Literatur : Dame Kobold

Binette Schroeders schönes Geburtstagsbuch

Peter von Becker

Sie ist als Illustratorin und Autorin mittlerweile die grande dame der deutschen Kinderliteratur. Aber in der Dame steckt bis heute noch ein junger Kobold, eine hellwache Komödiantin, deren surreale, zauberhafte Spiele Menschenkinder jeden Alters von 2 bis 102 bezirzen. Für Binette Schroeder, die an diesem Wochenende 70 wird und der das Berliner Literaturhaus soeben die fabelhafte Ausstellung „Binettes Geister“ als Hommage gewidmet hat, für Binette Schroeder gilt, was auf alle Fabeleien von Lewis Carroll oder den Grimmbrüdern bis heute zutrifft: Kinder brauchen Märchen und Erwachsene ebenso.

Binette Schroeders „Geister“ sind Lupinchen, Lelebum und Laura, der Herr Klappaufundzu, der aus Alices Wunderland entsprungene Humpty Dumpty, das Krokodil vom Nil, die Schöne und das Tier oder der mit ihrem Mann Peter Nickl neu verfasste Lügenbaron Münchhausen: allesamt kleine große Klassiker – von Hamburg, wo sie geboren wurde, bis München, wo sie lebt, von Tokio bis Tansania, wo man sie liest und liebt.

In Berlin hatte sie nach dem Graphik- und Designstudium in Basel vor 40 Jahren ihre Karriere als Illustratorin begonnen, und gleich ihr Erstling „Lupinchen“ wird in Frankreich, in Leipzig und in Bratislava, wo damals die tschechischen Buchkünstler maßstabsetzend waren, mit Preisen ausgezeichnet. Einer ihrer Co-Autoren wird später Michael Ende (der in diesem November 80 geworden wäre): Ende dichtet auf ihre Bilder, sie zeichnet zu seinen Gedichten, und in der gemeinsamen „Schattennähmaschine“, die eine Wiederauflage verdient hätte, zeigt Binette Schroeder ihre reichen Mittel. Sie collagiert à la Max Ernst, sie kann den minimalistischen Strich eines Sempé oder Steinberg, und es schwimmen auch mal Magritte’sche Lippen wie erotische Wolken durch Schroeder’sche Lüfte.

Höchstpersönlich in ihrem Panoptikum sind die Binette-Mädchen, diese koboldhaften Madonnen mit ihren vor Entsetzen oder Entzücken zum Himmel stehenden, schreienden Haaren, in denen nicht Vogelnester, nein wahre, wunderbare Ritterburgen wachsen. Und da kommt nun Binette Schroeders neuestes Buch gerade recht. Sie hat ihren Lesern, den Kindern und Eltern, zum eigenen vorweihnachtlichen Geburtstagsfest die Ritter Rüstig & Rostig geschenkt. Die Fabel erzählt von zwei benachbarten Burgen und Paaren, dem guten Rüstig „mit seiner sanftmütigen Frau Amarone“ und Herrn Rostig mit seiner „edelmütigen Frau Salbadrine“. Zwischen ihnen sind endlich alle Mauern gefallen, es scheint eine Zeit des ewigen Burgfriedens angebrochen: „Aber leider gibt es fast immer ein Aber...“ Eine sich morgens dem Osten und abends dem Westen zuneigende Grenzblume gibt der Geschichte, ganz ohne politischen Fingerzeig, ihren schönen poetischen Hintersinn. Und Binettes Geister streiten und kriegen uns ein, wie immer. Peter von Becker

Binette Schroeder: Ritter Rüstig & Ritter Rostig. NordSüd Verlag, Zürich 2009. 30 Seiten, farb. Abb., 13, 80 €. Die Ausstellung „Binettes Geister“ im Literaturhaus Berlin, Mo-Sa 10-17 Uhr (bis 17. 1. 2010).

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