DDR-Verlage : Ausgelesen

Die verwaisten Bücher: Christoph Links über das Schicksal der DDR-Verlage.

Martin Zähringer
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Vor einigen Jahren wurde der Berliner Verleger Christoph Links auf die zunehmende Zahl verwaister Büchern in den deutschen Bibliotheken aufmerksam: Titel aus der Produktion von DDR-Verlagen, für die man keine Rechteinhaber ausfindig machen konnte. Bei der Digitalisierung und Aufnahme der Werke in die elektronischen Speicher und Kataloge der Bibliotheken stellte sich heraus, dass sehr viele der Verlage gar nicht mehr existierten.

Laut Einigungsvertrag Artikel 35 sollte die kulturelle Substanz Ostdeutschlands erhalten bleiben. Zu dieser Substanz zählten viele der großen Publikums- und Wissenschaftsverlage der DDR, die teilweise wie kleine Literaturinstitute funktionierten und eine enorme Titelproduktion aufwiesen. Christoph Links, bis 1989 Assistent der Geschäftsleitung des Aufbau Verlags, hat herausgefunden, wo die Verlage geblieben sind. Von den 78 staatlich lizenzierten Verlagen der DDR ist heute nur noch ein knappes Dutzend übrig, der Rest wurde abgewickelt. Man könnte annehmen, dass sie den Glücksrittern der Wendezeit zum Opfer fielen. Das trifft für manche tatsächlich zu, etwa für den Greifen Verlag, der 1919 als Teil der Wandervogelbewegung gegründet worden war . Er wurde gleich zweimal von verlagsfremden Investoren in den Konkurs getrieben und musste 1993 schließen.

Aber das Schicksal der DDR-Verlage bestimmten keineswegs nur Branchenfremde. Im Gegenteil, sagt Links, es waren die Verkäufe an die westdeutschen Verlagsprofis, die „am ehesten zur Schließung der erworbenen Verlage geführt haben“. Was klingt wie eine ostalgische Perspektive auf den Gang der Dinge, ist jedoch das Ergebnis einer dreijährigen akademischen Recherche – das Buch ist nämlich Links’ späte Promotion. Seine Schlussfolgerung: „Das legt die Vermutung nahe, dass dieser Privatisierungsprozess auch ein Stück benutzt worden ist, um Marktbereinigung zu betreiben, um Konkurrenten zu übernehmen, deren interessante Autoren und Rechte ins neue Mutterhaus hinüberzuziehen und dann die konkurrierende Ostdependance zu schließen.“

Die Ergebnisse der penibel recherchierten Wege der DDR-Verlage in das Zeitalter ihrer Privatisierung sind erstaunlich, denn viele der Verlagsarchive sind verschwunden und damit auch unersetzliche Autorenkorrespondenzen oder Erstausgaben. Vor allem aber das Zahlenmaterial aus der DDR-Zeit, das Links sich in mühsamer Recherche in den Hauptarchiven der Länder und des Bundes und vor allem in Privatarchiven der ehemaligen Verleger und Mitarbeiter zusammensuchen musste. Was die gesuchten Rechteinhaber betrifft, so bleibt die Verwaisung wohl in großen Teilen Schicksal des ehemaligen Leselandes DDR.

Seine Autoren hat es auch verwaist hinterlassen, wie Links schreibt: „Die prominenten ostdeutschen Autoren haben sehr schnell eine neue verlegerische Heimat gefunden. Wenn ihre alten Verlage kaputtgegangen oder extrem reduziert worden sind, sind sie in anderen Häusern untergekommen. Schwieriger war es für die weniger großen Namen, die weniger prominenten, die aber in kleinen und mittleren Auflagen auch ihr Publikum hatten. Die sind zum Teil dazu übergegangen, ihre Bücher selbst im Digitaldruck herstellen zu lassen und bei Lesungen zu verkaufen.“

Christoph Links hat mit seinem Verlag eine neue Heimat für Bücher zur Zeitgeschichte und Politik des 20. Jahrhunderts gegründet. Bei diesem Links-Buch aus dem Links-Verlag sind besonders die genaue Darstellung der Übernahmen, die Vergabepraktiken der Treuhandanstalt und die kaum vorhandene Kontrolle der Einhaltung der Verträge lehrreich. Außerdem hat man hier eine locker lesbare kleine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des deutschen Literaturbetriebes in der Hand.


Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. Links Verlag, Berlin 2009. 352 Seiten,
25,90 Euro.

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