''Der blaue Cinquecento'' : Italiens bleierne Jahre

Mario Calabresis streitbares Buch über die Opfer des Terrorismus.

Andrea Dernbach

Der Mailänder Polizeikommissar Luigi Calabresi starb am 17. Mai 1972. Als er morgens um viertel nach neun den blauen Fiat 500 seiner Frau vor dem Haus aufschloss, trafen ihn zwei Kugeln in Rücken und Genick. Calabresi war lange bedroht worden. In den Blättern der außerparlamentarischen Linken und auf den Mauern italienischer Städte war er der „Mörderkommissar“, der die Schuld am Tod des Anarchisten Giuseppe Pinelli trage und dafür teuer bezahlen werde. Calabresi hatte Pinelli im Dezember 1969 drei Tage lang verhört. Am dritten Tag starb Pinelli – er stürzte aus dem Fenster des Verhörzimmers, Folge „aktiven Unwohlseins“, wie es in der offiziellen Darstellung der Polizei hieß.

Mario Calabresi, der älteste der drei Söhne des Kommissars, war ein Kleinkind, als sein Vater starb. In „Der blaue Cinquecento“ (aus dem Italienischen von Michaela Wunderle, SchirmerGraf, München 2008, 223 Seiten, 17,80 €) hat er jetzt die Geschichte der Zeit danach aufgeschrieben. Wer Italiens jüngere Vergangenheit ein wenig kennt, wird das Buch des Journalisten – er ist New-York-Korrespondent der linksliberalen „Repubblica“ – verwundert lesen.

Die großen Fragen des Falls Calabresi, der in gewisser Weise Italiens „bleierne Zeit“ einläutete, streift der Sohn bestenfalls. Der Kommissar hatte zur „Piazza Fontana“ ermittelt, einer Serie von Anschlägen, bei der am 12. Dezember 1969 in Mailand 16 Menschen starben. Die Behörden präsentierten rasch Pinelli und andere Linke als Schuldige, obwohl die Spuren unübersehbar nach rechts liefen. Ermittelte Calabresi nach Pinellis Tod womöglich in diese unerwünschte Richtung, könnten seine Mörder nicht doch andere sein als die, die seinen Tod forderten? Zwischen Pinellis Sturz, dem „Zufälligen Tod eines Anarchisten“ (Dario Fo), und den Schüssen auf Calabresi liegen immerhin zweieinhalb Jahre – und weitere Rätsel: Warum trieben Calabresis Vorgesetzte ihn entgegen dem Rat seiner Frau in einen Verleumdungsprozess gegen das linke Blatt „Lotta Continua“? Calabresi wollte seine Unschuld beweisen und falsche Behauptungen über seine Vergangenheit widerlegen, aber am Ende war er zermürbt, isoliert, für die Öffentlichkeit nun erst recht kein Mensch mehr, sondern ein politisches Symbol.

Im Gespräch winkt Mario Calabresi ab: All das zu verhandeln „hätte keinen Sinn gehabt“. Die „bleierne Zeit“, die anni di piombo seien in Italien fester Teil des nationalen Gedächtnisses und in jeder Buchhandlung füllten Antworten auf die unbeantworteten Fragen jener Jahre mindestens ein Regal, sehr viele aus der Sicht der Ex-Terroristen. Die beherrschten auch die öffentliche Debatte, „die Angehörigen ihrer Opfer werden komplett ausgeblendet“. Für sie habe er Platz gewollt, „um zu sagen: Ich bin auch noch da“.

Es gibt viele Ichs in Calabresis Buch: Da ist zum Beispiel seine Mutter, die allein drei kleine Jungen erziehen muss – mit dem Jüngsten ist sie schwanger, als ihr Mann umgebracht wird – und fest entschlossen ist, sich von der Trauer nicht erdrücken zu lassen und lieber nach vorn als im Zorn zurück zu schauen. Aber es gibt auch Antonia Custra, deren Vater, auch er Polizist in Mailand, 1976 erschossen wurde, sechs Wochen vor ihrer Geburt, und die diese Wahl nicht hat: „Am Tag, als mein Vater starb, starb auch meine Mutter. Sie ist zwar immer noch bei mir, aber seit dreißig Jahren lebt sie wie ein Gespenst, ist abwesend, ständig in Angst. Sie geht nie aus dem Haus, kauft sich nichts, verreist nie, geht nicht mal ins Restaurant.“ Antonia sorgt für die Mutter, dabei braucht sie selbst dringend Hilfe. Aber für eine Therapie ihrer Essstörung hat der Staat kein Geld. Als das Arbeitsamt sie irgendwann auf einer Liste besonders zu fördernder Angehöriger von Terroropfern entdeckt, bekommt sie einen Job angeboten: „Auf diese Weise wurde ich die erste Straßenkehrerin Neapels.“ Manches überschreite eben „einfach die Grenzen des Erträglichen“, sagt Mariella Magi, die die Roten Brigaden zur Witwe machten, als sie 22 zwar. „In Wirklichkeit sind ja wir die zu lebenslänglich Verurteilten. Die Terroristen haben ihre zweite Chance, wir und die Ermordeten dagegen haben eine solche Möglichkeit nicht.“

Es fällt schwer, hier nicht auch den Autor mitzuhören – und doch enthält der sich bewusst jedes Urteils. Sich als Opferangehöriger politisch einzumischen, heißt für ihn: sich raushalten. Angehörige sollten Hafterleichterungen oder Begnadigungen für verurteilte Täter öffentlich nicht einmal werten. Das sei Sache der Institutionen, der Politik, die für ihre Entscheidungen auch geradestehen müsse. Dieser in Italien nicht selbstverständliche Vorschuss an Staatsvertrauen ist Calabresis einzige explizite politische Stellungnahme.

Das Versprechen seines italienischen Titels „Spingendo la notte più in là“ löst das Buch nicht ein – und kann es wohl auch nicht. Ein Stück Nacht zu vertreiben, die lange Nacht der Republik in den 70er Jahren, das hieße, mehr über sie zu wissen. Aber selbst Verbrechen vom Kaliber der Piazza Fontana sind bis heute kaum halb aufgeklärt; an der amtlichen Erledigung der Fälle Pinelli und Calabresi bleiben massive Zweifel – die Calabresi nicht verschweigt und die seine Übersetzerin Michaela Wunderle in einem lesenswerten Nachwort referiert.

Mario Calabresi öffnet ein Fenster und lässt seine Leser, um mit Susan Sontag zu reden, das Leid der andern sehen. Wer es anschaut, für den kann Gewalt keine Option mehr sein.

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