China auf der Frankfurter Buchmesse : Viele Völker in einem

Zwei Bücher beschreiben Chinas Minderheiten und intellektuellen Diskurs.

Benedikt Voigt
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Ein Buch über 8,41 Prozent einer Bevölkerung hört sich unbedeutend an. Wenn man aber weiß, dass es sich dabei um die Bevölkerung Chinas handelt und dieser Prozentsatz allein schon über 100 Millionen Menschen umfasst, die mehr als die Hälfte des chinesischen Staatsgebiets bewohnen, steigt die Bedeutung. Diese 8,41 Prozent Chinas würden in der Liste der bevölkerungsreichsten Staaten der Erde Platz zwölf hinter Mexiko belegen. Wenn man auch noch weiß, dass es sich bei dieser Prozentzahl um die 55 offiziell anerkannten Minderheiten Chinas handelt, lässt sich erkennen, dass Klemens Ludwig mit „Vielvölkerstaat China – Die nationalen Minderheiten im Reich der Mitte“ ein äußerst relevantes Buch geschrieben hat.

Vor allem aber ist es aktuell. Gerade zwei Monate sind vergangen, seit die Ausschreitungen zwischen Uiguren und Han-Chinesen in Chinas westlichster Provinz Xinjiang weltweit Schlagzeilen machten. Und vor eineinhalb Jahren haben die Ausschreitungen zwischen Tibetern und Han-Chinesen und die anschließende Niederschlagung der Proteste in Tibets Hauptstadt Lhasa einen Schatten auf die Olympischen Spiele in Peking geworfen. Beide Ereignisse haben eine Debatte über Chinas Umgang mit seinen Minderheiten ausgelöst. Wie kommt es, dass sich sowohl Tibeter als auch Uiguren nach eigenem Selbstverständnis nicht der Volksrepublik zugehörig fühlen? Wie kann es sein, dass Tibeter und Uiguren auch unter einer demokratischen Regierung nicht in den Grenzen der Volksrepublik China leben wollen? Der Autor liefert die geschichtlichen und politischen Hintergründe zur Situation dieser Minderheiten. Als langjähriger Asienreferent der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ weiß Klemens Ludwig um die jeweiligen Standpunkte. Es ist eine der Stärken des Buches, dass auch die chinesische Argumentation in diesem Konflikt um die Deutungshoheit der Geschichte nicht zu kurz kommt.

Doch die 5,5 Millionen Tibeter und die 8,4 Millionen Uiguren sind nur ein kleiner Teil der Minderheiten Chinas. Die übrigen 53 Volksgruppen stellen die Herrschaft Chinas nicht infrage, viele ehemals bedeutenden Minderheiten wie die Mandschuren sind inzwischen weitestgehend sinisiert. Klemens Ludwig widmet jeder einzelnen Minderheit, von den 16,2 Millionen Zhuang im Südwesten Chinas bis zu den 4500 Gaoshan, ein einzelnes Kapitel. Das wirkt für Nichtsinologen etwas ermüdend, und man wünschte sich, der Autor hätte sich etwas länger bei Tibetern und Uiguren aufgehalten. Dafür bereichert er die Diskussion in seinem Epilog, in dem er eine mögliche Lösung des Konflikts beschreibt. Er stellt Autonomie und Sezession gegenüber und beschreibt gelungene Beispiele der Integration von Minderheiten. So konnten die Probleme Südtirols in Italien oder Acehs in Indonesien mit Autonomieregelungen weitgehend gelöst werden, schreibt der Autor. Ob China diese Lösung auch sieht, ist mehr als fraglich.

Ohnehin ist über den Diskurs der Intellektuellen und Entscheidungsträger in China nicht viel bekannt. In den chinesischen Medien tauchen zumeist die von der Zensurbehörde offiziell zugelassenen Meinungen auf. Was denkt China, hat sich Mark Leonard, Direktor für Internationale Politik am Centre for European Reform in London, gefragt und die Antworten, die er auf seinen Recherchereisen in China erhalten hat, in einem Buch zusammengefasst. Im Zentrum steht dabei der Kampf zwischen der Neuen Linken und der Neuen Rechten innerhalb der kommunistischen Partei. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob China auf seinem wirtschaftsliberalen Weg fortschreitet oder ob sich die Besorgnis der Neuen Linken um die sozialen Auswirkungen der Entwicklung durchsetzt. Warum es für den Westen so wichtig ist, sich mit China zu befassen, schreibt Mark Leonard in seinem Schlusskapitel: „China wird wie die USA und die Europäische Union die Weltordnung mitgestalten und mit einem anderen Modell der Globalisierung den westlichen Einfluss in Afrika, Asien, dem Nahen Osten, Lateinamerika und der früheren Sowjetunion zurückdrängen.“

- Klemens Ludwig: Vielvölkerstaat China. Die Nationalen Minderheiten im Reich der Mitte. Verlag C. H. Beck, München 2009. 190 Seiten, 12,95 Euro.

- Mark Leonard: Was denkt China? Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2009. 200 Seiten, 13,90 Euro.

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