Chamisso-Preis : Raus aus dem Migrantenstadl

Schreiben ist Heimat: die deutsche Einwandererliteratur, die Sprachwechsler – und der 25. Chamisso-Preis.

Katrin Hillgruber

Im Allerheiligsten herrschen 18 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. „Weiße Handschuhe“ steht in gestochener Schrift auf einem der unzähligen Archivkästen in den Marbacher Kellergewölben. Die ehrwürdige Schillerhöhe wird immer weiter unterkellert. Zurzeit ist das Deutsche Literaturarchiv fieberhaft damit beschäftigt, Platz für die ungefähr 35 000 Bände zu schaffen, die vom Suhrkamp-Verlag erwartet werden. Das Objekt, nach dem die Bibliothekarin Jutta Bendt greift, ist blassrot – ein unscheinbares Konvolut von 1983 mit dem Titel „Ein Gastarbeiter ist ein Türke“, herausgegeben vom GÜV, dem „Gastarbeiter-Überwachungs- und Verwaltungsrat“.

Der Trotz der frühen Jahre: Franco Biondi muss lachen, als er das Buch wiedersieht, das er einst mit dem aus Damaskus stammenden Rafik Schami herausgab. Biondi kam 1965, Schami 1971 als Fabrikarbeiter nach Deutschland. Schami studierte später Chemie in Heidelberg, Biondi, 1947 in Forlì in der Emilia Romagna geboren, holte das Abitur nach, engagierte sich im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ und war Mitbegründer der Literaturgruppe „Südwind Gastarbeiterdeutsch“. Er studierte Psychologie und ist heute als Familientherapeut und Schriftsteller in Hanau tätig. In seinem Roman „Die Unversöhnlichen oder Im Labyrinth der Herkunft“ erzählt er von der Entfremdung eines Ausgewanderten von seiner Heimat.

„Ich lebe mit der italienischen und der deutschen Kultur, nicht dazwischen“, umreißt Biondi seinen Standpunkt. Seine Biografie ist wie die Rafik Schamis typisch für die erste „Gastarbeiter“-Generation – die beiden erhielten 1987 und 1993 den Adelbert-von-Chamisso- Preis für auf Deutsch schreibende Autoren aus anderen Ländern. Die Preisträger 2009 sind der Masure Artur Becker (15 000 Euro) und, mit Förderpreisen bedacht, María Cecilia Barbetta aus Argentinien sowie Tzveta Sofronieva aus Bulgarien (je 7000 Euro). Die drei hatten verschiedene Zugänge zum Deutschen: Barbetta, Autorin des fantastisch angehauchten Romans „Änderungsschneiderei Los Milagros“, besuchte in Buenos Aires einen deutschen Kindergarten; die Physikerin Tzveta Sofronieva lernte Deutsch an der Uni; Artur Becker kam als Sohn einer polnisch-deutschen Familie mit 17 nach Verden an der Aller.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Lebensläufe der Migranten stark gewandelt, was die von Harald Weinrich und Irmgard Ackermann vor 25 Jahren initiierte und von der Robert-Bosch-Stiftung getragene Auszeichnung seismografisch belegt. Das von der Stiftung und dem Marbacher Literaturarchiv veranstaltete Symposium zum Jubiläum des Preises fand nun ausgerechnet an dem Wochenende statt, an dem der Schweizer Volksentscheid gegen den Bau von Minaretten auch hier Schlagzeilen machte. Die Frage nach Selbstbehauptung und kultureller Integration ist aktueller denn je.

Rund 15 Millionen Migranten leben heute im Einwanderungsland Deutschland. Außer den Gastarbeitern kamen Spätaussiedler aus Osteuropa, Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge aus aller Welt. Das Konzept einer Nationalliteratur, wie es den Gebrüdern Grimm vorschwebte, ist spätestens seit 1989 passé. Wie kompliziert die Angelegenheit sein kann, wird deutlich, wenn man an die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller denkt: Als Banater Schwäbin und Rumäniendeutsche schreibt sie auf Deutsch – und doch ist ihre Muttersprache anders als die ihrer bundesrepublikanischen Leser.

„Chamisso – Wohin?“ Auf die Titelfrage des Symposiums hätte der französische Adelige Adelbert von Chamisso (1781–1838) auf der Flucht vor der Französischen Revolution erst einmal „Berlin“ geantwortet, von wo aus er zu einer dreijährigen botanischen Expedition in den Pazifik und die Arktis aufbrach. Chamisso war ein prominenter Sprachwechsler ins Deutsche: Seine großen Werke wie „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ verfasste er nicht in der Muttersprache Französisch, sondern in seiner Zweitsprache. Stolz nannte er sich einen „Dichter Deutschlands“ – weshalb der seit 1985 vergebene Preis für deutschsprachige Migrantenliteratur nach ihm benannt ist. Erster Preisträger war der türkische Schriftsteller, Dramaturg und Schauspieler Aras Ören.

Auf der Marbacher Tagung kritisiert der Mainzer Germanist Dieter Lamping das bis heute virulente „ius sanguinis“ bei der Definition deutscher Literatur, wie Thomas Mann sie vertrat. Das „Erstaunlichste“ an Chamisso, schrieb Mann 1911, sei, „dass das poetische Werk eines Ausländers im Erdreich der deutschen Sprache so glücklich Wurzeln zu schlagen vermochte“. Ein Lob mit „Gerüchle“, so Lamping.

Nicht nur er beklagt, dass die Literatur von Autoren nichtdeutscher Muttersprache lange zur kleinen Fach-Schwester „Deutsch als Fremdsprache“ abgeschoben worden sei. Auch die in Bremen lehrende Italienerin Immacolata Amodeo betont den Unterschied zu Kolonialnationen wie Frankreich, wo die „littérature beure“ zum Kampfbegriff wurde, oder zu Großbritannien mit seiner reichen Tradition der „postcolonial literature“.

Auftritt Ilija Trojanow. Der 1965 in Sofia geborene, in Deutschland und Kenia aufgewachsene, zwischen Indien und Wien pendelnde „Weltensammler“ (so der Titel seines letzten Romans) geht in seiner Eröffnungsrede mit der Chamisso-Literatur und den Germanisten hart ins Gericht. Diese klopften munter „seit Jahrzehnten ihren liebgewordenen Kelim aus und es purzeln die Begriffe nur so heraus: ‚Literatur von Ausländern‘, ‚Gastliteratur‘, ‚eine deutsche Literatur von außen‘ und – mein absoluter Liebling – ‚eine nicht nur deutsche Literatur‘“. Ihm selbst, dem interkontinentalen Nomaden, habe der Chamisso-Preis die Gewissheit vermittelt, sich auf jeder Bühne beweisen zu können, „nicht nur im Migrantenstadl“.

Trojanow, der keine Geringeren als Ovid und Joseph Conrad als seine Vorbilder nennt, liest den Akademikern die Leviten: „Von Anfang an haftete diesem Diskurs etwas Provinzielles, Hausbackenes an, geschuldet der bundesrepublikanischen Hinterhöfigkeit.“ Er hoffe jedoch, schließt Trojanow versöhnlich, dass „diese Literatur die Rolle übernommen hat, die einst der deutsch-jüdischen Literatur zukam, denn beide sind beseelt von einer weltoffenen, vielschichtig geprägten Intellektualität“.

Ein türkisches Sprichwort lautet: „Die Muttersprache ist die Haut des Menschen, die Fremdsprache ist das Kleid, das wir tragen.“ Bund und schillernd kann dieses Kleid sein, deshalb wollen die Chamisso-Preisträger nicht durch eine noch so ehrenvolle Auszeichnung als Exoten etikettiert werden. Der an der Technischen Universität Dresden lehrende Germanist Walter Schmitz betrachtet es als eine Hauptleistung des Preises, dass er die Debatte um Sprachwechsler lebendig hält. Schmitz hat ein Handbuch herausgegeben, „Migrationsliteratur im deutschsprachigen Raum seit 1945“, ein ehrgeiziges, grundlegendes Kompendium, das nächstes Jahr erscheinen soll. Bis jetzt umfasst es 234 Namen.

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