Literatur : Der erfundene Spion

Der Fall Noel Field: Die erschütternde Dokumentation über ein Lehrstück des Terrors im stalinistischen Osteuropa

Ilko-Sascha Kowalczuk

In der Geschichte des europäischen Kommunismus kommt der Name Noel Field einem mythischen Geheimnis gleich. Mit seinem Namen eng verbunden sind zahlreiche Geheimprozesse in Osteuropa. Dutzende Tote, Hunderte Verurteilungen in Folge polizeistaatlichen Terrors werden mit der „Field-Affäre“ in Zusammenhang gebracht. Der Berliner Historiker Bernd-Rainer Barth, ein Kenner der ungarischen Zeitgeschichte, und der Zürcher Filmemacher Werner Schweizer, der einen beeindruckenden Film über Noel Field machte, haben mit ihrer voluminösen Dokumentation den „Fall Field“ aufgearbeitet.

Bei der spannenden Lektüre der 162 Dokumente, der aufschlussreichen Kapiteleinführungen durch Barth sowie der vielen Beilagen wird schnell deutlich, dass wir es hier nicht mit einem Kriminalstück zu tun haben, sondern mit einer politischen Geschichte im Kalten Krieg, die ihre Ursprünge in den Wirren der späten zwanziger Jahren hat – und letztlich bis in die siebziger Jahre reicht.

Noel Field, geboren 1904, arbeitete nach einem Harvard-Studium von 1926 bis 1936 im US State Department, wechselte 1936 zum Völkerbund nach Genf, wo er bis 1940 blieb. Ab 1941 war er für eine US-Flüchtlingshilfsorganisation tätig. Im „Zeitalter der Extreme“ begann Field, sich für kommunistische Ideen zu begeistern. 1932 kommt es zu Verbindungen zur KPUSA. Sechs Jahre später folgt sein Moskauer Parteieintritt, der auf das Jahr 1936 zurückdatiert wird.

Während seiner Tätigkeit in Europa hat Field Kontakt zu unzähligen Kommunisten. Er hilft vielen bei Flucht und Emigration. Ende September 1947 entließ ihn die Fluchthilfeorganisation, weil seine kommunistischen Ambitionen bekannt wurden. Ein Jahr später tauchte Field erstmals in US-Presseberichten als vermeintlicher kommunistischer Agent auf. Die Nachkriegshysterie des Kalten Krieges blieb längst nicht auf Stalins Osteuropa beschränkt. Field wollte die Entwicklung zunächst in Prag abwarten, wurde dort aber am 19. November verhaftet. Die Prager Genossen ließen ihn wieder laufen, überzeugt, einen treuen Kommunisten vor sich zu haben. Field reiste nach Paris ab.

In Budapest hingegen, wo mit Mátyás Rákosi ein besonders gelehriger Stalin- Schüler die Macht ausübte, war man bereits mit der Vorbereitung eines Schauprozesses zur Machtstabilisierung beschäftigt. Das Muster war einfach: Ungarische Kommunisten, die bis 1944/45 im Westen Exil gefunden hatten, sollten der imperialistischen Unterwanderung angeklagt werden. Als Beweis dafür sollte Noel Field dienen, den man als US-Spion vorführen wollte. Die tschechischen Kommunisten wehrten sich anfangs noch gegen diese Konstruktion. Als jedoch nicht nur Budapest, sondern auch Moskau Field zum Feind erklärte, blieb Prag nichts übrig, als Field zu verhaften. Der war am 5. Mai 1949 erneut nach Prag gekommen, wo er am 11. Mai überfallen, betäubt und nach Budapest gebracht wurde.

Dort begann sein Martyrium, das über fünf Jahre andauern sollte. Obwohl Field bei der Wahrheit blieb, setzten am 16. Mai Verhaftungen ungarischer kommunistischer Westemigranten ein, die sich schnell auf Kommunisten in ganz Osteuropa ausdehnten. Im August 1949 wurden Fields Bruder Hermann in Warschau und wenig später Fields Ehefrau Herta in Bratislava verhaftet. Auch sie blieben bis Herbst 1954 in Haft. Im September 1949 fand der erste Schauprozess statt. Der ungarische Außenminister László Rajk und zwei weitere Funktionäre wurden hingerichtet, mehrere hohe Zuchthausstrafen wurden ausgesprochen. Zu diesem Zeitpunkt spielte Noel Field schon keine Rolle mehr in der Prozessregie, da er sich nicht in die Prozessdramaturgie einbinden ließ. Field blieb in Isolationshaft. Als im Juni 1953 Moskau den „Neuen Kurs“ diktierte, kam es in Ungarn zu einem Umschwung. Field wandte sich an Moskau und bat um Überprüfung seiner Haft. „Als Kommunist wäre es meine selbstverständliche Pflicht, in der Öffentlichkeit zu schweigen, aber es ist klar, dass die Partei sich in einer so gefährlichen Sache nicht auf mein garantieloses Ehrenwort verlassen kann und darf“, schrieb er.

Bewegung in die Sache kam, als 1954 ein polnischer Überläufer der Weltöffentlichkeit vom Fall Field berichtete. Die Polen sahen sich genötigt, Hermann Field zu entlassen, was dieser mit der Forderung verband, auch seinen Bruder Noel freizugeben. Das geschah am 28. Oktober, auch Herta Field kam frei. Nun erst erfuhren beide vom Schicksal des anderen.

Seinen Überzeugungen treu bleibend bat Noel Field um Asyl in Ungarn. Er wurde weiter beschattet, gleichzeitig jedoch entschädigt und rehabilitiert – anschließend arbeitete er in Budapest als Lektor und Übersetzer. Er starb 1970. Bis zuletzt vertrat Noel Field kommunistische Überzeugungen. Die ungarische Revolution 1956 lehnte er schroff ab und sah in ihr ein imperialistisches Teufelswerk.

Die Dokumentation gewährt Einblicke in die kommunistische Herrschaftspraxis der frühen fünfziger Jahre, wie sie bislang so detailliert nicht möglich waren. Beide Bände wurden hervorragend bearbeitet und lassen unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten keine Wünsche offen. Herausgebern und Verlag gebührt Dank für dieses Werk, das unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wohl kein Knaller wird. Für die Wissenschaft aber ist es ein Glanzpunkt, den noch viele Forschergenerationen zu nutzen wissen werden.

Bernd Rainer Barth, Werner Schweizer (Hrsg.): Der Fall Noel Field. Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa. Band I: Gefängnisjahre 1949–1954. 933 Seiten inkl. DVD, Band II: Asyl in Ungarn 1954–1957. 698 Seiten. Basis Druck, Berlin 2005 und 2007, beide Bände zusammen 74,60 Euro.

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