Crash der Erde : Nachruf auf J. G. Ballard

Zum Tod des britischen Schriftstellers J. G. Ballard. Am Sonntag erlag der 78-Jährige einer langjährigen Krebserkrankung.

Gerrit Bartels
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J. G. Ballard. -Foto: dpa

Als James Graham Ballard Anfang der siebziger Jahre nach seinem poetologischen Credo befragt wurde, beschrieb er zunächst den Zustand der Welt: „Wir leben in einer Welt, die von Fiktionen beherrscht wird. Werbung, industrielle Massenproduktion, das Fernsehen, das Imaginationen vorwegnimmt, die Erzeugung von Identität allein durch Konsumgüter.“ Fiktionen gebe es also in ausreichendem Maße, so Ballard. Die Aufgabe des Schriftstellers sei es deshalb, „die Realität zu erfinden“. Und bei so einer pessimistischen Weltsicht ist diese Realität in seinen Büchern entsprechend düster-apokalyptisch. Von mysteriösen Zyklonen wie in seinem Roman „Der Sturm aus dem Nichts“ über überschwemmte Kontinente wie in „Der Karneval der Alligatoren“ bis zu den sinnlosesten Kriegen hat Ballard kaum eine denkbare Katastrophe ausgelassen. Die Menschen, die diesen Katastrophen ausgesetzt sind, werden von ihm meist als rätselhafte Wesen gezeichnet, mal klarsichtig, aber depressiv, dann wieder stumpf, ihres Verstandes, ihrer sieben Sinne komplett beraubt.

Auch sich selbst hat Ballard einmal als „Kind eines katastrophischen Zeitalters“ beschrieben und damit sein Schreiben begründet: 1930 in Shanghai geboren, wo sein Vater eine britische Textilfirma leitete, geriet er 1937 in die Wirren des japanisch-chinesischen Krieges. Anfang der vierziger Jahre wurden er und seine Familie von den Japanern bis zum Kriegsende in einem Lager interniert, wovon Ballard 1984 in seinem wohl bekanntesten, weil untypischsten Roman Zeugnis abgelegt hat, „Empire Of The Sun“.

Nach dem Krieg ging es zurück nach Großbritannien, wo Ballard nach einem abgebrochenen Medizinstudium mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begann; seine erste erschien 1956 in dem britischen Magazin „Science Fantasy“. Fortan war er genremäßig festgelegt, nicht zuletzt von seinen Verlagen, die ihn in entsprechender Aufmachung präsentierten. Daran konnten prominente Fürsprecher wie Anthony Burgess, Graham Greene oder Susan Sonntag genauso wenig ändern wie Steven Spielbergs Verfilmung von „Empire Of The Sun“ oder die des autoerotischen Endzeitromans „Crash“ durch David Cronenberg.

Liest man jedoch Ballard-Romane wie „Der Block“ oder „Weißes Feuer“, bekommt man eine Ahnung davon, wo etwa ein Michel Houellebecq seine Inspirationen bezogen hat. Und dann weiß man auch, dass Ballard einen Satz wie „Der eigentlich fremde Planet ist heutzutage doch die Erde“ nicht einfach so dahingesagt hat. Am Sonntag erlag James Graham Ballard mit 78 Jahren in London einer langjährigen Krebserkrankung. Gerrit Bartels

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