Christa Wolf : Der Mensch als Störfall

Geschichten aus der anderen Republik: zum 80. Geburtstag der Schriftstellerin Christa Wolf.

Katrin Hillgruber
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„Eines Tages wachen wir auf, und die Welt ist sozialistisch. Die Atombomben sind im Meer versenkt, und der letzte Kapitalist hat freiwillig auf sein Aktienpaket verzichtet.“ Diese überraschend aktuelle Utopie ist fünfzig Jahre alt, und ihre Erfinderin Christa Wolf feiert heute ihren achtzigsten Geburtstag. In ihrem Debüt „Moskauer Novelle“ (1960), das die Russland-Reise einer deutschen Ärztedelegation im Juni 1959 schildert, legte sie der Medizinerin Gisela diese Worte in den Mund. Zwar lehnte Christa Wolf den Text später als „Traktat im Sinne der Verbreitung frommer Ansichten“ ab. Dennoch zieht die Erzählung trotz der übergestülpten Ideologie der deutsch-sowjetischen Freundschaft noch heute in ihren Bann. Denn es ist der typische Wolf-Sound spröder Subjektivität, der dieser Liebesgeschichte zwischen einem Leutnant der Roten Armee und einer jungen Deutschen ihren Reiz verleiht.

Pawel und Vera waren sich nach dem Kriegsende in Ostdeutschland begegnet und sehen sich in Moskau unverhofft wieder, doch ihre aufflammende Leidenschaft bleibt aus Vernunftgründen unerfüllt. Ob Vera, die Lehramtsstudentin Rita Seidel aus „Der geteilte Himmel“, die antike Seherin Kassandra, die schwermütige romantische Dichterin Karoline von Günderrode („Kein Ort. Nirgends“) oder die leukämiekranke Christa T.: Immer wieder hat sich Christa Wolf mit ihrem ganzen Können in Frauen hineinversetzt, die vor existenziellen Entscheidungen stehen: zwischen Ost und West, zuweilen auch zwischen Leben und Tod.

1959 war die Kaufmannstochter Christa Ihlenfeld aus Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski), die sich als Jugendliche vom braunen Ideal der „Volksgemeinschaft“ begeistern ließ, bereits zehn Jahre Mitglied der SED. „Schüchternes Jungengesicht über braunem Hemd und straffes über blauem“, beschrieb Uwe Johnson diese typisch deutsche Wandlung in „Das dritte Buch über Achim“. Er war es auch, der mit seinem experimentellen Eisenbahner-Roman „Mutmaßungen über Jakob“ unfreiwillig Christa Wolf zu der Erzählung „Der geteilte Himmel“ anregte, ihrem Durchbruch.

Ihr neuer Hausverlag Suhrkamp hat jetzt Konrad Wolfs ästhetisch bahnbrechende DEFA-Adaption in seiner Filmedition herausgebracht, ergänzt durch Erinnerungen der Autorin an ihren Namensvetter. Eine besondere Entdeckung ist die zweite DVD: Peter Vogels futuristische Verfilmung der Wolf-Erzählung „Selbstversuch“ über das wissenschaftliche Experiment einer Geschlechtsumwandlung zeigt eine plexiglasglitzernde DDR in Auflösung, Menschen mit ungewisser Identität in einem ebensolchen Land. Der Deutsche Fernsehfunk strahlte „Selbstversuch“ erst im Januar 1990 aus.

Im Rahmen des „Bitterfelder Weges“ hatte die junge Germanistin und Lektorin in einer Hallenser Waggonfabrik hospitiert. Im Frühjahr 1959 warb sie der Staatssicherheitsdienst als Geheimen Informator (Vorläufer des IM) namens „Margarete“ an. Die Stasi schien sich von ihren Auskünften viel erhofft zu haben, doch die Zusammenarbeit versandete 1962, weil sie sich als unergiebig herausstellte. Diese Episode, die Christa Wolf im deutschen „Literaturstreit“ des Sommers 1990 zum Verhängnis werden sollte, dokumentiert minuziös der Band „Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog“ (Luchterhand 1993).

„Jagdszenen um Christa Wolf“ titelten damals die Medien. Die „FAZ“ schoss sich besonders heftig auf die vermeintliche Königin des untergegangenen „Leselandes“ DDR ein. Andererseits stellte Karl-Heinz Bohrer zu Recht fest: „Eine aufgeklärte Gesellschaft kennt keine Priester-Schriftsteller.“

Als die Angriffe 1993 eskalierten, trat Christa Wolf aus beiden Berliner Akademien der Künste aus und nahm sich eine Auszeit im kalifornischen Santa Monica. Die Arbeit an der 2002 publizierten, leicht larmoyanten Erzählung „Leibhaftig“ mag für sie einem Befreiungsschlag gleichgekommen sein.

Oft waren Wendepunkte in ihrem Leben mit psychosomatischen Krisen verbunden. Literarisch bewies sie stets ein entsprechendes Einfühlungsvermögen, eine universal verständliche „Innerlichkeit“, die einen Gutteil ihrer Beliebtheit erklärt. Im Rückblick überragt dieses Vermögen die politischen Botschaften ihrer Bücher, was etwa die Tschernobyl-Reflexion „Störfall. Nachrichten eines Tages“ von 1987 beweist. Nachdem sie sich am 4. November 1989 bei der historischen Kundgebung auf dem Alexanderplatz zu ihrem schwierigen Land bekannte, das plötzlich veränderbar erschien, erlitt sie eine Herzattacke.

Auf dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965, dem unter anderem die kritischen „Kaninchen-Filme“ zum Opfer fielen, schien ebenfalls die Stunde der utopiebegabten Patriotin geschlagen zu haben. In einer spontanen Wortmeldung warnte die ZK-Kandidatin vor den Auswirkungen der Restriktionen der Ulbricht-Regierung auf die Künstler und verteidigte den mutigen Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräunig. Doch der Bruch zwischen Geist und Macht war längst vollzogen.

1968 erschien Christa Wolfs zweiter Roman „Nachdenken über Christa T.“, die Leidensgeschichte einer Leukämiekranken, die die Generationserfahrungen der Autorin teilte. Für DDR-Begriffe war dieses trostlos subjektive Buch gefährlich subversiv, war es doch auch als Reaktion auf die Erfahrungen politischer Ignoranz zu verstehen. Christa Wolf beharrte auf der für sie zentralen Frage nach der Subjektwerdung des Menschen und verweigerte sich dem staatlich erwünschten Optimismus. Das von Johannes R. Becher stammende Motto des Romans „Was ist das: Dieses Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?“lässt sich als Schlüsselfrage ihres Werks verstehen.

Die staatliche Zensur griff mehrfach ein, ab 1969 wurde die Familie von der Stasi überwacht. Christa Wolfs „Opferakte“ umfasst 41 Bände. Als „Sturzwelle von Gemeinheiten“ erlebt sie 1976, das Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Ihre persönliche Desillusionierung entsprach der ideologischen Entzauberung jenes Staatswesens, für das sie sich so früh entschieden hatte. Als Angehörige der Aufbaugeneration erlebte sie ihre Adoleszenz parallel zur 1949 gegründeten DDR – das mag ihre Loyalität bis zum bitteren Schluss erklären.

Wer als Ost-Berliner „Staatskünstler“ materielle Geborgenheit nebst uneingeschränkter Reisefreiheit genoss, musste sich gelegentlich auch triezen lassen. Die Fährnisse eines Lebens als „loyale Dissidentin“ spiegelt ein halbdokumentarisches Buch, das zu Christa Wolfs aussagekräftigsten gehört: „Ein Tag im Jahr. 1960–2000“, erschienen 2003. Dem Banalen nicht ausweichen, das Bedeutende nicht suchen oder inszenieren: Das sind ihre Prämissen für die Literarisierung des 27. September seit 1960 – Jahre, in denen sie sich von der Zeitgenossin zur Zeitzeugin wandelte.

Christa Wolfs Verkörperung des Common Sense bei gleichzeitigem Drang zum Exemplarischen, ihre Warmherzigkeit, die in vielen Briefen zum Ausdruck kommt, sowie der Umstand, dass sie vor allem seit „Kindheitsmuster“ (1976) autobiografisches Material literarisierte: Das alles sind Gründe für ihre ungebrochene Beliebtheit. Ihr internationaler Ruhm ist nur mit dem von Günter Grass zu vergleichen, mit dem sie eine späte Freundschaft verbindet.

Mit „Medea. Stimmen“ näherte sich Christa Wolf 1996 nach ihrer für die DDR brisanten Erzählung „Kassandra“ (1983) zum zweiten Mal einer Frauengestalt der griechischen Mythologie und brachte sie auf moderne, feministische Weise zum Sprechen. Aus sechs Perspektiven werden das Schicksal und die Beweggründe der Kindsmörderin Medea reflektiert. 77 Stimmen von Zeitgenossen wiederum sind es, die einen polyfonen Geburtstagschor zu Christa Wolfs Achtzigstem bilden. Den Reigen eröffnet der Ost-Politiker Egon Bahr. Auf den Tag genau sieben Jahre älter, erinnert er sich an die erste wortlose Begegnung mit seiner „Sternenschwester“ in der Ständigen Vertretung während des Kalten Krieges: „Ich empfand Verständnis und Nähe zu ihrer Haltung und ihren Gedanken in ihrem Staat und fühlte mich verbunden mit einem Menschen, der ungeteilte Zustimmung nicht erwarten durfte.“ Günter Grass widmet ihr die Lithografie einer portugiesischen Agave, die sie vor „lästigen Zudringlichkeiten“ schützen möge. „Es ist gerade der Zweifel, der die Flamme des Gelingens nährt“, schreibt aus Zürich Adolf Muschg. Alte Weggefährtinnen und Weggefährten wie Inge Heym und Volker Braun, jüngere Kolleginnen und Kollegen wie Annett Gröschner, Tanja Dückers oder Ingo Schulze, Übersetzer aus allen Winkeln der Welt und Grafiker, die Zeichnungen aus Mecklenburg beisteuern, wo Christa und Gerhard Wolf ihre Sommer verbringen: All diese Zeugnisse lassen erahnen, dass die Jubilarin auch ein Genie der Freundschaft sein muss.

Therese Hörnigk (Hg.): Sich aussetzen. Das Wort ergreifen. Texte und Bilder zum 80. Geburtstag von Christa Wolf. Wallstein, Göttingen 2009. 192 Seiten, 14,50 €.

Konrad Wolf: Der geteilte Himmel. Nach der Erzählung von Christa Wolf. Zwei DVDs mit einem Essay von Ulla Unseld-Berkéwicz. Filmedition Suhrkamp Nr. 7, Frankfurt a. M. 2009. 29,90 €.

Christa Wolf, am 18.3. 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, übersiedelte 1945 nach Mecklenburg.

1949 Abitur nach einem Aufenthalt im Lungensanatorium von Bad Frankenhausen. Im selben Jahr Eintritt in die SED. Germanistikstudium in Jena und Leipzig. Diplomarbeit bei Hans Mayer über Hans Fallada. Zeitweise Cheflektorin des Jugendbuchverlages „Neues Leben“. Seit 1962 als Schriftstellerin in Kleinmachnow, seit 1976 lebt sie mit ihrem Mann Gerhard Wolf in Berlin.

Am Freitag, den 20. März, richtet ihr die Berliner Akademie der Künste um 20 Uhr im Hanseatenweg eine Geburtstagsveranstaltung mit Volker Braun, Freidrich Dieckmann, Uwe Timm u.a. aus.

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