David Foster Wallace : Freakshow Amerika

Kommt her zu mir, die ihr verwahrlost seid: David Foster Wallace und sein monumentaler Roman "Unendlicher Spaß".

Gregor Dotzauer

Als David Foster Wallace den Amerikanern 1996 die über tausend Seiten von „Infinite Jest“ vor die Füße warf, da war er ein junger Mann von 34 Jahren, und seine finstere Intelligenz strahlte bis in den letzten Winkel dieses literarischen Ungetüms. Mit parodistischem Gift beschwor er die Geister eines in Zivilisationsschutt und Seelenasche liegenden Amerika der nahen Zukunft. Zugleich ließ er keinen Zweifel daran, dass es darum ging, unter den Trümmern der Gegenwart noch lebendig hervorzukriechen. „Infinite Jest“ war, wenn kein optimistischer, so doch ein leidenschaftlich positiver, vitaler Roman – gerade in seiner Destruktivität.

In welcher Verfassung der „Unendliche Spaß“, der in Ulrich Blumenbachs Übersetzung auf fast 1600 Seiten angewachsen ist, heute seine deutschen Leser erreicht, die bereits mit einem Bein in der von Foster Wallace beschriebenen Zukunft stehen, ist noch nicht ausgemacht. Wie der „Spaß“ für den ausging, der ihn angezettelt hat, steht allerdings unwiderruflich fest. Am 12. September 2008, mit 46 Jahren, erhängte sich David Foster Wallace im kalifornischen Claremont. Von Jugend an hatte er im Schatten einer Depression gelebt, die sich mal mehr, mal weniger beherrschen ließ, am Ende aber jeder Therapie widersetzte. Der Selbstmord war für ihn wohl eine Befreiung.

Die Versuchung, ihn als Märtyrer heilig zu sprechen, ist nicht einfach abzuwehren. Foster Wallace, der sich schon zu Lebzeiten mit Erzählungsbänden einen Ruf als Spezialist für deformierte Existenzen erwarb, hat eine solch verklärende Aufmerksamkeit aber gar nicht verdient. Sein sprachschöpferisches Werk, das nicht zuletzt von virtuoser Sprachverhunzung lebt, kann sich auch ohne sie behaupten. Trotzdem verändert der Tod von Foster Wallace den Blick auf sein Opus Magnum noch einmal.

„Unendlicher Spaß“ handelt von nichts anderem als Selbsterschaffung und Selbstzerstörung – und fantasiert sich nicht nur in den geplanten Cracksuizid der Radiomoderatorin Madame Psychosis hinein: „Zu den bösartigen Mythen zählt die Ansicht, die Menschen würden stets euphorisch, großzügig und extrovertiert, unmittelbar bevor sie sich auf Dauer die Karte umdekorieren. In Wahrheit sind die Stunden vor einem Suizid im Großen und Ganzen eine Zeitspanne enormer Selbstbezogenheit. Nie so im Einklang mit sich wie bei der Selbstannullierung wird sie sich in Molly Notkins Schlaf- oder Badezimmer einschließen und dermaßen eine vom Blech rauchen, dass sie hinfällt, das Atmen einstellt, blau anläuft, sich krampfhaft ans Herz fasst und stirbt.“

Das Ganze geht dann gerade noch einmal gut – oder eben schief. Die Perspektive macht keinen Unterschied. Ja es gehört zum Charakter dieses Erzählens, dass es einem zwischen banger Anteilnahme und kopfschüttelndem Spott keine Wahl lässt. Man zieht jedenfalls keinerlei Kurzschlüsse, wenn man die Tatsache, dass „Unendlicher Spaß“ zu wesentlichen Teilen von Tennis und Drogentherapie handelt, damit verknüpft, dass Foster Wallace selbst ein begabter Tennisspieler, hartnäckiger Kiffer sowie schließlich erfolgreicher Selbstmörder war.

Denn das eine ist der Stoff, das andere seine literarische Verwandlung. Und Foster Wallace treibt alles auf eine absurde Spitze, die den existenziellen Ernst durch hemmungslose Verzerrung noch einmal fühlbar machen will, statt an einem Pathos zu scheitern, von dem niemand mehr etwas wissen will. Vom Kitsch weichgespült, ist es nicht weniger verbraucht als einer von Werbung und Fernsehen zur zweiten Natur erhobenen Ironie, die den Blick auf die unbarmherzige erste Natur gar nicht mehr zulässt.

In seinen grausamsten Momenten feiert David Foster Wallace Splatterorgien ohne Lacherlaubnis. Die Details haben, wenn er beispielsweise eine verhutzelte Totgeburt beschreibt, ultrarealistisches Format, das ins Surreale umschlägt. Er erzählt, wie der vom Kokain zerfressene Randy Lenz seine Allmachtsfantasien auslebt, indem er Hunden die Kehle aufschlitzt und Katzen lebend in reißfeste Mülltüten packt, um sie dann wild zappelnd an Verkehrsschildern oder Telegrafenmasten zu erschlagen. Er zeigt aber auch, dass Menschen wie Lenz nur etwas ausleben, das ihnen selbst widerfahren ist. Matty Pemulis etwa ist jahrelang von seinem Vater missbraucht worden – was Foster Wallace zwischen verschwiemelter Zärtlichkeit und Vergewaltigungslust auf einer unheimlichen Kippe imaginiert, die nichts will, als dem Vorgang selbst gerecht zu werden.

Foster Wallace versucht sich bei alledem weniger an der Kunst der Einfühlung als an der Inszenierung von Situationen. Man braucht sich nicht einzubilden, dass man seinen Figuren nahekommt, auch wenn man mit manchen mehrere hundert Seiten verbringt. Er macht mit jeder Zeile klar, dass Literatur ein bewusstes Spiel ist, das allerdings einen Einsatz außerhalb seiner selbst erfordert.

Das alles macht die Sache, die der Autor verfolgt, nicht zugänglicher. Lesbarkeit wäre ohnehin das Letzte, was man von diesem wider jede Ökonomie geschriebenen Roman erwarten dürfte. Er entwirft in seinen Kaskaden und Strudeln vielmehr ein überdrehtes Gegensystem zu der selbstzerstörerischen Megamaschine, die er hier, am kapitalistischen Werk sieht. Sie will Erfolg und Leistung züchten – und stellt nichts als Betäubung und Debilität her. Die Menschen leben im „Jahr des Whoppers“, „der Inkontinenz-Unterwäsche“ oder „des Tucks-Hämorrhoidensalbentuchs“. „Unendlicher Spaß“ zeigt Amerika als gigantische Freakshow – und seine Bewohner als ein Volk von Freigängern, die allesamt eingeliefert werden müssten.

Aber der Reihe nach, soweit dies bei einem Roman möglich ist, dessen Ende am Anfang steht. Es beginnt mit einem Verhör des 18-jährigen Hal Incandenza durch die Leitung der Enfield Tennis Academy. Hal, der zu den großen Hoffnungen dieser von seiner eigenen Familie betriebenen Institution mit Internat zählt, soll sich für seine nachlassenden Leistungen verantworten. Von da aus widmet sich das Buch retrospektiv den neurotischen Fährnissen des gesamten Incandenza-Clans – dies aber keineswegs brav linear. Ein zweiter Erzählstrang widmet sich Don Gately, der nach einer kriminellen Drogenkarriere der gute Geist von Ennet House ist, einer Therapieeinrichtung für Säufer und Süchtige. So wie das Internat der Academy ein Hort schräger Pubertisten ist, beherbergt Ennet House eine Gemeinschaft von Gestörten. Auch in ihrem heimlichen Drogenkonsum sind die Bewohner einander verwandt.

Tennis wird dabei als eine Art Zen behandelt: als ein Sport, dessen Regelwerk sich auflöst, je tiefer man in seine Beschreibung eindringt. „Die unendlichen Wurzeln der Schönheit des Tennis sind autokompetitiver Natur. Man bekämpft die eigenen Grenzen, um das Ich in Vorstellung und Ausführung zu transzendieren. Im Spiel verschwinden: Grenzen durchbrechen: transzendieren: weiterkommen: siegen.“

Ein dritter Strang beschäftigt sich mit einer Gruppe von Québecer Separatisten, die sich gegen die Organisation nordamerikanischer Nationen, kurz: O.N.A.N., auflehnen. Bei ihrem Kampf gegen die Kanada und Mexiko einschließende Großmacht suchen sie nach der ultimativen Waffe: einem von Hals Vater James Orin Incandenza gedrehten Film namens „Infinite Jest“ – jenem „Unendlichen Spaß“, der dem Roman seinen Titel gegeben hat. Der Film, dessen Regisseur sich mit 54 Jahren umbrachte, indem er seinen Kopf in eine Mikrowelle steckte, soll so unterhaltsam sein, dass seine Zuschauer sich gar nicht mehr losreißen können, apathisch werden – und sterben.

Bis man dem aber auf die Spur gekommen ist, folgt man in der Wüste von Tucson, Arizona, grotesken Unterhaltungen zwischen dem einen prothetischen Busen tragenden Hugh Steeply, einem „feminisierten Amerikaner“ mit Zweitnamen Helen, und Remy Marathe, einem Mehrfachagenten, dessen Beinamputation ihn für das terroristische Sondereinsatzkommando der A.F.R. qualifiziert: der „Assassins en fauteuils roulants“, der Attentäter in fahrenden Rollstühlen.

Diese Skizze vermittelt aber höchstens den Hauch einer Ahnung vom Reichtum der Unter- und Nebenplots, von der Vielfalt der medizinischen, mathematischen, popkulturellen und filmästhetischen Diskussionen – oder den Wechselbädern von brutaler Farce und poetischer Raffinesse, Slapstick und Sprachberserkertum, komischer Beobachtungsgabe und psychotischen Bewusstseinsströmen. Foster Wallaces Fantasie galoppiert wild davon, und was er im Haupttext nicht untergebracht hat, das findet sich in den 200-seitigen Anmerkungen – wenn mit diesem Markenzeichen seines Erzählens eine Hierarchie verbunden wäre.

Literaturhistorisch betrachtet, überbietet Foster Wallace nicht nur François Rabelais, der Anfang des 16. Jahrhunderts mit seinem Zyklus über die Riesen Gargantua und Pantagruel Wortmassen aufhäufte, die bis heute als Modell eines intelligent aus dem Ruder laufenden Erzählens gelten. Womöglich war ihm aber auch danach, einige seiner Zeitgenossen auf die Plätze zu verweisen. Denn natürlich steht „Infinite Jest“ in der amerikanischen Literatur der letzten fünfzig Jahre nicht einzigartig da. Mit der „Fälschung der Welt“ schrieb William Gaddis 1955 ein vergleichbares Monstrum, und Thomas Pynchon schuf 1973 mit den „Enden der Parabel“ ein Epos, das ähnlich heterogene Welten durchpflügt – Drogennebel und sexuelle Perversion eingeschlossen.

Foster Wallace steht am Ende einer Postmoderne, der er den selbstreflexiven Kunstwillen um der Wirklichkeit willen austreiben wollte, wie er ihn in Schriftstellern wie John Barth oder Robert Coover verkörpert sah. Mit „Unendlicher Spaß“ ist ihm dies zweifellos gelungen. Allerdings um den Preis, dass diese Wirklichkeit, wo sie nicht das rohe Menschsein betrifft, von Verweisen und Anspielungen auf Filme und Fernsehserien durchzogen ist, die schon in 20 Jahren einen eigenen Anmerkungsapparat erfordern dürften. Auch als Science-Fiction-Roman ist er in seiner Netz- und Vernetzungsmetaphorik schon halb aus der Zeit gefallen. Die grundsätzliche Zumutung an den Leser wird davon nicht berührt. Seitenlang Textblöcke ohne einen Absatz. Endlose Beschreibungen von Tennismatches. Eine spätstudentisch irrlichternde, intellektuelle Albernheit, die immer noch dem akademischen Verderben zu entkommen sucht. Eine Fixierung aufs Anale. Und alles in allem: eine monumentale Formlosigkeit.

Nicht nur sie lässt sich aus dem Stoff heraus rechtfertigen. Aber auf jede genialische Passage kommt eine, in der Foster Wallace seine Textmaschine klappernd anwirft. Er produziert Fülle durch Rhetorik, wiederholt, Absatz um Absatz aufeinander schichtend, Wörter und Satzteile, ergeht sich in blinder Aufzählungswut – und lässt zugleich die Grammatik der Wahrnehmung intakt. Allein wie er sich durch die Courts der Enfield Tennis Academy dekliniert, erweckt nur den Eindruck von etwas erzählerisch Ungebändigtem. Das Unmäßige zeigt sich vor allem im Übermaß. Da hilft es nichts, dass Hal Incandenza ein Verehrer des Oxford English Dictionary ist und sich an Verfremdwortisierungen und Verfachsprachlichungen berauscht wie an gutem Dope. Für den Leser bleibt manchmal nur Techno-Jargon und Silbenmüll.

Öde, satirisch mühsam erlöste Weiten stehen neben Glanzstücken, wie sie die Stories „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ bieten. „Unendlicher Spaß“ fügt sie alle aneinander, erprobt die Technik des um seine Fragen bereinigten Interviews, wie er es in den „Kurzen Interviews mit fiesen Männern“ perfektionierte, und legt Zeugnis davon ab, dass Foster Wallaces Talent eher im Kurzstreckenbereich lag. In überschaubarer Länge, mit je eigener Tonlage, entwirft er Texte wie die Ansprache von James Incandenzas Vater an seinen zehnjährigen, dem Tennis geweihten Sohn, der auch das Öffnen von Garagentüren im richtigen Sportsgeist erlernen soll – eine Eloge an den Geist der Dingwelt.

Besonders gut ist Foster Wallace, wenn er innere Zustände schildert. Das Sichverzehren nach der nächsten Dröhnung, den cold turkey des Entzugs – oder eine schizophrene Erfahrung, die er als Heimsuchung durch einen Geist erzählt. Hinreißend auch Foster Wallaces satirisches Talent, wenn er Sitzungen der Anonymen Alkoholiker besucht. Wenn er sich dann noch sprachlich austoben kann, ist er in seinem Element. Madame Psychosis zum Beispiel liest in ihrer Radioshow gerne aus den PR-Rundschreiben von L.A.R.V.E., der Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten: „Leute mit Sattelnasen. Leute mit atrophischen Gliedern. Und, genau, Chemiker und Reine Mathematiker im Hauptfach auch mit Halsatrophien. Leute mit Scleroedema adultorum. Leute mit Serodermatose, die nässen. Die Hydrozephalen. Die Schwindsüchtigen, Kachektiker und Anorektiker. Leute mit Morbus Brag mit ihren schweren roten Hauterosionen. Fälle von Naevus flammeus, Karbunkelbildung oder Steatokryptose oder allen dreien, was Gott verhüten möge. Marin-Amat-Syndrom, sagt Ihr? Her mit Euch. Psoriatiker. Ekzematös Gemiedene. Und Skrofuldermatöse. Ihr glockenförmigen Steatopykniker in euren spezialangefertigten Beinkleidern. Ihr mit Pityriaisis rosea. Hier steht: ,Kommt her zu mir, die ihr abstoßend und verwahrlost seid.’“

Um so etwas zu übersetzen, braucht man außer einem Wörterbuch mindestens einen Pschyrembel – dazu langen Atem und Standby-Experten. Ulrich Blumenbach hat das fünf Jahre lang gehabt – und ein Händchen, nein, die Pranke für das titanische Projekt ohnehin. Soweit man den „Unendlichen Spaß“, tief in der amerikanischen Kultur eingenistet, wie er ist, ins Deutsche bringen kann, hat er es bis in die schiefsten, mundartlich verbogenen Sätze geschafft.

Ein nicht ganz unbekannter deutscher Dichter hat sich einmal gewünscht, dass auf seinem Grabstein stehen möge, er habe mit seinem Werk Vorschläge gemacht. Bei David Foster Wallace wäre das falsche Zurückhaltung: „Unendlicher Spaß“ ist ein Vorschlaghammer.

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