Clézio : Der ewige Grenzgänger

Auf der Flucht vor Europa: Das Werk von Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézios sucht die Ekstase im Exotischen.

Gregor Dotzauer
Clezio
"Verfasser des Aufbruchs". Le Clézio lebt in Albuquerque. -Foto: dpa

Zu den Autoren, die Jahr um Jahr an einem Donnerstag im Oktober darauf warten, dass ein Anruf aus Stockholm sie in ihrem Bild von der eigenen Bedeutung bestätigt, gehört er gewiss nicht. Betriebsignorant, wie er sich gerne gibt, lebte er von Anfang an für seine literarische Mission und zwischen vielen Welten – was ihn in keiner heimisch werden ließ. Jean-Marie Gustave Le Clézio, 1940 in Nizza als Sohn eines englischen Arztes und einer französischen Mutter geboren, wuchs zweisprachig auf, auch wenn er zum Schreiben schließlich das Französische wählte. Mit seinem Debütroman „Das Protokoll“ (1963) wandte er sich von den kühlen Außenperspektiven des nouveau roman ab – und verweigerte doch das süffige Geschichtenerzählen. Er starrte voller Abscheu auf die wurzellose Mechanik des Großstadtlebens – und träumte von einem Dasein jenseits der europäischen Zivilisation.

Wer sollte darüber besser Bescheid wissen als er, der mit acht Jahren nach Nigeria zog, wo er zum ersten Mal seinem Vater begegnete, der als Militärarzt eine Hütte bewohnte, in der nichts war, „was uns an die Welt erinnern konnte, in der wir bisher gelebt hatten“, wie er in seinem Erinnerungsbuch „Der Afrikaner“ (2004) schreibt – „keine Spiegel, keine Bilder“, rundherum nur die einheimischen Ibo und Yoruba. „Eine Betonplatte als Fußboden, vier Wände aus unverputzten Zementsteinen, ein mit Palmwedeln bedecktes Wellblechdach, keinerlei Zierrat, Hängematten, die an den Wänden befestigt waren und als Betten dienten, und als einziger Luxus eine Dusche.“

Ein ewiger Grenzgänger ist er bis heute geblieben – und als solcher ein Außenseiter, der sich bei Publikum und Kritik durchaus wechselhafter Sympathien erfreut: Mit seinen über dreißig Büchern gilt er als schwer klassifizierbar, obwohl das animistisch geprägte, naturökologische Weltbild, das er entwirft, in dem halben Jahrhundert, das seine geradezu furchterregende Produktivität nun fast andauert, dem westlichen Erfahrungsraum bis zur Form des Klischees nahegerückt ist. Sprachlich entwickelt das nicht selten einen überwältigenden Glanz. Le Clézios Sätze schillern in allen poetischen Farben – von der transparenten Schlichtheit alltäglicher Beobachtungen bis zum metaphorisch reich instrumentierten Gefühlsüberschwang. Die Ambivalenz liegt eher im Gedanklichen: Haben die Abenteuerromane, die J.-M. G. Le Clézio schreibt, so die nicht verstummende Grundskepsis, die Größe eines Robert Louis Stevenson, mit dem er immer wieder verglichen wird? Dürfen sie sich jener philosophischen Tiefe rühmen, die Joseph Conrads beste Bücher auszeichnet? Die außereuropäischen Ekstasen, die er sucht, stehen immer im Verdacht des bloßen Exotismus.

Man muss Le Clézio aber für einen Grad an Traditionsbewusstsein und kultureller Neugier rühmen, mit dem nur wenige zeitgenössische Schriftsteller konkurrieren können. Seine frühen Wahlverwandten – er schrieb seine Maîtrise über Henri Michaux und begann eine Dissertation über Lautréamont – zeigen, wer ihm literarisch einmal vor Augen stand und wem er mit Romanen wie „Wüste“ (1980) auf seine stoffsatte Art dann auch tatsächlich nachstrebte.

Le Clézio erzählt darin vom Schicksal marokkanischer Tuareg, die in den zehner Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor den christlichen Kolonialherren aus Frankreich flohen und 1912 vor Agadir ermordet wurden. Auf einer zweiten zeitlichen Ebene in der Gegenwart kommt Lalla, eine Nachfahrin jener Nomaden, ins Spiel. Sie flieht vor einer Zwangsehe nach Marseille, um inmitten des dortigen Migrantenelends zu erkennen, dass sie ein Kind der Wüste ist und in ihre Heimat zurückkehren muss.

Wie Albert Camus erkennt Le Clézio in der Sonne des Maghreb ein Lebensprinzip. „Die vollendete Annäherung an die Schönheit“, hat er in einem Interview einmal gesagt, finde man nur in „Sonnenländern wie Ägypten, Indien oder Spanien, Ländern, in denen es soviel reale Weite und Schönheit gibt, dass sich der Schrecken vor der Zeit oder dem Tod bald auflöst.“ Europa erschien ihm dagegen als „unterirdische, kryptische, in Höhlen lebende Zivilisation.“

Entsprechend oft ist Le Clézio, der heute mit seiner zweiten Frau abwechselnd in Frankreich und Neumexiko lebt, vor Europa geflohen. Nicht zufällig heißt einer seiner Romane „Das Buch der Fluchten“ (1969), dessen Protagonist Hogan einmal um den Globus reist, in der Hoffnung, eine authentische Erfahrung zu finden, die ihm zu Hause, umgeben von Worthülsen und kulturell unverrückbaren Kategorien, verwehrt bleibt. Was Jean-Paul Sartre in „Ekel“ als moderne Lord-Chandos-Erfahrung rein philosophisch formulierte, erfährt hier eine ethnologische Wendung, die sich allerdings insofern ihrer Zwiespältigkeit bewusst ist, als sie das Andere immer nur in den gewohnten, kulturell vorgegebenen Sprachmustern artikulieren kann. Le Clézio hatte immer das Bedürfnis, diesen Ballast abzuwerfen, aber er war klug genug, nicht vorzutäuschen, er könne das einfach so tun.

Schon als er sich in den sechziger Jahren noch mit der westlichen Konsumgesellschaft beschäftigte, machte er an Universitäten in Thailand und Mexiko Erfahrungen jenes Anderen, das ihn aber erst durch seine Begegnung mit den Embera-Indianern in Panama vollends in Bann schlug. Erst hier entdeckte er die „L’extase matérielle“, die 1967 einem Essayband den Titel gegeben hatte, und löste einen Umschwung in seinem Werk aus, weg von der Kulturkritik, hin zu Naturmystik, die in den Ohren von Gerda Zeltner wie ein großer „Welt-Wolken-Himmel-Gesang“ klang.

Die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Leben hat Le Clézio seitdem nicht mehr verlassen. In unterschiedlicher Konzentration findet man sie in den „Reisen auf die andere Seite“ (1975), in „Der mexikanische Traum“ (1988), wo er westliche Moral und Spiritualität mit präkolumbianischen Traditionen konfrontiert, oder in dem Roman „Ein Ort fernab der Welt“ (1996).

In Frankreich ist bei Gallimard diese Woche sein jüngster Roman „Ritournelle de la faim“ (Bänkellied des Hungers) erschienen. Eingefasst von zwei autobiografischen Stücken erzählt er die Geschichte einer jungen Jüdin namens Ethel, die in die Mühlen des Vichy-Regimes gerät. Das Szenario mutet rein historisch an, aber Le Clézio, der der Kritik zufolge eine seiner eindrucksvollsten Figuren geschaffen haben soll, überhöht es mit jener Sehnsucht nach einem Anderen, die zu jeder gelungenen Literatur gehört.

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