Buchrezension : Hitlers letzte Opfer

Andreas Kossert erzählt in „Kalte Heimat“ das Schicksal der Vertriebenen im geteilten Nachkriegsdeutschland. Über 800.000 Vertriebene flohen bis 1969 aus der DDR.

Hannes Schwenger
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Ostflüchtlinge nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhof Bebra, 1946 -Foto: p-a/dpa

Es war kein Heimatblatt der deutschen Vertriebenen, sondern die „New York Times“, die deren Vertreibung „den unmenschlichsten Beschluss“ nannte, der „jemals von zur Verteidigung der Menschenrechte berufenen Regierungen gefasst wurde“. Tatsächlich war die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus Osteuropa die größte ethnische Säuberung des 20. Jahrhunderts, die zu benennen jahrzehntelang als politisch unkorrekt galt. Dass dies inzwischen anders ist, dafür steht Andreas Kosserts Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 „Kalte Heimat“, deren Titel sich der schlichten Feststellung verdankt: „Sie mussten sich anpassen im Westen ihres Vaterlandes, das ihnen zur kalten Heimat werden sollte.“

Mit dem Westen Deutschlands meint Kossert nicht allein die alte Bundesrepublik, sondern auch die DDR, und erinnert daran, dass Berlin bis 1945 in der Mitte Deutschlands lag: Im Osten lagen Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen und die brandenburgische Neumark. Wer von dort geflohen oder vertrieben war, galt nach amerikanischer Sprachregelung als Vertriebener, nach russischer als „Umsiedler“. Die Potsdamer Beschlüsse sprachen von einer „Überführung“ der Ostdeutschen, die „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“ erfolgen sollte. Die Wirklichkeit war davon weit entfernt. So weit, dass der englische Philosoph Bertrand Russell die provokante Frage stellte: „Ist es humaner, alte Frauen und Kinder herauszuholen und in der Ferne sterben zu lassen, als Juden in Gaskammern zu ersticken?“ Zwei Millionen Tote zählen zur Bilanz der Vertreibungen; nachgewiesen sind rund 610 000 Todesopfer, das Schicksal von 2,2 Millionen Menschen ist ungeklärt. Wer im Westen ankam, ohne oder mit kleinem Gepäck, wurde in Lagern, Siedlungen und durch Wohnraumbewirtschaftung einquartiert, zumeist – zu 70 Prozent – auf dem Lande. So stiegen die Einwohnerzahlen in Schleswig-Holstein um 73,1 Prozent Neubürger, in Niedersachsen um 51,9, in Bayern um 32,7 Prozent. Willkommen waren sie nirgends, wenn auf dem Land der Spruch kursierte, die drei großen Übel der Zeit seien die Wildschweine, die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge.

Dabei sollte sich herausstellen, dass die Vertriebenen für die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in beiden deutschen Staaten ein Gewinn waren: Als flexible und strebsame Arbeitskräfte wurden sie zum Motor des Wiederaufbaus in Ost und West. Die Starthilfe, die sie durch den Lastenausgleich erfuhren, war die beste Investition der jungen Bundesrepublik in die eigene Wirtschaft. Ein vollwertiger Ausgleich für das Verlorene war sie nicht: Bis 1972 wurden nur 22 Prozent der – überdies unterbewerteten – Vermögensverluste der Vertriebenen erstattet. Dazu bedurfte es keiner Umverteilung des Volksvermögens im Westen; die Mittel konnten aus laufenden Erträgen aufgebracht werden. In der DDR erhielten Vertriebene durch die Bodenreform zwar eigenes Land, wurden jedoch alsbald durch die Kollektivierung der Landwirtschaft wieder enteignet, so dass viele von einer „zweiten Vertreibung“ sprachen. Über 800 000 Vertriebene flohen bis 1969 aus der DDR.

Eine politische Interessenvertretung war ihnen dort versagt, während sich in der Bundesrepublik nach den alliierten Koalitionsverboten 23 Landsmannschaften konstituierten, die sich 1957 zum Bund der Vertriebenen (BDV) zusammenschlossen. Auch eine Vertriebenenpartei – der BHE – gewann zeitweise Einfluss in Parlament und Regierung, ohne das Hauptziel einer „Heimatpolitik“ zur Rückkehr in die alte Heimat voranzubringen. So stark die Lobby der Vertriebenen in allen Parteien – auch in der SPD – war, konnte sie die Wende zur neuen Ostpolitik nicht verhindern, die sie als „Wortbruch an den Vertriebenen“ empfanden; hatte doch Willy Brandt noch 1963 bekräftigt, Verzicht auf das Heimatrecht in den Grenzen von 1937 sei Verrat. 1969 löste die sozialliberale Koalition sogar das Vertriebenenministerium auf. Der Bund der Vertriebenen revanchierte sich mit einer Wahlempfehlung für die CDU. Aber auch die musste die Vertriebenen letztlich enttäuschen, als Helmut Kohl bei der Wiedervereinigung die Oder- Neiße-Grenze endgültig anerkannte.

Der Versuchung zum Revanchismus und Rechtsextremismus haben die Landsmannschaften allerdings stets widerstanden, auch wenn es aus der DDR anders herüberschallte. Schon in ihrer Charta von 1950 erklärten die Vertriebenen ausdrücklich, auf Rache und Vergeltung zu verzichten; heute sehen sich viele von ihnen als „Avantgarde der Versöhnung“. Vor allem aber sind sie Hüter eines kulturellen Reichtums, des ostdeutschen Sprach- und Kulturerbes, das es für alle Deutschen zu bewahren gilt; Andreas Kossert präsentiert es in einer eindrucksvollen Bilanz. Für ihn wächst damit die Chance, „dass das Geschehen von Flucht und Vertreibung zum Bezugspunkt wird für das kollektive Gedächtnis der Deutschen, dem es künstlich entrissen wurde“.

Hoffnungsvolle Anzeichen dafür sieht er in der Fülle literarischer Annäherungen an das lange verdrängte Thema von Autoren wie Horst Bienek, Günter Grass und Siegfried Lenz bis zu Christoph Hein und Christa Wolf, die er mit dem – für die DDR revolutionären – Satz zitiert: „Man lässt den Auszug aus der Heimat nicht unbeweint.“





– Andreas Kossert:
Kalte Heimat. Die

Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag, München 2008. 432 Seiten,

24,95 Euro.

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