Buchvorstellung : Täterkinder, Opferkinder

Nicht nur unmittelbare Zeitzeugen, die sich zu Wort melden, sondern auch Kinder und Kindeskinder von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus, die ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiten, geben Einblick in die Vergangenheit.

Hannes Schwenger

BerlinEs vergeht kein Bücherherbst ohne Neuerscheinungen mit Rückblicken auf Deutschlands "Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Inzwischen sind es nicht nur unmittelbare Zeitzeugen, die sich zu Wort melden, sondern auch Kinder und Kindeskinder von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus, die ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiten. Wer darin nur ein modisches Medienthema sehen will und lieber einen Schlussstrich gezogen sähe, sollte sich vielleicht doch die Mühe machen, zwei solcher Bücher selbst zu lesen, um sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen: Karl-Otto und Michael Saurs Buch über den eigenen Vater und Großvater "Er stand in Hitlers Testament“ und den Sammelband "Heldenkinder – Verräterkinder“ von Eva Madelung und Joachim Scholtyssek über die Kinder deutscher Widerstandskämpfer.

Beide Bücher bestätigen eindrucksvoll, was Uta Maaß – Tochter des 1944 hingerichteten Hermann Maaß – im Gespräch mit Eva Madelung zu bedenken gibt: „Es ist offensichtlich, dass die Lebenswege der Kinder von Tätern und Opfern erstaunlich gleich verlaufen sind, mit allen Variationen.“ Eva Madelung kommentiert das in ihrem Vorwort aus psychoanalytischer Sicht: „Hat zum Beispiel ein Nazitäter sich der Verantwortung für seine Taten nicht gestellt, so versucht häufig ein Nachfahre, die Schuld seines Vorfahren zu sühnen und sich unbewusst durch Scheitern und Krankheit zu bestrafen. Oder die Tochter eines Holocaust-Opfers wird von Panik überwältigt, wenn sie in Straßen deutscher Städte unterwegs ist, selbst in Begleitung von Freunden. Eine Übernahme von Schuld und Rache kann also tatsächlich über Generationen hinweg stattfinden. In diesem Sinne ist es richtig, von einer ,Gegenwart des Vergangenen’ zu sprechen.“

Für den Sohn "Augenzeuge und Mittäter"

Das schlagendste Beispiel verdrängter Schuld und auf die Kinder verschobener Aufarbeitung ist zweifellos Karl-Otto Saur, der Mann, den Hitler in seinem Testament zum Nachfolger des in Ungnade gefallenen Rüstungsministers Albert Speer bestimmte. Er hat dieses Amt nicht mehr angetreten, weil Hitlers Nachfolger Dönitz das Testament nicht befolgte; zu seinem Glück, denn so konnte Saur einer Anklage im Nürnberger Prozess entgehen und sich den Alliierten als Zeuge im Krupp-Prozess anbieten, um schließlich als minderbelastet entnazifiziert zu werden.

Das mindert nicht das Maß der Verstrickung Saurs, der als "rechte Hand“ Speers dessen Rüstungsplänen den organisatorischen Rückhalt verschaffte und nach Meinung seines Sohnes "Augenzeuge und Mittäter bei der organisierten Vernichtung von Menschenleben“ im KZ "Mittelbau Dora“ wurde, dem letzten Standort der deutschen Raketenproduktion. Saur habe sogar noch geplant, mit einem Raketenschlag New York in Schutt und Asche zu legen. Ob er und sein Führer das ernsthaft für möglich hielten? Immerhin ist bezeugt, dass Hitler ihn 1944 in einer Generalstabsbesprechung rühmte: „Wir haben das Glück, in der Rüstung ein Genie zu besitzen. Das ist Saur.“

In seiner zweiten Existenz nach Kriegsende hat sich sein Genie, folgt man dem Zeugnis seines Sohnes und Enkels, allerdings nicht bewiesen. Sein Ingenieurbüro und der daraus hervorgegangene technische Verlag blieben glücklos, bis der Sohn die Geschäfte in die Hand nahm. Die NS-Vergangenheit war in der Familie kein Thema mehr. "Von meiner Mutter“, erinnert sich der Sohn, "hörte man häufiger noch als von meinem Vater die beiden Standardsprüche: Wo viel Licht sei, da sei auch viel Schatten, war die allgemeine Formulierung. ,Wo gehobelt wird, fallen Späne’ war die Fassung, wenn es konkret um die Opfer der Naziuntaten ging.“

"Was wäre geworden, hätte Hitler den Krieg gewonnen?"

Enkel Michael, der das Buch angeregt und mit verfasst hat, konnte aber an seinem Vater beobachten, wie sehr ihm das Thema im Stillen zu schaffen machte: "Er hat sein Leben lang versucht, von seinem Vater wegzukommen, und dabei erst im Alter begonnen, sich ernsthaft mit ihm zu beschäftigen.“ So ist das gemeinsame Buch entstanden, in dem jeder der beiden seine Sicht auf den Großvater formuliert und sie Kapitel für Kapitel gegenüberstellt. Am Ende denkt der Vater darüber nach, "was aus mir geworden wäre, wenn die Geschichte anders ausgegangen wäre, wenn Hitler und seine Helfer den Krieg gewonnen hätten“.

Dieselbe Frage stellen sich viele der Kinder von Widerstandskämpfern in den Gesprächen mit Eva Madelung und Joachim Scholtyseck. Auch sie hatten Mühe, sich dem Schicksal ihrer Eltern im Nationalsozialismus zu stellen, zumal sie sich oft in einem Loyalitätskonflikt zwischen Eltern und Umwelt befanden. "Ich kann mich gut erinnern“, erzählt eine in der DDR aufgewachsene Tochter, "dass ich mit Mitschülern oder später mit Kollegen nur in Ausnahmefällen über meinen Vater und seinen Widerstand im Nationalsozialismus gesprochen habe. Ich hatte oft Angst, deshalb abgelehnt zu werden.“ In der Bundesrepublik aufgewachsene Widerstandskinder berichten, sie seien noch in der Nachkriegszeit als "Verräterkinder“ ausgegrenzt worden.

Aber auch wenn die Familienloyalität siegte, war es kein leichtes Los, sich als Kind eines ermordeten oder als lebende Ikone präsenten "Heldenvaters“ (oder einer "Heldenmutter“) zu behaupten. Ein Interviewpartner aus einer Widerstandsfamilie erzählt von einer Begegnung mit therapierten Täterkindern, die ihm in der Verarbeitung ihrer Probleme überlegen vorkamen. Erst da sei ihm bewusst geworden, dass vielen Widerstandsfamilien eine ähnliche Begleitung gutgetan hätte. "Man kam überhaupt nicht auf den Gedanken, weil wir ja sozusagen auf der ,richtigen Seite’ waren. Wir konnten doch stolz auf uns sein … Sie hatten es insofern etwas leichter, weil man sich von einem Tätervater auch als Kind leichter distanziert als von einem Opfervater.“

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass die Herausgeberin Madelung, selbst Tochter eines aktiven Nazigegners, den Beruf einer Familientherapeutin gewählt hat.

Karl-Otto und Michael Saur: Er stand in Hitlers Testament. Ein deutsches Familienerbe. Econ Verlag, Berlin 2007. 240 Seiten, 19,90 Euro.

Eva Madelung, Joachim Scholtyseck: Heldenkinder, Verräterkinder. Wenn die Eltern im Widerstand waren. C. H. Beck Verlag, München 2007. 308 Seiten, 24,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben