Literatur : Der faustische Techniker

Zum 150.: Rudolf Diesels Leben als Roman

Erhard Schütz

Ein Mann kehrt spät von der Arbeit heim. Welcher Tag denn heute sei, fragt ihn liebevoll resigniert seine Frau. Der 18. März, ja und? Na, sein Geburtstag! „Richtig, hab’ ich ganz vergessen.“ Willy Birgel ist in Gerhard Lamprechts Film von 1942 Rudolf Diesel. Und der ist mit anderem als seinem Geburtstag beschäftigt: „Die Welt braucht den Motor, also muss er geschaffen werden.“ Zwar hatte er seinem Arbeitgeber Carl Linde versprochen, nur für dessen Kältemaschinen zu arbeiten und auf eigene Forschungen zu verzichten, aber: „Sag einem Baum, dass er aufhören soll zu wachsen...“

Diesel macht also weiter, gegen alle Widerstände und Neider. So kommt der „Diesel-Motor“ in die Welt und tritt seinen Siegeszug an. Am 18. März konnte man Diesels 150. Geburtstag feiern. Augsburg, wo er zur Schule ging und wo er bei MAN an seinem Diesel-Motor tüftelte, nachdem er in Paris mit einem Ammoniak-Motor gescheitert war, führte Lamprechts Film neu auf. Außerdem ist ein Roman mit dem schlichten Titel „Diesel“ erschienen. Sein Autor, Viktor Glass, lebt gleichfalls in Augsburg. Ob das etwas zu bedeuten hat? Auch Augsburgs Jubilar Bertolt Brecht liebte es, sich als Ingenieur zu stilisieren.

Rudolf Diesel jedenfalls war prädestiniert, den Typus des faustischen Technikers zu verkörpern, wie ihn das ausgehende 19. Jahrhundert sich imaginierte: Der Ingenieur, auf den der Bildungsbürger herabsah, als ein Bruder des Künstlergenies. So sehr beide mit sich rangen, vom Dämon seiner Vision getrieben, bereit, Gesundheit, Wohlstand und Lebensglück dem Werk und Wohl des Ganzen zu widmen, hatte der Ingenieur, wie Diesels Sohn Eugen schrieb, es am Ende schwerer als der Künstler: „Das einzelne Kunstwerk steht als einmaliges Werk da. Das Wesen der Technik aber besteht ja gerade darin, dass sie sich durch den Geist und die Hände einer schaffenden Gemeinschaft fortentwickelt.“

Beethovens „Eroica“ ist noch da, Watts Dampfmaschine aber ist verschwunden. Technokratisch sah man ihn dafür als idealen ‚Führer’, der nur der Sache und ihrem Gemeinwohl diente. Und Diesel? Als der nach ihm benannte Motor endlich funktionierte, hatte er kaum mehr Ähnlichkeit mit dem, was das berühmte Patent 67207 beschrieb.

Um- und Irrwege waren das Muster seines Lebens. In Paris geboren, von armer Herkunft, aber hochbegabt und selbstbewusst, gefördert von Gönnern, von Migräne gepeinigt, aber von einer verständnisvollen Frau begleitet, durch herbe Rückschläge und Anfeindungen bis in den Nervenzusammenbruch getrieben, am Ende jedoch weltberühmt – wenngleich noch immer am Rande des Ruins. Dann das Ende: Am 29. September 1913, von Bord eines Schiffes auf der Überfahrt nach England verschwunden. Selbstmord des weitgehend Mittellosen und Kranken, wie sein Sohn in einer 1937 erschienen und immer wieder aufgelegten, voluminösen Biographie vermutete? Oder Mord? Im Auftrag des Reichs, weil der sozial und pazifistisch eingestellte Diesel seinen Motor in Frankreich und England lizenzierte, Geheimnisse z. B. deutscher U-Bootantriebe zu verraten drohte? Oder gar, weil er an Bio-Diesel arbeitete, von den Öl-Magnaten?

Der Roman beginnt eindeutig: Diesel wird ermordet. Darauf folgt, verschnitten mit Momentaufnahmen der Recherche und Artikeln aus der „Augsburger Zeitung“, Diesels Leben, in eher biedermeierlicher Betulichkeit avancierend, nett ausfacettiert und entfaustet. Ein intellektueller Prekarier, der dann doch noch Karriere macht. Das ist ordentlich an Eugen Diesels Diesel entlang erzählt, mit zagen Aktualisierungen, wenn etwa das Management sich auf Kosten der Arbeiter bedient, aber auch klischierter als in der Vorlage, wenn beim Besuch in den USA Diesel für alteuropäische Kultur und Edison fürs Geldmachen einsteht. Schließlich der Beschluss: der konzertierte Mord. In wessen Auftrag? Um Bio geht es nicht.

Viktor Glass:

Diesel. Roman.

Rotbuch Verlag,

Berlin 2008.

351 Seiten, 19,90 €.

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