mörderisches Spiel getrieben: Jeden Sonntag fanden Boxkämpfe statt. Wer gewann, bekam eine Sonderration. Wer nicht mehr aufstehen konnte, wurde umgebracht. Hertzko Haft schlug 75 Männer k. o., so blieb er am Leben. Die Wachmannschaften gaben ihm den Kampfnamen „Das jüdische Biest“, und Hertzko Haft wurde über Auschwitz hinaus bekannt. Für einen der letzten Kämpfe brachten Generäle eines anderen Lagers einen ehemaligen französischen Meister im Schwergewicht als Gegner. Jedenfalls erinnerte sich Hertzko Haft so an ihn, den er ebenfalls besiegte in einer blutigen Ringschlacht. Die Generäle schauten mit ihren Freundinnen zu, ließen Whiskyflaschen und Zigarren kreisen. Noch während Haft in seiner Ecke bejubelt wurde, hörte er die Schüsse, mit denen sein Gegner liquidiert wurde.

Hertzko Haft kam 1925 in Belchatow zur Welt, einer kleinen polnischen Stadt südlich von Lodz. Die Familie lebte in bitterer Armut, das Einkommen des Vaters als Obsthändler reichte kaum zum Leben. Seine Mutter soll erst wenige Minuten vor der Geburt bemerkt haben, dass sie mit ihrem achten Kind schwanger war. Gewalt gehörte zum täglichen Leben. Als die anderen Kinder ihre jüdischen Mitschüler immer schlimmer drangsalierten, begann Hertzko so lange zurückzuschlagen, bis er der Schule verwiesen wurde. Er war 16, als die Nazis die Juden von Belchatow in Zwangsarbeiterlager verschleppten. Dabei wurde nicht nur die Familie zerrissen – Hertzko wurde auch von seiner Jugendliebe Leah getrennt, die er in wenigen Wochen heiraten wollte. Über verschiedene Arbeitslager kam Hertzko nach Jaworzno.

Relativ gut genährt von den Sonderrationen der Wachmänner, überlebte Haft die Todesmärsche der letzten Kriegswochen. Und war stark genug, in Flossenbürg den Angriffen anderer Häftlinge zu entgehen: „Sie verwendeten ein Stück Seil, um ihr Opfer zu Tode zu strangulieren. Mit selbst gemachten Messern stachen sie ihm in sein Hinterteil und schnitten dort Fleischbrocken heraus.“ Auf dem letzten Marsch gelang ihm die Flucht, auf der er aus Angst vor Entdeckung und Verrat selbst mehrere Menschen tötete, die ihn zuvor versteckt hatten.

Für die amerikanischen Besatzungstruppen leitete Haft ein halblegales Bordell, schmuggelte Zigaretten und gewann bei einem der ersten Boxturniere nach dem Krieg den Titel „jüdischer deutscher Schwergewichtsmeister“. 1946 übersiedelte er auf Einladung eines Onkels nach New York. Zu den Freunden der Familie zählte auch ein zweitklassiger Boxmanager, der dem arbeitslosen Hertzko aufgrund seines entsetzlich-beeindruckenden KZ-„Kampfrekords“ Profikämpfe vermittelte. Mit der ungestümen Wucht des Mannes, der um sein Leben zu kämpfen gewohnt war, wenn er auch keinerlei Technik besaß, brachte Haft binnen weniger Monate zehn Siege gegen unterklassige Gegner zustande. Außerdem hatte er eine weit stärkere Motivation als seine Gegner: „Er hatte Leah niemals vergessen. Wenn sein Name deutlich in den Zeitungen auftauchte, würde ihn Leah finden.“

Als die Kontrahenten besser wurden, reichte dieser Antrieb nicht mehr aus. Nach einem Jahr und 22 Kämpfen beendete Haft seine Karriere, als der spätere Weltmeister Rocky Marciano ihn ausgeknocked hatte. Allerdings behauptete Haft, von der Mafia zu einer Niederlage gedrängt worden zu sein. Wahrscheinlich aber wäre Marciano ohnehin stärker gewesen. Doch einen Sport, bei dem die Mafia die Regeln diktierte, mochte Hertzko Haft nicht mehr betreiben. Er wurde Obsthändler wie sein Vater und gründete eine Familie. 1963 fand er schließlich Leah in Florida. Auch sie war mittlerweile verheiratet. Und außerdem an Krebs erkrankt. Wenige Wochen nach dem Treffen mit ihrem einstigen Geliebten starb sie.

„Es war schwierig für ihn, diese Erfahrungen mit mir zu teilen, und er erzählte seine Geschichte so, als ob es das Leben eines anderen wäre“, schreibt Alan Haft im Nachwort. Und auch er selbst musste sich eine Distanz aufbauen. Seine Erzählweise wirkt nüchtern, fast emotionslos. Angesichts dessen, was der Vater erdulden musste, aber auch anderen angetan hat, ist dieser sachliche Ton für das Buch ein Glücksfall.

Hertzko Haft starb verbittert. Sein Vorrat an Glück war vielleicht einfach verbraucht, nachdem er seine Jugend überlebt hatte.

Alan Scott Haft: Eines Tages werde ich alles erzählen. Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft. Werkstatt-Verlag, 2009. 192 Seiten, 16,90 €.

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