Courtney Love : Die Höllenfeuersüchtige

Hure, Muse, Nervensäge: das Selbstbild der Künstlerin Courtney Love in ihren Tagebüchern.

Jan Schulz-Ojala
Courtney
Nackte Seele: Courtney Love in "Larry Flynt". -Foto: Cinetext

Die neuesten sogenannten Nachrichten: Courtney Love ist von zuletzt 90 Kilo runter, weil sie den makrobiotischen Rezepten ihrer Freundin Gwyneth Paltrow abgeschworen und sogar ein Vorhängeschloss am Kühlschrank angebracht hat! Courtney Love hat für ihr kommendes Album „Nobody’s Daughter“, das erstinformierte Klatschreporter bereits mit Meisterwerken von Patti Smith und Led Zeppelin vergleichen, einen Gitarristen verpflichtet, der Kurt Cobain wie aus dem Gesicht geschnitten sein soll! Courtney Love will wieder heiraten, schließlich hat sie „zu viel Zeit mit Losern verschwendet“, zitiert mtv.de bild.de, die es wiederum aus einem „Zeit“-Interview haben!

So viel Lärm. Und Courtney Love ist das ja auch: laut. Ihre Biografie: ein einziger Kiosk mit Riesenlettern auf Tabloids, die Hell statt Sun heißen müssten oder mindestens Los Angeles Trash statt New York Post, eine einzige Orgie aus Gebrüll. Seit 13 Jahren – seit dem 5. April 1994, um genau zu sein –, als ihr Mann Kurt Cobain sich in Seattle, vollgepumpt mit Heroin, das Leben nahm, geht Courtney Love der Welt auf die Nerven: die böse Yoko Ono Number Two, die das Genie an ihrer Seite erst ins Nirwana hinüberquält und nachher wie Dagoberta Duck auf den Tantiemen sitzt. Die schrottreife Celebrity, die fixt und kokst und ihren Körper mit Silikon vollhaut, um neuerdings all das Gift wieder abzulassen aus Blut und Gewebe, clean mit 30 Zigaretten am Tag. Und die immer noch schreit statt singt, dabei ist sie soeben 43 geworden. „America’s Sweetheart“ heißt ihre letzte Platte? Guter Witz.

Dahinter aber ist eine Stille. Es wäre Zeit, durch das Getöse hindurchzugehen und auf sie zu hören, in jener Sekunde etwa in „America’s Sweetheart“, in der sie „You shouldn’t have loved me baby“ herausjagt, Messerstich in jedermanns Herz. Oder in all den zahllosen hingescribbelten, mit geschundenen Stimmbändern rausgepressten Zeilen, in denen ihr Lebensverlust immer riesiger zu werden scheint und die zerkloppte Trauer plötzlich dasteht wie ein klarer, wandfüllender Spiegel. Lange genug hat Courtney Love den Leuten die Hinterhofnärrin gemacht, den Lebensabsparern die Lebensvergeuderin. Ja, sie hat gestrippt als Teenie in Japan und Alaska und sie zieht sich noch immer ziemlich aus für Max und Moritz und wie die ewigen Jungsmagazine heißen mögen, aber wie fotografiert man eine nackte Seele?

Angefangen hat das vor zehn Jahren, im Kino. Da war sie für Milos Forman die Stripperin Althea, die ruppige Gefährtin des noch ruppigeren Porno-Verlegers Larry Flynt, und wie das Paar – er im goldenen Rollstuhl, sie heroinsüchtig – in seiner verdunkelten Luxussuite dem Ende entgegenschlingert, das war in seiner rettungslosen Zärtlichkeit schlicht überwältigend. Oder drei Jahre später, im „Mondmann“: Da taucht Courtney Love mitten im Film um den verrückten Komiker Andy Kaufman auf, und der macht der Frau, die er gerade erst kennengelernt hat, einen Heiratsantrag für demnächst in Memphis, und sie sagt nur, nach kurzem Zögern und lächelnd: „Warum Memphis?“ Wieder war es Milos Forman, der in diesem kraftvollen und doch so verbrauchten Frauengesicht das pure Leben sah. Gut für ihn: Ohne Courtney Love wären beide Filme bloß brillante Satiren auf das amerikanische Entertainment geblieben; plötzlich hatten sie Wärme.

Man könnte sagen: ein Missverständnis, auch das. Noch einmal ist Courtney Love nur Begleiterin, nur Hure und Muse – im „Mondmann“ sogar eine, die ihrem Wahnsinnsmann den Weg in den Tod erleichtert. Seit der Ehe mit Kurt Cobain sieht die Welt sie als Accessoire, nicht als Sängerin und Texterin von Hole, der Band, die sie Jahre zuvor gegründet hatte und deren oberstes Riot Grrrl sie lange nach seinem Tod blieb. Und auch jetzt, wo ihre Tagebücher auf Deutsch unter dem Titel „Dirty Blonde“ erschienen sind, geht das womöglich auch wieder nur als Abklatsch der Selbstzeugnisse Kurt Cobains durch, die sie selber vor fünf Jahren herausgab. Denn während er bis zu seinem Tod mit 27 immerhin zwei Dutzend Spiralblöcke und Notizbücher füllte, hat sie, nach Mädchentagebuchanfängen, nur ein unerschöpfliches Zettelkasten-Sammelsurium aufzuweisen.

Nur, nur, nur. Und doch. Zwischen all den Fotos, die vom frühen Schnappschussgewitter sehr allmählich ins Hochglänzende aufklaren, zwischen all den hingekritzelten Songtextideen und teilverworfenen To-do-lists wird die Zitterlebenslinie eines Menschen sichtbar, der mit Ach und Krach und Weh und Wut immer wieder am Untergang vorbeischrammt. Von Anfang an, als die Hippieelternfamilie sich in nichts auflöste vor den Augen des Kleinkinds, und bis heute. Ja, „ich werde Rockstar, einen Oscar gewinnen und mit Elton John befreundet sein“, schreibt sie mit 15, da steckt sie gerade mal wieder in Oregon im Erziehungsheim; ja, vier Kinder will sie haben, schreibt sie mit 20, „Frances Clara Scarlett Kevin“, da lebt sie in einer Punk-WG in Liverpool, aber: „Ich lebe nur, um noch einen Tag länger zu sterben.“ Andererseits, zwei Jahre später: „Licht an, und keine Entschuldigungen!“ Was für ein Cocktail aus Selbstzweifeln, Megalomanien, Vernunftappellen – aber ist dieses wunderbar unreife Zeug nicht genau das, was auch Anna und Otto Normalverdränger ein Leben lang umtreibt?

Und dann, sie ist 27, schickt sie verliebte Faxe an einen Gitarristen namens Kurt Cobain, und ein Jahr später ist Frances geboren, Kind Nummer Ein und Alles. Und Courtney Love fügt ihrem Papierwust eine Zeile hinzu, die bald auf ihrem Album „Live Through This“ kaum verändert wieder auftaucht: „K is for knife for the rest of my life.“ M wie Messer, K wie Kurt? Diese eine, extreme, kaputte, tragische, ewige Liebe rückt nicht etwa eine Schattenfrau in plötzliches Licht, sondern ist – gleißendste Erfahrung einer Höllenfeuersüchtigen – das Messer, das plötzlich in einem steckt und das nur rauszieht, wer selber sterben will. Und die, sehr viel später, nur zurücklässt, wer mit ihr zu leben lernt. Vielleicht ist die Künstlerin Courtney Love, immer noch sehr borderline und immer noch sehr Boulevard, sehr leise auf dem Weg dorthin.

Courtney Love. Dirty Blonde.

Die Tagebücher. Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler. Kiepenheuer und Witsch, 312 S., 14.95 €.

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