Literatur : Der Hass von nebenan

"Islam ist die Lösung" - das ist das Motto für alles. Wie wird man zum Muslim-Fanatiker? Ed Husain beschreibt seinen eigenen Weg im Buch "The Islamist“.

Ruth Ciesinger

Sie kamen nicht aus dem Gazastreifen. Nicht aus Afghanistan, auch nicht aus Saudi-Arabien. Die Selbstmordattentäter, die sich am 7. Juli 2005 in der Londoner U-Bahn und einem roten Doppeldeckerbus in die Luft sprengten, waren Briten, sie waren im englischen Leeds aufgewachsen. Die jungen Männer hatten sich von der Gesellschaft entfremdet, die eigentlich die ihre sein sollte. So sehr, dass es ihr wichtigstes Ziel wurde zu sterben und – dabei möglichst viele Mitbürger zu ermorden.

Der Schock darüber war enorm. Dass die Gefahr für London, diese multikulturelle Hauptstadt Europas, nicht aus Südostasien oder dem Irak kam, sondern im Haus nebenan heranwuchs, hat bei den Attentaten neben aller Grausamkeit besonders verstört. Und es geht hier nicht nur um Großbritannien. Gerade steht einer der jungen Männer vor Gericht, die im Sommer 2006 selbst gebastelte Bomben in Zügen der Deutschen Bahn explodieren lassen wollten. Im Oktober sind im Sauerland drei Männer wegen groß angelegter Attentatspläne verhaftet worden. Sie alle berufen sich auf den Islam.

Weshalb schlägt ein Mensch diesen Weg ein? Und weshalb tut er das unter dem Banner einer Weltreligion, deren Prophet Mohammed selbst seine Anhänger vor religiösem Fanatismus warnte – „denn es war der Extremismus ihrer Religion, der diejenigen, die vor Euch kamen, zerstört hat“. Wer eine Erklärung sucht, muss sich meist mit Beobachtungen von außen bescheiden, die radikalen Zirkel bleiben den Nichtmuslimen ohnehin verschlossen. Gerade deshalb ist Ed Husains bisher nur auf Englisch erschienenes Insiderbuch „The Islamist“ so außergewöhnlich. „Warum ich mich dem radikalen Islam in Großbritannien angeschlossen habe, was ich dort sah und weshalb ich ihn wieder verlassen habe“ – darum geht es in diesem Buch, das den Blick für eine Welt öffnet, die jahrelang ignoriert wurde und die bis heute kaum verstanden wird.

Zum ersten Mal erzählt ein früheres Mitglied einer islamistischen Organisation, der Hizb-ut-Tahrir, wie aus einem gläubigen, wohlerzogenen Muslim-Jungen ein Fanatiker wurde. Und wenn Husain beschreibt, wie er über Jugendverbände, Debattierklubs und Aktionszellen immer stärker in der Gemeinschaft aufgeht und -steigt, dann wird erfassbar, wie die straff organisierten Islamisten mit ihren schlagkräftigen Strukturen wie die Jugendbande auf dem Pausenhof die Mehrheit der friedlichen Gläubigen hilflos verstummen lässt.

Ed Husain wächst im Londoner East End auf. Für den Vater, der Mahatma Gandhi und Winston Churchill gleichermaßen bewundert, ist der Koran eine Quelle geistiger Offenbarung. Dass der Sohn den Islam als politische Bewegung begreift, macht ihn ratlos. Zumal der Großvater aus Bangladesh, ein gelehrter Prediger, der auch in Großbritannien verehrt wird, einen ebenso friedlichen, auf Selbstlosigkeit ausgerichteten Islam lehrt.

Doch als 16-Jähriger findet Ed dort keine Heimat mehr. Weil sich der Teenager von den Eltern abgrenzt, aber auch, weil er an der Jungenschule, die kein einziger weißer Brite besucht, nicht viel Wahl hat zwischen Anarchie und Religion. An einem Ort, an dem sonst Gewalt und Gangzugehörigkeit das soziale Überleben sichern, wird Falik, Mitglied der Young Muslim Organisation UK, Eds Freund und Wegbereiter in den Islamismus.

Zu seiner geistigen Heimat wird die Organisation Jamaat-e-Islami, 1941 gegründet von Abul Ala Mawdudi. Mawdudi hat als einer der Ersten im vergangenen Jahrhundert den Islam nicht nur als Religion verstanden, sondern hat ihn als politische Ideologie neu definiert. In diesem allumfassenden Konzept geht Ed Husain auf, er agitiert, diskutiert, wirbt neue Mitglieder – mit Erfolg. Seine Uni wird er später als Vorsitzender der Islamischen Gesellschaft fest im Griff haben. Ganz im Gegensatz zum Rektorat und den Lehrern, die nicht viel mehr tun als zusehen, wenn immer mehr junge Frauen nur noch tief verschleiert in den Unterricht kommen, und die Jung-Islamisten zu ihren hetzerischen Vorträgen laden. Als einmal in einem missglückten Versuch, den religiösen Furor zu mildern, das College eine Disko organisiert, stellen sich die jungen Männer nur wortlos neben den Eingang – niemand besucht die Party.

Doch Islamist ist nicht gleich Islamist. Husain beschreibt unterschiedliche Strömungen, die untereinander um Macht und Mitglieder konkurrieren. Den ideologischen Krieg erfährt der Leser aus erster Hand, aber ohne jede Effekthascherei. Dabei spannt sich ein erschreckend großes Netz, das auch aus Saudi-Arabien stetig finanziert und gefördert wird. Ed selbst wird als 18-Jähriger von einem Konvertiten zur Hizb-ut-Tahrir angeworben. „Islam ist die Lösung“ – das war schon zu Zeiten der Jamat-e-Islami die Losung. Doch für die Hizb ist alles Weltpolitik, wird jeder Alltagszwist mit dem Genozid an bosnischen Muslimen und der Palästinenserfrage zusammengebracht. Ihre faschistische, antisemitische Propaganda verbreiten die Islamisten, ohne dass jemand großen Anstoß daran nimmt. In dieser Zeit trifft Ed auch den jungen Aktivisten Eisa al Hindi. Sein Name taucht Jahre später auf einer CIA- Liste führender Al-Qaida-Mitglieder auf.

Ed Husains Schicksal aber verläuft anders. Ein paar Mal hat er bereits an der Sinnhaftigkeit der Ideologie gezweifelt, nach einem Mord verlässt er Mitte der 90er Jahre die Hizb. Sein Weg aus dem Islamismus heraus ist fast noch länger als der hinein. Später arbeitet er in Saudi-Arabien für das British Council, nach sechs Monaten verlässt er das Land des Wahabismus mit Grausen. Heute, mit Anfang dreißig, lebt er mit seiner Frau wieder in London, er hat den friedlichen Islam seines Großvaters neu entdeckt und beobachtet zugleich, wie die Islamisten in London weiter agitieren. Die Ideologie, die zu den Attentaten des 7. Juli geführt hat, ist er überzeugt, ist nach wie vor „am Leben und fest verwurzelt unter jungen britischen Muslimen“.

In Europa wird die Frage nach der Zukunft des Islam entschieden, das ist eine der Botschaften von „The Islamist“. Auf jeden Fall, was die Zukunft des Islams im Westen betrifft. Dieser Ansicht ist auch der Amerikaner Lawrence Wright. Bei einer Veranstaltung der American Academy in Berlin argumentierte er, in Europa seien die Muslime freier als in vielen ihrer Herkunftsstaaten, um auch über Religionsfragen zu debattieren. Sie seien in Europa aber auch genauso freier, sich zu radikalisieren.

Wright, preisgekrönter Autor des „New Yorker“ und erfolgreicher Drehbuchschreiber, hat selbst ein Buch verfasst, dass schon jetzt fast ein Standardwerk ist für alle, die sich mit islamistischem Terror auseinandersetzen. Fünf Jahre lang hat er die ideologischen Wurzeln von Al Qaida, den Werdegang Osama bin Ladens zum Terrorchef und das völlige Versagen der amerikanischen Geheimdienste vor dem 11. September recherchiert. „Der Tod wird euch finden“ ist im vergangenen Jahr zu Recht bereits überschwänglich gefeiert worden. Im Zusammenhang mit „The Islamist“ empfiehlt sich die Lektüre noch einmal dringend. Beide Autoren vermitteln einen Einblick in eine Gedankenwelt, die auch für unsere Gesellschaft zur Überlebensfrage werden kann. Ein hochprofessioneller Beobachter von außen und einer, der von sich sagen kann, „ich war dabei“.

Ed Husain: The Islamist. Why I Joined Radical Islam in Britain, What I Saw Inside and Why I Left. Penguin, London 2007. 304 Seiten, 14,45 Euro.

Lawrence Wright: Der Tod wird Euch finden. Al Qaida und der Weg zum 11. September. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 544 Seiten, 24,95 Euro.

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