Christian Geissler : Der Radikale

Ästhetische und politische Radikalität trieben ihn ins literarische Abseits. Seine Bücher lesen sich als Versuche der Selbstklärung: Zum Tod des Schriftstellers Christian Geissler.

Wend Kässens
Christian_Geissler
Christian Geissler -Foto: pa/dpa

Aufsehen erregte er zuletzt 1999, als er mit seinem Sohn, dem Dokumentarfilmer Benjamin Geissler, im heute ukrainischen Drohobycz die Wandgemälde des ermordeten polnisch jüdischen Malers und Schriftstellers Bruno Schulz aufgespürt hatte, die der während der deutschen Besatzung auf Befehl der Nazis malen musste. Christian Geisslers Schreiben kam aus seinen Erfahrungen als 16-jähriger Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg, aus der Wahrnehmung der kollektiven Verdrängung im Wiederaufbau, der Wiederbewaffnung und der Restauration. Damals war er zum Katholizismus konvertiert, hatte ein Studium der Psychologie begonnen und jobbte herum, bevor er Ende der 50er mit ersten Hörfunksendungen und Fernsehspielen beim NDR reüssierte.

Alle Bücher Geisslers lassen sich lesen als Versuche der Selbstklärung, von dem Roman „Anfrage“ (1960) bis zu dem als „liebeslied“ bezeichneten Buch „ein kind essen“ (2001). Sein Erstling „Anfrage“ war aus dem Anspruch entstanden, verstehen zu wollen, was passiert war – im Faschismus, im Krieg und danach, im kollektiven Schweigen. Er lebte, was er schrieb, darin war er Peter Weiss nahe, mit dessen „Ästhetik des Widerstands“ er sich wie mit keinem anderen Roman auseinandergesetzt hatte. Er verstand sich als homo politicus, war in den 60er Jahren Mitglied im Kuratorium der Kampagne für Abrüstung und Ostermarsch, Mitherausgeber der marxistischen Literaturzeitschrift „Kürbiskern“, eine kurze Zeit Mitglied in der illegalen KPD und zu Beginn der 70er Jahre Mitbegründer des Hamburger Komitees gegen Folter an politischen Gefangenen in der Bundesrepublik Deutschland.

Mit Ulrike Meinhof war er befreundet, mit anderen Mitgliedern der RAF bekannt, ohne dass er deren gewaltsamen Kampf gutgeheißen hätte. Ästhetische und politische Radikalität trieben Geissler ins literarische Abseits. Verlangt doch dieses Werk der Empörung auch vom Leser Konsequenzen. Alle drei großen Romane erfordern ein hohes Maß an Konzentration: „Das Brot mit der Feile“ (1973) über die Arbeiter- und Studentenkämpfe im Hamburg der 60er Jahre, „Wird Zeit, dass wir leben“ (1976) über die beginnende Naziherrschaft, und „Kamalatta“ (1988) über eine bewaffnete RAF-Aktion gegen eine Antiguerillakonferenz des Pentagon in Bad Tölz. Geissler war ein Meister des fragmentarischen Erzählens, des harten Schnitts und der Montagetechnik, die er Ende der 50er Jahre als Mitarbeiter Egon Monks beim NDR-Fernsehen und Ende der 60er als Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Westberlin kennengelernt hatte. Prosa und Lyrisches ergänzen und kommentieren sich in Geisslers späten Büchern – auch in seinem letzten Roman „Wildwechsel mit Gleisanschluss“ (1996). Vergangene Woche ist er 79-jährig einer Krebserkrankung erlegen. 

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