Cyberspace : Zukunft ist heute

Der Erfinder von Matrix und Cyberspace: Eine Begegnung mit dem Science-Fiction-Autor William Gibson und seinem neuen Roman "Quellcode".

Sebastian Handke
William Gibson
William Ford Gibson prägte die Begriffe Cyberspace, sowie das Subgenre des Cyberpunk und den Begriff der Matrix. -Foto:dpa

Es war Freitagnachmittag, als William Gibson klar wurde, dass er am falschen Ort ist. Genauer gesagt: im Herbst 1963, am 22. November. Es regnete in Strömen. Gibson, damals Schüler an einem Internat in Tuscon, befand sich mit seiner Klasse auf dem Sportplatz, als ein Lehrer aufgeregt die Nachricht überbrachte: Es hat einen Anschlag gegeben auf John F. Kennedy. Seine Klasse brach in Jubel aus. Der Lehrer auch.

„Ich war ein instant outsider“, sagt William Gibson, „ich wusste es nur lange Zeit nicht.“ Gibson, der an diesem Tag seinen neuen Roman „Quellcode“ in Berlin vorstellt, rührt in seinem Kaffee. Er hält sich aufrecht wie ein lang gezogenes Fragezeichen: hochgewachsen, drahtig, stark gebückt. Er ist zurückhaltend und seine Stimme so leise, als seien wir in dem lauten Bistro des Maritim pro arte für ein konspiratives Treffen zusammengekommen. Jedes Mal, wenn er seinen Kaffee nachzuckert, stellt er das Zuckerdöschen wie in einem subversiven Akt direkt vors Mikrophon des Aufzeichnungsgeräts.

Für einen Science-Fiction-Autor pflegt William Gibson, Jahrgang 1948, ein erstaunlich skeptisches Verhältnis zur Technik. „Computer interessieren mich nicht“, sagt er. „Mich interessiert, wie sich die Menschen in ihrer Gegenwart verhalten.“ Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Glanz des Neuen machte ihn zu einem retrospektiven Visionär und zum Schöpfer des Cyberpunk, in der die Zukunft nahe war und nicht schön, und in der nur wenige Außenseiter die allgegenwärtige Computermatrix gegen die Gebrauchsanweisung verwendeten. Ein Technik-Skeptiker erfand das Hacker-Ethos – auf einer Schreibmaschine.

Der britische „Guardian“ bezeichnete ihn 1999 als „den wahrscheinlich wichtigsten Romancier der letzten beiden Dekaden“. Nicht dass Gibson die literarische Welt aus seiner Nische heraus stark hätte beeinflussen können. Aber sein Einfluss auf die Bilder und Worte, mit denen wir heute das Verhältnis von Mensch und Maschine beschreiben, ist groß. Er erfand den „Cyberspace“, lange bevor es das Internet gab.

Seine „Antenne”, glaubt Gibson, verdanke er der „kognitiven Dissonanz“ seiner Jugend. „Das Amerika im Fernsehen war damals ein anderes Land als das, was ich sah, wenn ich aus dem Fenster blickte. Während auf dem Bildschirm die Moderne der fünfziger Jahre zu sehen war, pflügten draußen die Bauern ihr Feld mit dem Esel.“

Im Alter von sechs Jahren verlor Gibson seinen Vater, der sich in einem Restaurant am Essen verschluckt hatte und erstickt war. Die Mutter zog mit dem Sohn nach Wytheville, Virginia. Dort misstraute man der Moderne zutiefst. Das plötzliche Exil in der Vergangenheit prägte William Gibson. „Ich hatte immer das Gefühl, in Ruinen zu leben. Und unter diesen Ruinen waren wieder andere Ruinen.“ Auf den Feldern lagen noch Pfeilspitzen vergessener Indianerstämme und Patronenhülsen aus dem „Invasionskrieg des Nordens“, wie die Großmutter sagte.

Gibsons depressive Mutter starb, als er neunzehn war. Er ging nach Kanada und tauchte dort in die Subkultur der US-amerikanischen Vietnam-Verweigerer ein, nachdem er in Wytheville einer der ersten war, die gemustert wurden. Kaum eingetroffen, wurde der schüchterne Sonderling gleich an den Psychologen verwiesen. Was er mit seinem Leben anzufangen gedenke, fragte der, und Gibson gab zur Antwort: „Ich will jede bewusstseinsverändernde Substanz ausprobieren.“ Das war zwar völlig aus der Luft gegriffen, aber es tat seine Wirkung. Mit den Worten „Wir melden uns“ wurde Gibson weggeschickt. Er nahm den Bus nach Toronto und blieb in Kanada. Einmal noch kehrte er zurück, wurde aber wieder in die Flucht geschlagen, diesmal von den Hippies. „Ich war in Woodstock“, sagt er und verzieht das Gesicht. „Ein scheußliches Erlebnis. Drei Tage Matsch, kein Essen, kein Schlaf, schlechter Sound. Auf dem Rückweg beklagten sich alle bitter über diesen schrecklichen Event. Erst als die Zeitungen eine große Sache daraus machten, verwandelten die Klagen sich in Hymnen.“

Der falsche Jubel machte Gibson erneut zum instant outsider. Er ging nach Europa und lebte mit seiner zukünftigen Frau Deborah Thompson auf griechischen Inseln und in Spanien. Dann zogen sie zurück nach Kanada, und er schrieb 1977 seine erste Kurzgeschichte „Fragments of a Hologram Rose“. 27 Dollar verdiente er daran. „Als mir klar wurde, dass ich damit keinen Pulitzerpreis gewinne, verlor ich die Lust.“ Es dauerte Jahre, bevor er wieder etwas veröffentlichte. Mit seinem ersten Roman gelang ihm aber 1984 ein erstaunlicher Wurf: „Neuromancer“ wurde zum Genre-Klassiker und brachte Science Fiction auf die Literaturseiten der Feuilletons. „Science Fiction war in einem jämmerlichen Zustand. Ich stellte mir vor, wie das exakte Gegenteil von dem aussähe, was mich daran störte, und das habe ich aufgeschrieben.“ „Neuromancer“ wurde Auftakt der „Sprawl“-Trilogie (1984-1988), Gibsons Themen waren darin bereits voll entwickelt. Die Herrschaft transnationaler Riesenkonzerne, die Allgegenwart von Technologie, ihre Auswirkungen auf den Menschen und vor allem: wie Außenseiter, Gestrandete und Künstler als innere Exilanten in dieser Welt überleben – und sie manchmal gar herausfordern. Seine Helden sind Wiedergänger einer altmodischen literarischen Figur – der Bohemiens des neunzehnten Jahrhunderts.

Sein neuer Roman „Spook Country“, in Deutschland unter dem irreführenden Titel „Quellcode“ im Handel, ist Gibsons zweites Werk, in dem er seine Motive und Techniken der Gegenwart überstülpt. Eine ehemalige Punksängerin, ein Junkie und ein illegal facilitator aus einer kubanisch-chinesischen Mafia-Familie machen darin unabhängig voneinander Jagd auf einen Schiffscontainer, dessen Inhalt unbekannt, aber offenbar sehr wertvoll ist. Sie werden von schattenhaften Gestalten im Hintergrund manipuliert: private Geheimdienste (vermutlich im Regierungsauftrag), ein ehemaliger CIA-Agent (nicht im Regierungsauftrag) und ein superreicher Werbemogul. Es entspinnt sich eine technisch aufgerüstete Schnitzeljagd mit GPS, RFID, Geohacking und lokativer Kunst: ein erstaunlich positives Buch über Angst als das vorherrschende Gefühl unserer Zeit.

Waren es die Anschläge vom 11. September 2001, die Gibson sich der Gegenwart zuwenden ließen? „Alle meine Geschichten handeln von der Gegenwart“, sagt er leicht ungeduldig. „Ich habe mir beim Schreiben immer einen Maßstab dafür zurechtgelegt, wie verrückt die Gegenwart ist. Science Fiction benutzte ich nur, um diesen Maßstab zu vergrößern und dadurch eine kognitive Dissonanz beim Leser herbeizuführen.“ Noch einmal rückt William Gibson die Zuckerdose vors Mikro. „Aber jetzt sind wir in der Science Fiction angekommen, und es ist viel seltsamer als alles, was ich mir je hätte vorstellen können.“

Wiliam Gibson: Quellcode. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schaeffler. Verlag Klett Cotta, Stuttgart 2008. 450 Seiten, 22, 50€

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