David Foster Wallace : In Zukunft ohne mich

Sprachmächtig, belesen und genial: Zum Tod des US-Autors David Foster Wallace.

Gerrit Bartels

Es klingt wunderlich, doch so steht es in seinem jüngsten, in den USA veröffentlichten Buch, „McCains Promise“. Der Schriftsteller David Foster Wallace, der sich am Freitag in seinem Haus im kalifornischen Claremont 46-jährig das Leben genommen hat, bezeichnet darin den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, John McCain, als „coolen Typen“, als „Antikandidaten“, dessen polternde Ehrlichkeit ihm trotz seiner rechtslastigen Reden durchaus gefalle.

Sein McCain-Buch, und damit legt sich die Verwunderung, ist bereits vor acht Jahren entstanden. Damals beauftragte das „Rolling Stone“-Magazin David Foster Wallace mit einer US-Vorwahlkampf-Reportage: Eine Woche lang begleitete er John McCain, als dieser 2000 gegen George W. Bush ins republikanische Präsidentschaftskandidaten-Rennen ging. Aus der Reportage wurde ein langer Essay, der nur in einer sehr kurzen Version im „Rolling Stone“ erschien, und zwar erst, als McCain schon gegen Bush verloren hatte. Das vermeintlich aktuelle Polit-Buch hat also viel Patina, zumal Foster Wallace zuletzt sagte, der McCain von damals habe für ihn wenig gemein mit dem von heute.

Aber selbst in „McCains Promise“ lässt sich der sprachmächtige, belesene, hochgradig reflektierte und genialische Schriftsteller David Foster Wallace ausmachen, und auch der Schriftsteller, der als erklärter Nicht-Republikaner versucht, einen Menschen wie McCain zu verstehen. Eine Wahlkampfreise mit all ihren Inszenierungen, ihrem Medienzirkus war ein gefundes Fressen für Foster Wallace: Der größte Teil seiner in Bänden wie „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ oder „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ veröffentlichten Erzählungen und Essays sowie seiner Romane handelt von der Medialisierung und Popkulturalisierung unserer Gegenwart, von ihren Neurosen und Psychosen.

Seine Biografie schien ihn dafür zu prädestinieren: 1962 als Sohn eines Literaturprofessors und einer Englischlehrerin geboren, trat er als Kind in Werbesendungen auf. Als Teenager war er einer der begabtesten Tennisspieler der USA, als das mit der Tenniskarriere nichts wurde, begann er Philosophie zu studieren und zu schreiben, aus Langeweile. Sein Romandebüt, „Der Besen im System“, veröffentlichte er mit 24, darin treibt er die Gattung des postmodernen Romans auf die Spitze und verbeugt sich vor Thomas Pynchon. Auf die ewigen Vergleiche mit Pynchon angesprochen, antwortete er einmal, dieser sei für ihn während des Studiums wichtig gewesen und „Die Enden der Parabel“ sei ein großartiges Buch. „Aber insgesamt geht mir Pynchon ein bisschen auf den Keks; er behandelt einige seiner Themen ziemlich oberflächlich, also behagt mir dieser Vergleich nicht allzu sehr.“

Tatsächlich wollte Foster Wallace stets unter diese Oberfläche, hinter den Schein. Das tat er mit einer komplex-verschlungenen, manchmal verstörenden, manchmal bewusst stillosen Prosa, in Büchern wie dem bislang nicht ins Deutsche übersetzten tausendseitigen Großwerk „Infinite Jest“. Für ihn erzeugte nicht zuletzt die Ironie im Fernsehen und in der Literatur mitunter toxische Wirkung: „Sobald die Ironie nur zu einer bestimmten Spielart des sozialen Diskurses wird, ist sie nicht mehr in der Lage, Veränderungen anzustoßen.“

Seine Prosa ist nicht immer ein reines Vergnügen, manche seiner Erzählungen sind quälend, fast abstoßend, etwa die über eine depressive Frau, die im Verlauf der Geschichte vollständig hinter der medizinischen Terminologie verschwindet. Oder die über ein Mädchen, das regelmäßig in einer Fernseh-Quizshow alles gewinnt und mit dem Geld die Therapie für ihren autistischen Bruder bezahlt. Am Ende tritt dieser, kommunikationsfähig geworden, gegen sie an. „Man kann nicht auf der Welt sein, ohne in Schmerzen zu leben, seelischen und körperlichen Schmerzen“, hat Foster Wallace in einem seiner letzten Interviews bekannt. Mit diesen Schmerzen umzugehen und zu leben, konnte er vermutlich nicht mehr. Gerrit Bartels

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