Der Islam und die Deutschen : Wie manisch: Moscheen in Deutschland

Die Deutschen sollten sich besser an den nun hervortretenden Islam gewöhnen, meinen die Islamologin Bärbel Beinhauer-Köhler und der Soziologe Claus Leggewie.

Wolfgang G. Schwanitz

Das werde später als Verrat am deutschen Volke gelten, zürnt ein Bürger im Internet über den Münchner Moscheestreit: Muslime nehmen immer mehr Raum ein und „verdrängen unsere Kultur“. Und das sei gewollt. Dazu stehe er, selbst wenn er so in der rechten Ecke lande. Gleichzeitig wird in einem deutschen Gerichtssaal eine Muslimin erstochen, offenbar weil sie Muslimin war.

Die Deutschen sollten sich besser an den nun hervortretenden Islam gewöhnen, meinen die Islamologin Bärbel Beinhauer-Köhler und der Soziologe Claus Leggewie, und zu diesem Gewöhnen gehört die Moschee in der Nachbarschaft. Ihr Buch über Moscheen in Deutschland ist der Versuch, den Streit um Baukonflikte zu versachlichen. Der Leser erfährt die Geschichte und Funktion solcher Sakralbauten, bei denen es aber eben auch zu „Anerkennungskonflikten“ kommt, über die jetzt die Integration ablaufe. Leitkultur? Nein, sagt Leggewie. Die gebe es wegen der Vielfalt nicht mehr. Migration und Demographie sprechen ihr Wort. Daher verfehlt jene zornige Schuldzuweisung an Muslime. Laut Leggewie rückten nun in Berlin, der „Hauptstadt des Atheismus“, Muslime mit ihren Gebetsräumen aus den Hinterhöfen in die Zentren. Vier Großbauten seien es am Columbiadamm, einer weiteren in Neukölln, am Mierendorffplatz und in Pankow. An der Spree zähle man 120 Gebetsstätten und Moscheen. Der Leser findet eine recht nüchterne Darstellung des Werdens und Wesens von Moscheen im Lande. Zum anderen kommen die Autoren auch nicht umhin, eine Politisierung des Islams zu beklagen. Moscheen seien dann Symbole des neuen, und zwar religiös motivierten Kulturkampfes.

Aber Leggewie widerspricht sich auch, indem er einige Parteien und Bürgerlisten anführt, die sich „wie manisch“ auf die „vermeintliche ,Islamisierung‘ Europas“ stürzen. Hierbei gelänge es ihnen, das diffuse Ressentiment von Anwohnern in die Parlamente zu tragen und sich dort eine Sperrminorität zu sichern. Dies mag den Leser verwirren: Einerseits wird der zunehmende Bau von Moscheen skizziert, andererseits wird diese Islamisierung Europas dann „vermeintlich“ genannt.

Der Begriff Islamismus und die damit verknüpften Assoziationen tauchten im Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg auf. Ebenso die Rede von der Europäisierung des Islams, kurz Euro-Islam. Doch sprach ihr Schöpfer, Carl Heinrich Becker, von Afrika. Er konnte ja nicht ahnen, dass diese Wendung 100 Jahre später im atheistischen Europa zur Kernfrage würde: Islamisierung des Erdteils oder Euro-Islam? Und diese Frage wird von den Autoren nicht beantwortet.

– Bärbel Beinhauer- Köhler, Claus Leggewie: Moscheen in Deutschland.

Religiöse Heimat

und gesellschaftliche

Herausforderung. C.H. Beck, München 2009. 240 Seiten, 12,95 Euro

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