''Das Okkulte'' : Der Teufel ist ein Bleisetzer

Schwarze Künste: Sabine Doering-Manteuffel erzählt die Geschichte des Okkultismus als Mediengeschichte und macht selbst vor Wikipedia nicht halt.

Andy Hahnemann
Das Okkulte
Buchcover "Das Okkulte" (Ausschnitt). -Foto: Promo

Kurz nach der Weltwirtschaftskrise, 1932, berichtete der Autor und Journalist August Hermann Zeiz in einer Reportage über "Die Okkultisten" folgende denkwürdige Begebenheit: "Vor einiger Zeit war ich bei einem Mann eingeladen, der sich ernsthaft mit Okkultismus und mit allem, was damit zusammenhängt, beschäftigt. Nach einem guten Abendbrot lud uns der Hausherr ein, mit ihm gemeinsam zu versuchen, die Geisterwelt zu beschwören. Wir setzten uns – sieben Personen männlichen und weiblichen Geschlechts – um einen kleinen Tisch. Das Licht wurde, bis auf eine kleine Lampe, ausgelöscht. Alle legten die Fingerspitzen, auf dem Tisch gespreizt, aneinander und wurden ganz still und andächtig. […] Plötzlich – eine Gänsehaut lief uns allen über den Rücken – begann das Tischchen sich auf der einen Seite zu heben und zu senken. Es gab Klopfzeichen! Der Hausherr buchstabierte langsam und besorgt und bald erfuhren wir, daß ein Geist da war, der sich Philine nannte und behauptete, er sei identisch mit jener jungen Dame, die in Goethes "Wilhelm Meister" eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt."

Zeiz ist natürlich ganz zu recht irritiert: "War es wirklich Philinens Geist, dann musste es ein Übergeist sein. Denn war schon jene Philine, aus des Dichters Genius geboren, kein Wesen von Fleisch und Blut, so mußte ihr Geist ergo von doppelt unwirklicher Existenz sein." Der nächste Geist – es bleibt an diesem Abend nicht bei einem – ist sogar Luzifer selbst, der nicht mit guten Hinweisen spart. "Der Herr der Unterwelt in eigener Person geruhte mich einer Ansprache zu würdigen und befahl mir nach Danzig zu reisen, woselbst ich ein Indianermädchen freien sollte. Leider hatte ich keine Gelegenheit diesen Befehl, so reizvoll er war, auszuführen, da zu der Zeit keine Indianer in Danzig lebten!"

Lust an der Pointe

Die Anekdote, erzählt ist sie in kritischer Absicht und mit merklich ironischer Brechung, lässt schon viel von dem erahnen, was "Das Okkulte" als Phänomen der Neuzeit ist: Ganz sicher ein Spiel mit den Wünschen der Menschen, eine Angelegenheit des Glaubens und der Faszination, ein Effekt gesellschaftlicher Krisenerscheinungen ebenso wie der Suche nach Divertissement und nach Ratschlägen in allen Lebenslagen. Vor allem aber ist das Okkulte, bei aller beschworenen Unmittelbarkeit, als ein Aspekt der medialen Vermittlung und des Erzählens selbst zu beschreiben. Ohne die Lust an der Pointe, der Sensation oder zumindest der unterhaltenden Geschichte hätte das Okkulte kaum einen solchen Reiz ausgeübt, wie es nun seit mehrere hundert Jahren der Fall ist.

Es ist deshalb nur allzu konsequent, dass Sabine Doering-Manteuffel ihre Geschichte des Okkultismus als Mediengeschichte erzählt und eng an die seit der frühen Neuzeit intensivierte Schriftkultur bindet. Ihr Punkt ist dabei ebenso klar wie überzeugend: Erst die Speicherung, Übertragung und Rekombination von althergebrachten Wissensbeständen sichert die Abrufbarkeit der absonderlichsten Einbildungen. Das Okkulte setzt sich aus Überresten eines wilden Denkens zusammen, das die später Geborenen wieder einholt, weil es eben immer wieder auf- und abgeschrieben wird; man hat es sich als Produkt einer entkontextualisierenden Lektüre vorzustellen, die auf die Zerstäubung und Neukombination der kulturellen Bestände hinausläuft. Keine Aufklärung – so die pessimistische Pointe des Buches – vermag es, die Schatten des Irrationalen ganz zu bannen, denn jede Erwähnung, jede schriftliche Fixierung des Okkulten trägt zu seiner Persistenz bei.

Der "Monddoktor" als Dienstleister

In acht Kapiteln widmet sich Doering-Manteuffel der Geschichte des Wunderbaren und der Sparren und es ist eine Freude ihr darin zu folgen. Für ihre Hauptthese finden sich überwältigend viele Belege, aber auch zahlreiche andere Ergebnisse verdienen die Aufmerksamkeit des Lesers. Die Einblicke in die Mentalität und Medialität des Okkulten in der frühen Neuzeit, sie mögen den Zusammenhang zwischen der Popularisierung (und Fragmentierung) alchimistischer Weltbilder und dem Ausbruch der Pest betreffen oder die Spiegelung sozialer Ängste und Verwerfungen in den Gespenstergeschichten der Zeitgenossen, sind durchweg fein beobachtet und wunderbar erzählt. Überzeugend wird etwa anhand des Falles eines sogenannten "Monddoktors" demonstriert, dass man sich esoterische Riten und Weltbilder nicht zuletzt als Intensivierung kapitalistischer Verwertungszusammenhänge vorzustellen hat. Die Therapie ist tatsächlich bestechend einfach: "Der Monddoktor behandelte im Obergeschoss des Hauses zum Südfenster, seine Ehefrau zum Nordfenster hinaus. Sie streckten das kranke Körperteil ihres jeweiligen Patienten Richtung Mond aus dem Fenster und murmelten dazu eine Formel." Die allernatürlichsten Ressourcen wurden so spirituell überkodiert und zu Geld gemacht. Die Waren der magischen Dienstleister bestanden im 18. Jahrhundert – und bestehen ja zum Teil bis heute – im Wesentlichen aus heißer Luft und großen Versprechungen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist eine deutliche Verwissenschaftlichung des Okkultismus zu beobachten. Zunehmend ist, ganz wie in der Physik der Zeit, von "Kräften" und "Energien" die Rede und der photo- der phonographische Beweis von Geistererscheinungen scheint ein vielversprechendes Betätigungsfeld gewesen zu sein. Der Beginn des 20. Jahrhunderts markierte auch den Aufstieg veritabler Partisanenwissenschaften, die sich zwar einer wissenschaftlichen Rhetorik befleißigten, im akademischen Betrieb aber nie Fuß fassten und sich wohl auch in der Opposition zum Establishment gefielen. Man wird hier von Doering-Manteuffel sachkundig an Sumpfblüten wie Hörbigers Glacial-Kosmogonie oder die Präastronautik Dänikens herangeführt.

Dilettanten des Wunders

Von hier aus ist es nur ein Sprung zu jenen in den siebziger und achtziger Jahren weit verbreiteten Kornkreisen, die besonders in den englischen Tabloids gediehen und die verschiedensten Laienforschergruppen auf den Plan riefen. Man kann auch darin einen Impuls sehen, dem eine gewisse unheimliche Verwandtschaft mit den Ideen der Aufklärung nicht abzusprechen ist: War es doch nicht zuletzt die Hoffnung dieser Dilettanten des Wunders, mit der simpelsten Ausrüstung ausgestattet, noch einmal die große, die bedeutende Entdeckung zu machen.

Es ist sicher richtig, darauf hinzuweisen, dass sich das Okkulte im 20. Jahrhundert zunehmend den Vorstellungswelten der Science-Fiction öffnete, bzw. in ihnen ein neues Medium fand, allerdings ist die Beschreibung dieses popkulturellen Zusammenhangs wenig überzeugend ausgefallen. Wenn Doering-Manteuffel behauptet, dass die Star-Wars-Filme "die Präsenz von Wesen in fernen Galaxien zum Thema hatte" oder von "Phantasy[!]-Rollenspielen" spricht, so mag das nicht nur für Fans so klingen, als würde die Großmutter aus der Fernsehzeitschrift vorlesen. Sicher, das sind Kleinigkeiten, aber sie lassen ahnen, dass hier Wissen aus dritter, bestenfalls zweiter Hand präsentiert wird und dieser Eindruck sollte doch – gerade bei einem solchen Thema – besser vermieden werden.

Wikipedia als okkultes Medium

Die kulturkritische Note, die in der betonten Distanz zur Massenkultur bereits anklingt, bricht im letzten Kapitel vollends durch und führt zu einer aversiven Lesart der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die, pars pro toto fürs gesamte Internet, als okkultes – weil undurchsichtiges – Medium schlechthin gedeutet wird. Sicher: Die fehlenden Referenzen, die Anonymität der Urheber des Wissens, die partielle Dekomposition von Sinnzusammenhängen und die obskursten Thesen lassen sich dort finden, aber eben auch die Möglichkeit zur zielgerichteten Recherche, der vernünftigen Diskussion und der Vermittlung von Wissen, das anderswo schwierig zu bekommen ist.

Das Internet als ein prinzipiell gegen-aufklärerisches Medium auszudeuten, heißt nichts anderes, als die Medienkompetenz seiner Benutzer sträflich zu unterschätzen, und suggeriert die Notwendigkeit eines Medienmodells, in dem durch Autorschaft und Abstammung, durch Verknappung und Verbot die Wahrheit geschützt wird. Was aber ist Aufklärung? Aufklärung ist doch nichts anderes als die Fähigkeit, sich noch im größten Mist zurechtzufinden und einen Funken der Erkenntnis daraus zu schlagen. Man wird in dieser Hinsicht viel von Sabine Doering-Manteuffel lernen können.

Sabine Doering-Manteuffel: Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web, Siedler: München 2008, 352 S., 24,95 Euro.

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