Literatur : Der Himmel soll nicht blau sein

Ulrike Almut Sandigs lyrisches Album „Streumen“

Jan Volker Röhnert

Jeder hat nur ein Lied“, heißt es bei Lutz Seiler – ein Credo, das auch über den Gedichten Ulrike Almut Sandigs stehen könnte. Als Sandig 2006 überraschend zur jüngsten Gewinnerin des Lyrikpreises Meran gekürt wurde, lag erst ihr Debüt „Zunder“ vor, auf das nunmehr „Streumen“ folgt. Für die 1979 im sächsischen Großenhain geborene Pfarrerstochter, Absolventin des Leipziger Literaturinstituts und inzwischen Redakteurin der Zeitschrift „Edit“, ist es die Fortschreibung einer Poetik, die mit bewundernswerter Sicherheit und Präzision auf zweierlei setzt: das Spiel mit der Erinnerung und die Gestaltungskraft der Fantasie. Dieses Programm wird bereits vom Titelwort „Streumen“ vorweggenommen – einerseits ihr Name für den Ort der verschwundenen Kindheit; andererseits Flurbezeichnung für eine erst in der Poesie erschaffene Landschaft. Das zweiteilige Gedicht „Kolor“ verkörpert sehr gut ihr Changieren zwischen Benanntem und Vorgestelltem; in der Farbe Blau ist es zu einer unauflösbaren Einheit verschmolzen: „schieß ein BILD: meine kleider sind / blau. vergiss mein nicht. diese blume / ist blau. alles, was wir haben, ist uns auch von / belang! alles ist blau, ja! blau. mein schatz ist / ein matrose. (1) … mein ring ist nicht blau, textil ist / nicht blau, wetterkarten sind nicht blau. / himmel soll auch nicht blau sein. (2)" Mit „ Streumen“ ist der Leipzigerin eine eindrucksvolle Landnahme gelungen. Jan Volker Röhnert

Ulrike Almut Sandig: Streumen. Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008. 84 S., 15 €.

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