DDR : Rechtsstaat sieht anders aus

Verfolgung, Bespitzelung, Verhaftung: Dietrich von Maltzahn hat aufgeschrieben, wie ein Leben in der DDR verlaufen konnte

Christine Brinck

Ich habe mich nach der Wende gezwungen, es beim Namen zu nennen. Ich wollte das sagen: Diktatur“, meinte Ulrich Mühe. Viele wollen es nicht sagen, „viele wollen nicht daran erinnert werden“, konstatiert Marianne Birthler. Manche wollen immer noch ihre schöne alte DDR besingen. Das Elend, die Gemeinheit, die Unfreiheit, die Folter und den gelegentlichen Mord, das alles wollen sie an den Rand drängen. Dietrich von Maltzahn, ein Arzt aus Lübeck, hat sich auch gezwungen, es beim Namen zu nennen. Auf einer Veranstaltung der Birthler-Behörde in Rostock, wo er vor einem Jahr als Zeitzeuge geladen war, drängten sich Zuhörer zwischen 15 und 80 Jahren. „Das Interesse an der Stasi-Problematik war riesig“, stellte er fest. Aufgewühlt fuhr er nach Hause und kramte seine alten Aufzeichnungen heraus.

In seinem Buch hat er nun aufgeschrieben, was er in der DDR erlebte, bis er 1977 freigekauft wurde. Maltzahn hatte früh Berührung mit der Rechtlosigkeit und der Brutalität des Regimes. 1953 wurden seine Mutter und ihre Geschwister, die zusammen eine Brauerei geerbt hatten, in U-Haft gesteckt. Die Enteignung sollte die sozialistische Wirtschaft ankurbeln. Ein Verfahren gab es nie. Der Onkel saß 18 Monate in U-Haft, mit der fadenscheinigen Begründung „Mein Kampf“ wäre in seinem Büro gefunden worden. Dabei hatte schon in den späteren 40er Jahren jeder, der nicht ganz naiv war, solche Bücher verbrannt.

Als Maltzahn 1959 das Abitur bestanden und einen Antrag für Medizin gestellt hatte, teilte ihm sein Direktor mit: „Dieser Antrag wird erst bearbeitet, wenn Sie die Sünden Ihrer Väter wieder gutgemacht haben.“ Er fand Fürsprecher und konnte ein Jahr später doch in Rostock das Studium aufnehmen. Als Student hatte er seine erste Begegnung mit der Stasi. Er war angezeigt worden, Flugblätter gedruckt zu haben. Ein schweres Verbrechen, nur hatte er mit der Sache absolut nichts zu tun. Es war eine Lüge. Angezeigt hatte ihn ein durchgefallener Medizinstudent, der später in der Psychiatrie als Schizophrener landete.

Über das Verhör durfte er selbstverständlich nicht sprechen. Er wurde Arzt mit Leib und Seele, heiratete, hatte zwei Töchter und arbeitete an der Ostsee. Er war nicht Parteimitglied, wie er auch nicht Mitglied der FDJ gewesen war, und wurde darum von vielen Besprechungen im Krankenhaus ausgeschlossen. Sehnsüchtig schauten seine Frau und er rüber gen Westen, aber die Ostsee wurde penibel ausgeleuchtet, um jeden Schwimmer in die Freiheit rechtzeitig zu entdecken. Oft bekam er verweste Leichen auf den Tisch, Menschen, die es nicht geschafft hatten, weil sie die Strömung unterschätzt hatten, die Entfernung oder die Kälte. Immer wieder schmiedeten er und seine Frau Fluchtpläne.

Irgendwann gelang einem engen Freund die Flucht. Wenig später standen Stasi-Leute in der Klinik, nahmen ihn mitten aus der Sprechstunde mit und verhörten ihn zwei Tage. Sie konnten ihm aber keine Mitwisserschaft nachweisen. Er wurde entlassen, durfte aber wieder kein Wort darüber sprechen und blieb fortan auf dem Stasi-Radar. Ihre Schatten waren überall.

1975 schließlich riskierte er die Flucht. Die Zeugnisse und Dokumente auf den Bauch geschnallt, machte sich die kleine Familie im Auto auf den Weg nach Leipzig. Dort sollten sie Schleuser treffen, die sein Bruder von Lübeck aus organisiert hatte. Doch die Stasi war auf ihren Fersen und nahm sie fest. Das war an seinem 35. Geburtstag. Die Kinder kamen (zunächst) ins Kinderheim, die Eheleute wurden getrennt. Er saß sechs Monate in U-Haft mit täglichen Verhören.

Die Gerichtsverhandlung war eine Farce. Das Urteil stand längst fest. Er bekam drei Jahre und sechs Monate, seine Frau zwei Jahre. Nun begann das tatsächliche Elend der Gefangenschaft in der DDR, dem Staat, der stets heraustrompetete, dass er die Menschenrechtskonvention unterzeichnet hatte. Gefangenschaft ist nirgendwo ein Erholungsurlaub, aber die Zustände, der Dreck, die mangelnde Hygiene, die Rohheit der Kriminellen, die Maltzahn beschreibt, sind schon bei der Lektüre schwer erträglich und verlangten von dem, der es unbeschadet überleben wollte, einen starken Charakter. Maltzahn kam nach Cottbus. Er arbeitete unter frühkapitalistischen Bedingungen, Arbeitsunfälle wurden billigend in Kauf genommen. Das Essen war mies und was man dazukaufen konnte, verschimmelt und alt.

Schließlich wurde er nach Bautzen verlegt, im Gefangenenjargon das „gelbe Elend“ genannt, wobei, wie Maltzahn schreibt, unklar war, ob sich das auf die Farbe des Klinker bezog oder auf die Häufung von Hepatitisfällen. Hier wurde er zum Gefangenenarzt für 5000 Gefangene. Seine Arbeit begann nachts um zwei und endete oft erst abends um zehn. Schwierigste Aufgabe: die Arbeitstauglichkeit zu beurteilen, schließlich meldeten sich Hunderte täglich krank.

Der Trick des Gefängnissystems war stets, echte Verbrecher mit Politischen wie Maltzahn zusammenzulegen. Auch so sollten wieder Spitzeldienste belohnt werden. Die Verbrecher konnten bestenfalls Vergünstigungen gewinnen, bessere Jobs, besseres Essen. Bautzen, Brandenburg, Bützow waren Orte der kompletten Rechtlosigkeit, der Willkür und der dauernden Erniedrigung. Wobei der Teil von Bautzen, in dem Maltzahn einsaß und als Arzt arbeiten musste, streng getrennt war von dem Bautzen, das nur politischen Gefangenen vorbehalten war.

Nach der Lektüre dieses Berichts kann keiner so tun, als wäre die DDR alles in allem ein Rechtsstaat gewesen, ohne Folter und Unmenschlichkeit. Die Unterschiede zwischen Gestapo und Stasi scheinen bestenfalls minimal. Die Gemeinheiten und die Willkür identisch. Dieses Buch sollte in jeder Schulklasse im Osten wie im Westen gelesen werden, auch weil sein Autor kein Schriftsteller ist, sondern ein Arzt, dessen Sehnsucht nach Freiheit stärker war als die Segnungen seiner Funktion als Ärztlicher Leiter.

Als ihm ein Stasi-Leutnant die Rückkehr in seinen Job schmackhaft machen will, antwortete Maltzahn ihm: „Meine Erlebnisse in diesem Land, die rücksichtslosen Attacken des Geheimdienstes gegen meine Familie, unsere Freunde und mich mit Bedrohungen, Verfolgung und Bespitzelung und schließlich unsere Verhaftung lassen keinen Raum für die Vorstellung, in diesem Staat je wieder ein glückliches Leben mit der Hoffnung auf eine unbeschwerte Zukunft führen zu können.“ Maltzahn und seine Familie wurden 1977 freigekauft. Sein zweites Leben konnte beginnen.

– Dietrich

von Maltzahn:

Mein erstes Leben oder: Sehnsucht nach

Freiheit. Belleville

Verlag, München 2009. 230 Seiten,

18 Euro.

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