Checkpoint Huwara : Porträts des Konflikts

In Nahost ist wieder Krieg: Karin Wenger erkundet in "Checkpoint Huwara" den Alltag auf beiden Seiten.

Thomas Speckmann

Im Herbst 2003 betritt Karin Wenger zum ersten Mal israelischen Boden. Ihre Journalistengruppe wird in einem Bus nach Jerusalem und später ins palästinensische Ramallah gefahren. Durch die Busfenster sieht sie die Mauer, die Israel vom besetzten Westjordanland trennen soll. Die Gruppe durchquert die Straßensperren ohne Probleme, trifft in Israel und im Westjordanland Vertreter von Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen, palästinensische Bauern, israelische Aktivisten. Sie legen den Journalisten Statistiken vor, sprechen über die wirtschaftlichen Konsequenzen der Besetzung, nennen Zahlen von Selbstmordanschlägen und Opfern, skizzieren neue Friedenspläne.

Zurück in der Redaktion der „Neuen Zürcher Zeitung“ fühlt sich Karin Wenger überfordert. Wie soll sie über einen Konflikt berichten, dessen die Leser längst überdrüssig sind, ermüdet von der ständigen Wiederholung der Zahlen, Statistiken, Friedenspläne, Abstraktionen? Über einen Konflikt, der polarisiert wie kaum ein anderer. Wie in vielen anderen Konflikten haben auch hier die Kriegsparteien Helden und Heldengeschichten geschaffen. Sie versuchen, damit den Konflikt erträglicher zu machen, dem Leiden einen Sinn zu geben, Fragen nach Legitimität und Richtigkeit des eigenen Handelns aus dem Weg zu gehen. Im Ausland werden diese Helden je nach politischem Standpunkt in Schubladen gesteckt, bewundert, verurteilt.

Wer und was aber sind diese „Helden“ in Wirklichkeit? Im Herbst 2004 steht Karin Wenger erneut in der Ankunftshalle des Flughafens von Tel Aviv. Sie will an der Universität Birseit im Westjordanland ein Semester lang Arabisch studieren. Sie will den Alltag erfahren. Sie will die „Helden“ treffen, ihre Geschichten hören und miterleben. Die nicht einmal 30 Jahre alte Journalistin bleibt neun Monate und kehrt danach immer wieder für mehrere Monate nach Israel und in die besetzten Gebiete zurück. Sie sammelt Geschichten aus dem Alltag. Sie trifft Menschen in israelischen und palästinensischen Städten und Dörfern wie Ramallah, Tel Aviv, Nablus, Jerusalem, Gaza, Beersheba, Khan Yunis oder Nahariya.

Die „Heldengeschichten“, die Karin Wenger hier zu hören bekommt oder selbst miterlebt, sind nie schwarzweiß, sondern gezeichnet von inneren Kämpfen, gespickt mit vielen Fragen. Sie berühren nicht nur den Leser. Sie berühren lesbar auch die Protokollantin. Karin Wenger gibt den Protagonisten und damit dem Konflikt ein Gesicht, wie es bisher nur wenige Journalisten vermocht haben. Sie macht das Unverständliche nachvollziehbar.

Da ist zum Beispiel Mohammed. Karin Wenger trifft ihn zum ersten Mal im Februar 2005 in Balata, dem größten Flüchtlingslager im Westjordanland. Dort leben 22 000 Palästinenser – Flüchtlinge der Kriege von 1948 und 1967 sowie deren Nachkommen – auf rund zwei Quadratkilometern Land. Arbeitslosigkeit ist die Regel. Hausdurchsuchungen, Vorstöße der israelischen Armee und Verhaftungen gehören zum Alltag. Viele junge Männer haben sich militanten Gruppierungen wie den Aksa-Brigaden, dem bewaffneten Arm der Fatah, angeschlossen.

Mohammed ist soeben aus dem Gefängnis entlassen worden, als Karin Wenger ihn kennenlernt. Er ist 27 Jahre alt, deprimiert, hat kein Geld, kein eigenes Zuhause. Er beginnt für die Schweizer Journalistin als Übersetzer zu arbeiten, lässt sie am Lageralltag teilnehmen, erzählt vom Gefängnis, von Verhören, von der Liebe, der Hoffnungslosigkeit. Er ist wütend auf die Besatzer und auch auf die korrupte palästinensische Führung. An manchen Abenden umstellt die israelische Armee das Lager. Dann bleibt Karin Wenger bei Mohammed und seinen Verwandten. Sie schauen gemeinsam fern, lauschen dem mechanischen Geräusch der Panzerraupen und sagen: „Inschallah“ – „In Zukunft wird alles besser.“

Shai, einen 23-jährigen Israeli, lernt Wenger einen Monat nach der ersten Begegnung mit Mohammed an der Café-Bar im Busbahnhof von Tel Aviv kennen. Er sitzt ruhig und aufrecht vor ihr und spricht über die drei Jahre, in denen er als Elitesoldat der Fallschirmjäger im Westjordanland Dienst getan hat – unter anderem in Balata. Er schildert, wie er im Namen von Demokratie und Landesverteidigung Palästinenser verhaftet, gedemütigt, erschossen hat, und wie die Armee seine Identität umgekrempelt habe. Und er erzählt von einer Reise durch Süd- und Nordamerika, die er kurz nach Beendigung des Militärdienstes im Jahr 2003 unternommen hatte, um dem Konflikt zu entfliehen und seinen Erinnerungen. Doch diese reisten mit. Immer intensiver bohrte die Frage in ihm, ob das, was er drei Jahre lang als Soldat getan hatte, richtig gewesen war – ob die Besetzung eines Landes überhaupt je richtig sein kann.

Als Shai von seiner Reise zurückkehrt, tritt er der Gruppe „Breaking the Silence“ bei. Sie wurde von ehemaligen israelischen Scharfschützen gegründet. Mit einer Fotoausstellung im Juni 2004 und gesammelten Erinnerungen von Soldaten wollen die jungen Männer öffentlich Zeugnis ablegen von dem, was sie selbst in den besetzten Gebieten getan haben.

Karin Wenger bewegt sich zwischen diesen Welten. Sie notiert, was Israelis und Palästinenser kaum voneinander wissen: Wie der andere denkt, was er liebt und wovor er sich fürchtet. Sie schreibt an gegen das gegenseitige Nichtkennen und Nichtwissen. Eine Übersetzung ihrer einfühlsamen Porträts ins Hebräische und Arabische könnte wertvolle Brücken bauen zwischen Israel und Palästina.

– Karin Wenger: Checkpoint Huwara. Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstandskämpfer brechen das Schweigen. Diederichs Verlag, München 2008. 271 Seiten, 19,95 Euro.

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