Debutroman : "Ich mach jetzt einen Salto"

Senkrechtstart im Literaturbetrieb: Thomas Pletzinger und sein Erfolg mit "Bestattung eines Hundes".

Kirsten Riesselmann

Berlin An diesem Mittwoch muss Thomas Pletzinger zum Frühstücken raus. Sein Kühlschrank ist leer. Erst gestern ist er aus New York zurückgekommen – mit 14 anderen Autorinnen und Autoren, unter ihnen Clemens Meyer, Ulrike Almut Sandig und Jo Lendle, war er vom Projekt „Krautgarden“ auf transatlantische Lesereise geschickt worden. Jetzt ist er wieder in Leipzig, der Stadt, in der er seit vier Jahren wohnt und in der an diesem Abend die Buchmesse eröffnet wird. Bald wird er Leipzig in Richtung Berlin verlassen. Aber erst, nachdem er das Schaulaufen mit seinem Debütroman „Bestattung eines Hundes“ hinter sich gebracht hat.

„Ich freu mich so“, sagt Thomas Pletzinger, 1975 in Münster geboren, aufgewachsen in Hagen, in seinem trockenen, westfälischen Tonfall. Vor ihm liegt ein Marathon: Interviews, Gespräche und Netzwerkereien am Messestand seines Verlags, Autorentische in Restaurants, Partysmalltalk mit anderen Jungautoren und Zeitungsmenschen, dazu Lesungen, jeden Abend mindestens zwei. Deswegen jetzt erst mal ein anständiges Frühstück. Pletzinger zieht sich einen seiner vier dunkelblauen American-Apparel-Kapuzenpullis über, rückt die Schiebermütze auf dem frisch rasierten, durchaus großen Kopf zurecht und setzt sich den Rucksack auf. In den hat er, niemals würde er das in diesen Tagen vergessen, ein Exemplar von „Bestattung eines Hundes“ gesteckt.

Thomas Pletzingers Erstling wurde schon vor der Veröffentlichung als eines der spannendsten Debüts des Frühjahrs gehandelt. In seiner Wohnung stapelt sich das Buch zwischen zwei Basketbällen auf dem Boden. Sein Verlag Kiepenheuer & Witsch hat ihm 40 Exemplare geschickt, obwohl es laut Vertrag nur 20 hätten sein müssen. Auf dem Cover ist ein Foto, das Pletzinger selbst gemacht hat, obwohl er bei der Covergestaltung kein Mitspracherecht hat. Er hat das Bild am Luganer See aufgenommen, dort, wo auch ein Großteil der Romanhandlung spielt. Pletzinger über seinen Verlag: „Ich glaube, das Familiengefühl, das die vermitteln, ist echt.“ Das Buch ist gerade an die Buchhandlungen ausgeliefert worden; 5700 Exemplare von der 8000er-Erstauflage wurden vorbestellt. Keine schlechten Zahlen für ein Debüt.

Im Frühstückscafé liegt die „FAZ“ aus, samt Literaturbeilage. Auf Seite 3 steht die lobende Besprechung von „Bestattung eines Hundes“, ein großes Foto von Pletzinger thront über dem Artikel. Pletzinger sagt: „Ich mache jetzt mal einen Salto!“, sieht plötzlich aus wie eine Grinsekatze und bestellt sich dann „aus lauter Freude“ Eier mit Speck und Bohnen. Danach muss er dringend nachsehen, wo seine Lieblingsbuchhandlung das Buch platziert hat. Es liegt auf einem Tisch zwischen Enzensberger und Hornby. Am Nachmittag ist „Bestattung eines Hundes“ bei Amazon vergriffen und erst in drei bis fünf Tagen wieder lieferbar. Dann ruft die Pressefrau vom Verlag an, es gibt neue Interviewwünsche, außerdem Anfragen wegen Lesungen im Hamburger Literaturhaus und in der Akademie der Künste in Berlin.

Pletzinger ist in mindestens zwei Hinsichten ein spezieller Debütant. Erstens: Sein Buch war noch lange nicht fertig, als er auf die Suche nach einem Verlag ging. 2005 hatte er den Prosanova-Literaturpreis und Anfang 2006 den MDR-Literaturwettbewerb gewonnen. Er hatte in den Literaturmagazinen „EDIT“ und „Sprachgebunden“ Kurzprosa veröffentlicht, und die Verlagswelt wusste: Der studiert am Leipziger Literaturinstitut (DLL). Sicher spielte auch die von Pletzinger selbst gern erwähnte Freundschaft mit Sasa Stanisic eine Rolle für die gesteigerte Aufmerksamkeit des Literaturbetriebs. Die beiden Jungautoren waren zur WM 2006 auf FußballtexteLesetour gewesen, dann sorgte Stanisics erster Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ für Aufsehen und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und die Verlage fragten Pletzinger, ob er nicht auch ein Manuskript in der Schublade habe. Er hatte, 100 Seiten stark, ein Entwurf, aber wohl gut genug.

Zweitens: Pletzinger hat, bevor er 2004 am DLL ein Zweitstudium anfing, schon während seines Amerikanistik-Studiums in Hamburg in den Lizenz- und Lektoratsabteilungen bei Hoffmann & Campe gejobbt, 2001 war er als Literaturscout in den USA unterwegs. Deswegen hat er ohne Agentur einen Bieterwettstreit um sein erstes Buch veranstaltet. Fünf größere und ein kleinerer Verlag signalisierten Interesse an einer Veröffentlichung, nachdem er ihnen – „nie unaufgefordert, dann klappt es sowieso nicht“ – sein Manuskript zukommen ließ.

Pletzinger spielte mit offenen Karten und unterrichtete alle Verlage immer von der Höhe des jeweils letzten Angebots. „Es war wie auf dem Flohmarkt, zwei Monate lang“, erinnert er sich mit fasziniertem Grauen an seinen Vertragspoker. Seit anderthalb Jahren ist er jetzt KiWi-Autor und vom Verlag für zwei Romane verpflichtet worden.

Sein Lektor Olaf Petersenn zeigt sich beeindruckt von der Zusammenarbeit: „Viele junge Autoren sind ja eher Einzelgänger, die ihr erstes Manuskript über Jahre hinweg geschrieben und gehütet haben. Als Lektor muss man da sehr vorsichtig sein, damit man nicht etwas Zartes zerstört. Thomas Pletzinger dagegen war viel weiter. Er tummelte sich schon lange auf einer niedrigschwelligen Ebene im Betrieb. Wir haben uns häufig getroffen, diskutiert und intensiv gearbeitet. Selten hatte ich derart bearbeitete Fahnen. Wenn am DLL solch eine Professionalisierung stattfindet, ist das sehr okay.“ Und Pletzinger ergänzt: „Das Wichtigste am DLL ist, dass man über Texte sprechen kann. Das ist eine Nichteitelkeit, die man sich antrainiert.“

Trainiert hat er vor allem mit Sasa Stanisic. Auch seine Kommilitonen Katharina Adler und Benjamin Lauterbach waren an der Entstehung von „Bestattung eines Hundes“ beteiligt, haben – durchaus irritierend für den Lektor – mitgelesen, gegengelesen, kritisiert, Vorschläge gemacht. Pletzinger ist ein Feedback-Typ, ohne Angst, zu früh etwas von sich preiszugeben. Schreiben heißt für ihn: Das Arbeitszimmer zur „Kommandozentrale“ umzubauen, die Wände zuzuhängen mit Packpapierbögen voller Plotskizzen, Figurenkonstellationen, Szenenabläufen. Schreiben bedeutet: „Panik haben und leiden wie ein Schwein.“ Aber auch: etwas mit anderen zusammen tun.

Tom Kraushaar, der jetzt den KlettCotta-Verlag leitet und seinerzeit mit seinem kleinen Tropen Verlag erfolglos um „Bestattung eines Hundes“ mitbot, sagt über Pletzinger: „Er ist das Paradebeispiel für einen modernen Autorentypus, der für die Bedeutung von Schreibwerkstätten steht – Judith Hermann kam aus dem LCB, Jochen Schmidt und Julia Franck gingen aus dem Open-Mike-Wettbewerb hervor, Stanisic und Pletzinger kommen aus dem DLL-Umfeld. Ich schätze, von Pletzingers Erstling werden 6000 bis 7000 verkauft, sein zweites Buch wird dann der 100 000er-Durchbruch.“

„Bestattung eines Hundes“ ist eine Geschichte über einen Mittdreißiger wie Thomas Pletzinger, eine Geschichte, die an den Orten spielt, an denen er selbst gelebt hat: in Hamburg, in der Schweiz, in New York (im September 2001) und irgendwo in Brasilien. Eine Dreiecks-, Selbstfindungs- und Rätselgeschichte, die genauso drastisch und poppig ist wie strukturell schlau durchhirnt und sprachlich fein gearbeitet. Wenn Pletzinger erklären soll, worum es geht, klingt das so: „Um einen sehr sympathischen Hund mit drei Beinen, eine schöne finnische Ärztin, schnelle Motorboote, Schießereien, Basketballspiele, Sex, Ethnologie, Lebensentwürfe, Zwiebeln in Butter, abgebrochene Akademikerlaufbahnen, einen erfolgreichen Kinderbuchautor und: Hahnenkämpfe, Kinderwünsche, Metallkrawatten, Pingpong, Coney Island, Schneckenfarmer, Luftgitarrenweltmeister, Eifersucht, Linksintellektuelle, fauchende Schwäne, Robbie Naish & William Wordsworth, Füchse, Möwen, Pferdeleichen, Wein und die Liebe.“ Hat er das gesagt, muss er lachen.

Und fügt hinzu: „Das war jetzt eine Verkaufsveranstaltung. Aber das Buch wollte auf den Weg gebracht werden.“ Es hat seinen Willen bekommen.

Thomas Pletzinger: Bestattung eines Hundes. Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 345 S., 19,95 €. – Heute um 20 Uhr lesen Thomas Pletzinger und Stefanie Geiger im Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee, Am Sandwerder 5.

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