Literatur : DDR zum Anfassen

Hermann Vinkes Dokumentation für Jugendliche

Ulrich Karger

Geht das überhaupt? Die Geschichte der DDR und ihres politischen Systems in nur einem Buch zu dokumentieren und das auch noch für Jugendliche lesbar zu gestalten? Es geht, wenn auch nur bedingt. Hermann Vinke war für diese mit vielen Abbildungen und Einzelbiografien ausgestattete Dokumentation gewiss ein Glücksgriff. Seine Außensicht auf die DDR ist nicht zuletzt durch seine Zeit als Korrespondent und Leiter des Berliner „ARD-Studios DDR“ bzw. „Ostdeutschland“ zu Anfang der Wendejahre geschult und fand u.a. die historische Grundlage in seinen preisgekrönten Auseinandersetzungen für Jugendliche über den Widerstand in der NS-Vergangenheit. Jahrgang 1940, hat er den Krieg und seine einschneidenden Folgen an sich selbst durch den Verlust seines Bruders und den kriegsversehrten Vater erlebt.

In seinem Vorwort betont er, dass er „die DDR nicht aus der Perspektive ihres Scheiterns darstellen“ wollte, sondern sie vielmehr „aus sich heraus zu verstehen“ suchte. Deshalb fügte er auch den historischen Fakten Porträts von handelnden Personen an, deren Lebensgeschichten dazu beitragen, die Zeitumstände zu verdeutlichen. Seine Schwerpunkte setzte er dabei auf die Konflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, die Rolle der Frau, die Staatssicherheit sowie oppositionelle und widerständige Kräfte, die nicht zuletzt als Bürgerrechtsbewegung am Ende maßgeblich zum Sturz des SED-Regimes beitrugen.

Letzteres gibt als sein offensichtliches Lebensthema den Grundton vor und bildet den Fokus, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart zu messen haben. Das meint nun keineswegs, dass Vinke wo auch immer sich apolitisch verhaltende Bürger verurteilt, aber wenn sich zum Beispiel im berüchtigten Moskauer „Hotel Lux“ Mitglieder der „Kleinen Kommission der KPD“ wie Ulbricht, Pieck und Wehner als Stalin hörige Denunzianten hervortun und „Genossen“ ans „Messer (liefern), um die eigene Haut zu retten“, dann nennt er das ein „schäbiges Verhalten“. Diese Art von Kommentierung findet sich zuweilen auch im umgekehrten Sinne durch Auslassung. So führt er Bertolt Brecht summarisch unter jenen auf, deren scheinbar einziger Beweggrund für ihren Umzug in die DDR die Überzeugung war, als „Kulturschaffende“ die bürgerliche Revolution von 1848 vollenden zu können. Lakonisch beißend der Ton für das Verhalten des „Westens“, wenn er sich wie Konrad Adenauer oder John F. Kennedy von der Not im „Osten“ abwendet, um die eigenen politischen Ziele zu verfolgen.

So ist diese Dokumentation gewiss nicht neutral. Aber das ist für eine historische Rückschau sowieso eine uneinlösbare Fiktion. Vinke macht sich in seinem Vorwort kenntlich und entfaltet dann in 14 Kapiteln auf jeweils nur zwei Seiten pro Stichwort eine insgesamt sehr lebendige, bilderreiche Gesamtschau, die jugendlichen Lesern Zusammenhänge und Entwicklungen von der Vor- bis zur Nachgeschichte der DDR vor Augen führen hilft. Ulrich Karger

Hermann Vinke: Die DDR. Eine Dokumentation mit zahlreichen Biografien und Abbildungen. Vorwort: Wolfgang Thierse.

Ravensburger Verlag, Ravensburg 2008.

256 Seiten. 19,95 Euro. Ab 13 Jahren.

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